ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2014Termintreue von Patienten: Pragmatische Arztpraxen

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Termintreue von Patienten: Pragmatische Arztpraxen

Dtsch Arztebl 2014; 111(37): A-1485 / B-1281 / C-1217

Rieser, Sabine

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Die Patienten sind mit ihren Ärzten und Psychotherapeuten zufrieden, wie die Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Ende Juli ergab – zum wiederholten Mal übrigens. Sie vertrauen ihnen in hohem Maße. Das heißt aber nicht, dass immer alles wie geplant läuft: Ein Viertel der Befragten bejahte, in den vergangenen zwölf Monaten einen Arzttermin kurzfristig nicht eingehalten zu haben. Berufliche Gründe waren schuld, aber auch Terminkollisionen, oder es gab gesundheitsbedingte Ursachen.

Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion
Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion

Die niedergelassenen Ärzte stellen ihren Patienten in Sachen Termintreue ein besseres Zeugnis aus, wenigstens zum Teil. Das Meinungsforschungsinstitut Infas hat bei einer repräsentativen Gruppe gerade im Auftrag der KBV nachgefragt, wie viele Ausfälle es am zurückliegenden Sprechtag in der Praxis gab. Nicht allzu viele, ist erfreulicherweise der vorherrschende Eindruck: Rund drei Viertel meinen, nur bis zu zehn Prozent der Termine würden entweder kurzfristig abgesagt, oder der Patient erscheine einfach nicht.

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Ein Grund für die unterschiedlichen Einschätzungen von Ärzten und Patienten kann sein, dass die Medizinischen Fachangestellten pragmatisch mit plötzlichen Lücken in der Terminplanung umgehen. Fast alle Praxen vergeben frei gewordene Termine kurzfristig an andere Patienten (92 Prozent) oder ziehen Kranke im Wartezimmer vor (77 Prozent). Ein Teil der Teams plant von vornherein mit einer höheren Termindichte, um Patientenabsagen zu kompensieren (22 Prozent).

Alles gut also? Dr. med. Andreas Gassen, der KBV-Vorstandsvorsitzende, sieht das nicht so: „Es kann immer mal vorkommen, dass ein Patient einen Termin absagen muss“, stellte er klar. Aber es komme häufiger als früher vor, dass Termine gar nicht oder sehr kurzfristig abgesagt würden, so die Infas-Ergebnisse. Für rund 16 Prozent der Haus- und 37 Prozent der Fachärzte ist dies mittlerweile ein Problem.

Diese Einschätzung will die KBV in der anhaltenden Diskussion um die Wartezeiten in Praxen beachtet sehen. „Eine Gesetzesvorlage, die nur Ärzte weiter in die Pflicht nehmen will, ist nicht nur aus diesem Grund unangemessen“, betonte Gassen. Damit bekräftigte er die Position des Vorstands in Bezug auf die Absicht der schwarz-roten Bundesregierung, Wartezeiten auf einen Facharzttermin zumindest im Fall einer Überweisung auf vier Wochen zu begrenzen. Bei Engpässen sollen Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) für Tempo sorgen, was seit Wochen für zornige Kommentare an der ärztlichen Basis sorgt.

Doch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) will sich an die Koalitionsvereinbarung halten. Das hat er wiederholt betont. „Wenn wir hier eine Lösung finden, ist die Legitimation für die Bürgerversicherung dahin“, hat auch sein Parteikollege Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der Union, überdeutlich zum Thema Wartezeiten angemerkt. Wie diese Lösung ausfallen könnte, darüber spekulieren auch die Journalisten in Berlin. „Vielleicht muss ich als Patient auf Facharztsuche ja demnächst ein Ablehnungsschreiben nach dem anderen bei Arztpraxen einsammeln, bevor sich eine Terminvermittlungsstelle einschaltet“, sinnierte ein Kollege dieser Tage. Was er dann machen würde, weiß er schon: „Lieber noch ein bisschen auf einen Termin warten.“

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion

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