ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2014Krankenhäuser: Die Mittelknappheit schadet den Patienten

POLITIK

Krankenhäuser: Die Mittelknappheit schadet den Patienten

Dtsch Arztebl 2014; 111(37): A-1491 / B-1287 / C-1223

Flintrop, Jens; Rieser, Sabine

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Rationierung von Leistungen, überflüssige Eingriffe, wenig Zuwendung – ein aktuelles Forschungsprojekt kommt zu erschreckenden Ergebnissen. Ein Krankenhausbündnis sendet einen Notruf an die Politik.

Die negativen Folgen der strukturellen Unterfinanzierung der Krankenhäuser lassen sich kaum mehr leugnen: 70 Prozent der Chefärzte vertreten in einer aktuellen repräsentativen Umfrage die Ansicht, dass sich die Mittelknappheit im Krankenhaus negativ auf die Patientenversorgung auswirkt. Von den Pflegedirektoren glauben dies sogar 82 Prozent, von den Geschäftsführern immerhin 66 Prozent. Vor allem die persönliche Zuwendung zum Patienten und die Pflege der kranken Menschen kommen demnach im stressigen Krankenhausalltag zu kurz. Es passiert aber auch, dass den Patienten aus Kostengründen nützliche Leistungen vorenthalten werden und dass Eingriffe nur deshalb erfolgen, um den Umsatz der Klinik zu steigern. Dies sind Ergebnisse des Forschungsprojekts „Umgang mit Mittelknappheit im Krankenhaus“ des Lehrstuhls für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Wasem, die am 5. September in Essen vorgestellt wurden. An der Studie beteiligten sich 1 432 Chefärzte, 396 Pflegedirektoren und 284 Geschäftsführer.

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Stille Rationierung

„Es lässt sich allgemein feststellen, dass der wirtschaftliche Druck im Krankenhaussektor gegenwärtig vom Großteil der Befragten als sehr stark wahrgenommen wird und folglich mit erkennbaren Rationierungstendenzen in der Patientenversorgung verbunden ist“, fasste Antonius Reifferscheid, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl, die Ergebnisse zusammen.

45 Prozent der Chefärzte nehmen im Klinikalltag häufig Entscheidungskonflikte zwischen ärztlichen und wirtschaftlichen Zielsetzungen wahr. So geben 21 Prozent der Chefärzte an, mindestens einmal im Monat eine für den Patienten nützliche Leistung nicht durchzuführen oder diese durch eine günstigere und weniger effektive Maßnahme zu ersetzen. 46 Prozent haben einem Patienten zumindest einmal in den vergangenen sechs Monaten eine nützliche Leistung vorenthalten. Dabei gibt es zwischen den einzelnen Fachrichtungen kaum Unterschiede. „Rationierung scheint somit kein exklusives Problem von Hochkostenbereichen zu sein, sondern ist in praktisch allen Fachabteilungen verbreitet“, analysierte Reifferscheid.

Neben der Rationierung sind Krankenhäuser auch versucht, der Unterfinanzierung durch Mengenausweitungen in lukrativen Leistungsbereichen zu begegnen. Hier zeigt die Essener Studie, dass die ökonomisch motivierte Überversorgung von einem relevanten Anteil der Chefärzte als Problem wahrgenommen wird: 39 Prozent vertreten tendenziell die Ansicht, dass ökonomische Gründe zu nicht erforderlichen Eingriffen führen. Dies meinen besonders Chefärzte aus den Bereichen Kardiologie, Unfallchirurgie und Orthopädie.

Ein gemeinsamer Weckruf

„Die Mittelknappheit in unseren Krankenhäusern trifft jeden Patienten direkt“, kommentierte Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, bei der Tagung in Essen die Studienergebnisse. Es sei absolut fahrlässig gewesen, dass man seit 1995 aus Kostengründen 15 Prozent Pflegepersonal abgebaut habe: „Die Folge ist eine enorme Arbeitsverdichtung und letztlich eine Zunahme bei den Krankenhausinfektionen, den Dekubitalulcera und den Burn-out-Syndromen. Für menschliche Zuwendung ist sowieso kaum noch Zeit.“ Im Ärztlichen Dienst sei die Situation nur scheinbar entspannter. Zwar steige die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in den Kliniken seit einigen Jahren absolut, dennoch nehme die Arbeitsverdichtung zu, weil zugleich die durchschnittliche Arbeitszeit je Kopf sinke, erläuterte Windhorst und verwies auf das verschärfte Arbeitszeitgesetz sowie die wachsende Zahl von Teilzeitarbeitsverhältnissen. Auch wegen immer mehr bürokratischer Pflichten verbrächten Ärzte heute deutlich weniger Zeit am Patientenbett als früher. Das Fazit des Kammerpräsidenten: „Die Krankenhäuser werden kaputt gespart.“

