ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2014Steigende Versicherungsprämien: Haftpflicht für alle!

POLITIK: Kommentar

Steigende Versicherungsprämien: Haftpflicht für alle!

Dtsch Arztebl 2014; 111(37): A-1502 / B-1295 / C-1231

Kohlschmidt, Nicolai

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dr. med. Nicolai Kohlschmidt, Berufsverband Deutscher Humangenetiker*
Dr. med. Nicolai Kohlschmidt, Berufs­verband Deutscher Human­genetiker*

Die Forderung nach einer bezahlbaren Haftpflichtversicherung für Hebammen wird von einem durchweg positiven Medienecho begleitet und findet so auch die Unterstützung zahlreicher Politiker. Schwierigkeiten, einen ausreichenden Versicherungsschutz zu finden, haben aber auch viele Ärztinnen und Ärzte, insbesondere aus „kleinen“ Gebieten. So haben Pränatalmediziner und Humangenetiker innerhalb weniger Jahre Prämiensteigerungen um mehr als 200 Prozent akzeptieren müssen. Anderenfalls hätten sie wegen einer fehlenden Haftpflichtversicherung ihre Tätigkeit beenden müssen. Für belegärztlich tätige Frauenärzte ist die Aufgabe der Geburtshilfe bereits Realität.

Dass die rasant steigenden Haftpflichtprämien für immer mehr Ärzte zu einem existenziellen Problem werden, haben inzwischen auch die Versicherungsunternehmen erkannt. Darüber, wie dem Problem zu begegnen ist, gibt es jedoch keinen Konsens.

Anzeige

Die Versicherer betrachten allein die Möglichkeit, dass sich die Ärzte zwischen zwei oder mehr Anbietern mit unterschiedlicher (wenn auch sehr hoher) Prämie entscheiden können, als Ausweis eines funktionierenden Marktes. Allerdings ziehen sich immer mehr Gesellschaften aus dem Haftpflichtbereich vollständig zurück, so dass ein Wettbewerb für den Arzt als Versicherungsnehmer kaum noch erkennbar ist. Für den Rückzug der Versicherer aus dem Haftpflichtgeschäft sind dabei folgende Faktoren ursächlich:

  • Bis vor wenigen Jahren wurden die Prämien für alle Arztgruppen gemeinsam als eine Risikogruppe kalkuliert. Fächer mit geringen Haftpflichtforderungen wie Pädiatrie stützten so die operativen Fächer.
  • Die von den Gerichten zugesprochenen Schadenssummen sind in den letzten Jahren stark gestiegen.
  • Bestimmte Fächer sind so klein und dabei so heterogen, dass sich die Aufwendungen für eine genaue Risikokalkulation für die Gesellschaften wegen der geringen Zahl potenzieller Versicherungsnehmer nicht rechnen.
  • Patienten können noch viele Jahre nach Abschluss einer Behandlung Forderungen erheben, so dass eine langfristige Kalkulation für die Versicherungen nahezu unmöglich ist.
  • Durch die Dauer der Prozesse und die Bedeutung schwer zu erfüllender formaler Kriterien (umfangreiche Behandlungsdokumentation) werden bereits bei Anmeldung eines Schadensfalls erhebliche Rückstellungen erforderlich. Auch im Fall einer Abwehr der Ansprüche entstehen den Versicherungen hohe Kosten für Gutachter und Anwälte sowie durch entgangene Zinserträge auf die Rückstellungen.
  • Schließlich fordern die Krankenkassen seit einigen Jahren zunehmend Regress für durch (vermeintliche) Behandlungsfehler verursachte Kosten und haben zu deren Durchsetzung eigene Abteilungen gegründet. Dabei sehen die Versicherungsgesellschaften durchaus das sich widersprechende Vorgehen zwischen den verschiedenen Sparten einer Gesellschaft.

Aus Sicht der Humangenetiker und Pränatalmediziner bestünden folgende Möglichkeiten, dem Haftpflichtproblem zu begegnen:

  • Staatliche Institutionen gründen einen Versicherungsfonds für Behandlungsfehler oder gewähren den privaten Versicherungsunternehmen einen Rückversicherungsschutz.
  • Der Gesetzgeber begrenzt mögliche Schadenssummen, so dass den Versicherungen eine langfristige Risikokalkulation möglich ist.
  • Die Verjährungsfrist für Forderungen aus Behandlungsfehlern beginnt mit Abschluss der Behandlung und nicht erst mit der Kenntnis des Behandlungsfehlers.
  • Die Kran­ken­ver­siche­rungen verzichten auf Regressansprüche gegenüber den Haftpflichtversicherungen, die bei privaten Versicherungen ohnehin nur zu Umbuchungen innerhalb einer Gesellschaft führen.
  • Die der Kalkulation für ärztliche Leistungen nach EBM und GOÄ zugrundeliegenden Kosten für die Haftpflichtversicherungen werden jährlich bei der Bewertung von Leistungen der Mutterschaftsvorsorge und Entbindung berücksichtigt und von den Krankenkassen entsprechend vergütet.

Da im Versicherungsmarkt staatliche Eingriffe kaum zu erwarten sind, haben Anpassungen der maximalen Schadenssummen und der Verjährungsfrist, der Verzicht auf Regress sowie regelmäßig an die Prämiensteigerungen angepasste Honorare der Krankenkassen und -versicherungen bessere Erfolgsaussichten.

Die Haftpflichtversicherung für Hebammen, Geburtshelfer, Pränatalmediziner und Humangenetiker stellt nur die Spitze einer sich verschärfenden Situation dar. Alle Ärztinnen und Ärzte sind aufgerufen, im Gespräch mit Krankenkassenvertretern und Politikern auf die Situation in ihrem Fach hinzuweisen. Wenn kein ausreichender Versicherungsschutz zu vertretbaren Prämien gewährleistet werden kann, droht langfristig eine Situation wie in den USA, wo in vielen Gegenden wegen des nicht mehr bezahlbaren Versicherungsschutzes pränatalmedizinische und geburtshilfliche Leistungen nur noch als Notfallbehandlung von staatlichen Einrichtungen angeboten werden.

*kommentiert mit: Dr. med. Robin Schwerdtfeger, Berufsverband niedergelassener Pränatalmediziner

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema