ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2014Körperbilder: Arnulf Rainer (*1929) – Jenseits des Zivilisierten

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Arnulf Rainer (*1929) – Jenseits des Zivilisierten

Dtsch Arztebl 2014; 111(37): [108]

Schuchart, Sabine

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Beim Fundrasing-Dinner der Albertina im Frühjahr 2012 tafelte die Crème de la Crème der österreichischen Gesellschaft in dem prachtvollen Museum, das eine der großartigsten Kunstsammlungen der Welt beherbergt. Zweck des prominenten Events: der Erwerb eines Werks von Künstler-Star Arnulf Rainer. Und tatsächlich, die 390 geladenen Gäste spendeten 200 000 Euro – genug, um Rainers Selbstporträt „Schlaf“ anzukaufen. „Es ist sicher eines der bedeutendsten Werke der österreichischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts“, freute sich Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, zumal der durch seine Übermalungen berühmt gewordene Künstler mit „Müde Pose I“ noch ein zweites Bild seiner wichtigen „Body Poses“ gratis dazu gab. Beide Arbeiten sind in der aktuellen Retrospektive aus Anlass von Rainers 85-jährigem Geburtstag zu sehen.

Arnulf Rainer: „Schlaf“, 1973–74, Öl auf Fotografie auf Holz, 83,5 × 122 cm: In einer Art Selbstgespräch vor der Kamera konfrontiert der österreichische Künstler den Betrachter mit fremden, hässlichen, gesellschaftlich üblicherweise nicht akzeptierten Aspekten des Mensch-Seins. © Albertina, Wien, Inv. 46649
Arnulf Rainer: „Schlaf“, 1973–74, Öl auf Fotografie auf Holz, 83,5 × 122 cm: In einer Art Selbstgespräch vor der Kamera konfrontiert der österreichische Künstler den Betrachter mit fremden, hässlichen, gesellschaftlich üblicherweise nicht akzeptierten Aspekten des Mensch-Seins. © Albertina, Wien, Inv. 46649

Die performativen Verfremdungen seines Körpers, für die er wie ein Schauspieler auf Fotos posierte, um diese dann zu übermalen, entstanden vorwiegend von 1970 bis 1975. Rainer stützte sich dabei insbesondere auf seine Beobachtungen in psychiatrischen Kliniken und gesellschaftlicher Außenseiter, mit denen er sich in einer Art künstlerischem „Overacting“ identifizierte, so auch seine exaltierte Gebärde mit dem Finger im Mund in „Schlaf“: „Alle meine Fotoüberarbeitungen sind Selbstdarstellungen, Reproduktionen des mir noch nicht bekannten Ichs“, sagte er 1974. „Er ist auf der Suche nach einer möglichst authentischen Vermittlungsform seiner unter größter Anstrengung hervorgerufenen Ausdruckszustände“, schreibt Christina Natlacen im Katalog. Weil ihm die Fotografie dazu jedoch nicht genügt, betont er mit dem Stilmittel der Überzeichnung Situationen psychischer und physischer Erregung, für Rainer ein „Selbsterkundungsprozess, bei dem vor allem auch Körperexpressionen jenseits des Zivilisierten ins Spiel kommen.“

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Es erscheint nur konsequent, dass er sich nach der eigenen Physiognomie anderen extremeren Vorlagen zuwandte. In seinen ergreifenden Übermalungen von Totenmasken und Leichengesichtern nach 1976 verwehrte er sich unter anderem gegen den traditionellen Begräbniskult, der in seinen Augen den Tod als „Übergang“ oder „Schlaf“ verharmlost. Sabine Schuchart

Ausstellung
„Arnulf Rainer. Retrospektive“

Albertina, Albertinaplatz 1, Wien;www.albertina.at;
tgl. 10–18, Mi. 10–21 Uhr; bis 8. Februar 2015
Museum Frieder Burda, Baden-Baden
28. Februar bis 3. Mai 2015

„Arnulf Rainer. Retrospektive: Albertina“, Katalog zur Ausstellung, gebundene Ausgabe, 239 Seiten, Walther König 2014; 38 Euro

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