ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2014Bali: Kunst im Reisfeld

KULTUR

Bali: Kunst im Reisfeld

Dtsch Arztebl 2014; 111(37): A-1528 / B-1316 / C-1250

Schiller, Bernd

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Vom Strandverkäufer zum Museums- und Hotelbesitzer: Agung Rai macht seine Gäste mit der Seele der Insel vertraut.

Foto: Bernd Schiller
Foto: Bernd Schiller

Agung Rai, Bauernsohn aus Bali, hatte vor vielen Jahren einen Traum. Als er etwa 20 war und die meisten seiner Freunde davon träumten, als Künstler berühmt zu werden, da erschien ihm im Schlaf einer seiner Ahnen und riet ihm von einer solchen Karriere ab. Dafür, so erzählt Agung Rai, der heute als bekanntester Vermittler einheimischer Kunst auf der Insel gilt, reiche sein Talent nicht aus. Seine Stärken, so sagte ihm der Weise im Traum, lägen vielmehr im Handel, in der Kommunikation, in der Kontaktpflege.

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Das leuchtete dem jungen Mann, der schon als Zehnjähriger an den Stränden von Kuta und Sanur Bilder balinesischer Maler an die Touristen verkauft hatte, ein. Vom Erlös dieses ambulanten Kunsthandels kaufte er ein Moped, mit dem er über die Insel fuhr, neue Bilder kaufte und so 1978 den Grundstock für seine erste Galerie in Ubud legen konnte, dem Zentrum balinesischer Kultur und dem Lieblingsort der Individualreisenden.

Der Visionär Agung Rai war da gerade einmal 23 Jahre alt. Aber er hatte sich Kenntnisse angeeignet, die seine Kunden beeindruckten. Besonders intensiv hatte er sich mit der Künstlerkolonie der Europäer beschäftigt, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren auf Bali das Paradies gesucht und den „Himmel betreten“ hatten, wie es Vicki Baum, die Schriftstellerin und Musikerin aus Wien, formulierte. Sie gehörte damals zum Kreis um den Deutschen Walter Spies, der zum „Entdecker“ und Förderer balinesischer Kunst wurde. Er verstand als erster Westler die Einheit von überirdisch schöner Kulturlandschaft, tiefer Religiosität und der Musikalität und Malerei der Einheimischen, die deren Alltag und Glaubenswelt spiegelte.

Das war Jahrzehnte später auch der Ansatz von Agung Rai. Sein Vater stammt zwar aus einer hochkastigen Adelsfamilie, deren Stammbaum auf eines der vielen kleinen balinesischen Königshäuser zurückgeht. Aber so sehr der Senior in Peliatan, einem Vorort von Ubud, verehrt wurde, so hoch sein Ansehen in der Dorfgemeinschaft und im Tempel auch gewesen sein mag, so einfach war doch die Umgebung, in der Agung Rai aufwuchs: ein Bauerngehöft, drumherum Reisfelder, Enten, Hühner, Kühe.

In dieser Welt findet Agung Rai, der längst erfolgreiche Hotelier, Museumsbesitzer und Geschäftsmann, nach wie vor seine Mitte. Über seine Galerie, die heute einer seiner vier Söhne leitet, kam er zu Geld und Ehren, wurde Mitglied und Vorsitzender zahlreicher Kulturgesellschaften in Indonesien und weit darüber hinaus. Auszeichnungen renommierter Institutionen in Tokio, Singapur, Peking und San Francisco machten ihn stolz, ließen ihn aber seine Wurzeln nicht vergessen.

Weil „Kunst lebendig bleiben und sich weiterentwickeln muss“, lädt er Dorfkinder zu Schnitz-, Tanz- und Musikkursen in sein Museum ein: „Wir heben dabei Schätze, und das auf spielerische Art.“ Auch die Hotelgäste im Arma-Resort, können sich in balinesischer Volks- und Kochkunst üben oder die Grundlagen des Bali-Hinduismus und der Astrologie kennenlernen. Mit solchen Aktivitäten lebt der Prinz aus Peliatan seinen Traum aus: „Alles kommt, alles geht, alles fließt, so wie das Wasser auf den Reisterrassen, das unser Korn zum Wachsen bringt.“ Um auch seinen interessierten Gästen etwas von der Seele Balis näherzubringen, wandert er fast jeden Tag mit ihnen in sein Heimatdorf, morgens zwischen sechs und sieben. Man beobachtet in dieser „goldenen Stunde“ gemeinsam, wie sich der Tag aus der Nacht schält und das Leben erwacht. Zum Abschluss treffen sich die Spaziergänger bei einer Tasse Tee auf der Veranda von Agung Rais Elternhaus.

Bernd Schiller

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