Diese Sorge haben auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Deutsche Pflegerat (DPR). Am 4. September traten deshalb BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum und DPR-Präsident Andreas Westerfellhaus vor die Bundespressekonferenz in Berlin und präsentierten ihre „Gemeinsame Resolution für eine qualitätssichernde Krankenhausfinanzierung“.

Seit Jahren müssten die Krankenhäuser einen anhaltenden Kosten- und Rationalisierungsdruck bewältigen, heißt es in dem „Not- und Weckruf an die Politik“ (Baum). Trotz größter Anstrengungen könnten immer mehr Häuser ihre laufenden Kosten nicht decken, sie seien zudem mit absolut unzureichenden Investitionsmitteln konfrontiert: „Demgegenüber steht ein stetig steigender medizinischer Leistungsbedarf der älter werdenden Bevölkerung, gepaart mit höchsten Ansprüchen an die medizinische Leistungsfähigkeit, an die Qualität und an die Patientensicherheit.“

Vor diesem Hintergrund appellieren die Verbände gemeinsam an die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Krankenhausreform (die am 8. September erneut tagte), die Besonderheiten des Krankenhaussektors als medizinisch-sozialen Leistungsbereich der Daseinsvorsorge zu stärken: „Insbesondere gilt es, die Grenzen ökonomischer Prinzipien in der gesundheitlichen Versorgung zu beachten.“ Konkret fordern BÄK, DKG und DPR, den Kliniken die für eine gute medizinische, pflegerische und menschliche Patientenversorgung notwendigen Personalausstattungen zu finanzieren, die Entwicklung der Betriebskosten besser im Orientierungswert abzubilden und den Investitionsstau in den Einrichtungen aufzulösen. Die Verbände erinnern an eine vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium beauftragte Kalkulation des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus. Danach würden jährlich mindestens sechs Milliarden Euro für die Krankenhausinvestitionsfinanzierung benötigt. Stattdessen stellten die Bundesländer den Krankenhäusern gerade einmal Mittel in Höhe von derzeit nur 2,7 Milliarden Euro jährlich zur Verfügung.

Ein gemeinsamer Appell von Pflege, Ärzteschaft und Verwaltung sei „nicht ganz selbstverständlich“, betonte Westerfellhaus vor der Hauptstadtpresse. „Aber uns eint die Sorge, dass aus dem Krankenhaus ein krankes Haus wird“, ergänzte Montgomery. Deshalb brauche es auch eine echte Reform der Krankenhausfinanzierung und kein „Reförmchen“, stellte der BÄK-Präsident klar: „Wir erwarten von Bund und Ländern ausreichend Mittel und hochwirksame Instrumente zur Bewältigung der drängenden Probleme im stationären Sektor.“

Nicht selbstverständlich: DKG- Hauptgeschäftsführer Baum, BÄK-Präsident Montgomery und DPR-Präsident Westerfellhaus präsentieren die gemeinsame Resolution. Foto: DKG
Nicht selbstverständlich: DKG- Hauptgeschäftsführer Baum, BÄK-Präsident Montgomery und DPR-Präsident Westerfellhaus präsentieren die gemeinsame Resolution. Foto: DKG

Zweckentfremdete Mittel

„Wir haben strukturelle Probleme im Krankenhaus, die sich im Zeitverlauf verstärkt haben“, meinte auch Gesundheitsökonom Wasem bei der Tagung in Essen. Hauptproblem sei die mangelnde Investitionsbereitschaft der Länder, weshalb die Krankenhäuser gezwungen seien, Investitionen aus den Mitteln für die Patientenbehandlung herauszuschneiden. „Wenn Investitionen mit Geld aus der Patientenversorgung bezahlt werden müssen, sollte man sich auch nicht wundern, dass dann die Patientenversorgung darunter leidet“, brachte Kammerpräsident Windhorst das Problem auf den Punkt.

Jens Flintrop, Sabine Rieser

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