ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2014Quereinstieg in die Allgemeinmedizin: „In medizinischer Hinsicht fühle ich mich noch bereichert“

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Quereinstieg in die Allgemeinmedizin: „In medizinischer Hinsicht fühle ich mich noch bereichert“

Dtsch Arztebl 2014; 111(37): A-1496 / B-1290 / C-1226

Rieser, Sabine

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Karin Erasmi war mit Leidenschaft Anästhesistin. Doch es gab Gründe, etwas Neues zu machen. Nun hat sie die Klinik gegen eine eigene Praxis getauscht – in Kooperation mit ihrem Mann.

Alles im grünen Bereich: Karin Erasmi und Malte Scheidt sind zufrieden mit dem Alltag in ihrer hausärztlichen Praxis. Foto: Flintbekklein, Annika Loewe, Studio Loewe
Alles im grünen Bereich: Karin Erasmi und Malte Scheidt sind zufrieden mit dem Alltag in ihrer hausärztlichen Praxis. Foto: Flintbekklein, Annika Loewe, Studio Loewe

Glückliche Gründerin“ – so hat ein Journalist Dr. med. Karin Erasmi (47) einmal genannt. Das war kurz nach der Eröffnung ihrer hausärztlichen Praxis in Flintbek/Schleswig-Holstein. Zwar ging wie so oft bei Gründungen nicht alles glatt. „Der Praxisstart fiel durch eine Verzögerung mitten in die Bauphase“, erzählte Erasmi damals dem Magazin „Nordlicht“ der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein. Doch weil ihr Weg von der Anästhesie im Universitätsklinikum Lübeck über einen Quereinstieg in die Allgemeinmedizin hin zur eigenen hausärztlichen Praxis öfter holprig war, nahm Erasmi auch dieses Hindernis hin, so gut es ging. „Letzten Endes ist alles gut gelaufen“, resümierte sie damals. „Wir hatten im ersten Quartal schon viele Patienten.“

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Heute, mehr als ein Jahr später, hat sich die Quereinsteigerin in der Allgemeinmedizin etabliert. Die Praxis in Flintbek mit seinen 7 500 Einwohnern ist fertig, hell und aufgeräumt. Im Wartezimmer setzen ein pinkfarbener und zwei hellgrüne Stühle Akzente, die Patienten können sich von einem Tablett mit Wasser und Gläsern bedienen und in Büchern oder Bildbänden schmökern. Den Behandlungszimmern nehmen blaue Liegen und hellgrüne Sessel das Sterile. Mittlerweile besteht das Team im Heitmannskamp aus sieben Mitarbeitern, die eine ständig steigende Zahl von Patienten versorgen.

Auf einigen Umwegen zur heutigen Kooperation

Erasmi hat sich allerdings nicht nur für den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin entschieden, sondern auch gemeinsam mit ihrem Mann für dessen Quereinstieg in die Praxis. „Ich habe sogar das größere Behandlungszimmer bekommen“, flachst Dr. med. Malte Scheidt (50), Allgemeinmediziner. „Aber nur, weil er das Ultraschallgerät untergebracht hat“, kontert seine Frau. „Ein tragbares Gerät“, erläutert Scheidt stolz, praktisch bei Hausbesuchen und bei den Visiten in den Pflegeeinrichtungen, die er betreut. Auch dass ein Server die medizinischen Geräte digital verknüpfen kann und eine papierfreie Praxisführung ermöglicht, war beiden wichtig. Außerdem investierten sie in eine professionelle Homepage. Modern, kompetent, klar, mit persönlichen Akzenten – so soll die Praxis sein, so wollen sie sein.

Scheidt ist seit mehr als zehn Jahren als Hausarzt tätig und hat lange Jahre mit einem Kollegen in einem Nachbarort praktiziert. Dort wollte er bleiben, seine Frau suchte nach einer Einzelpraxis. Doch das Richtige und Finanzierbare zu finden, war schwierig. Das Ehepaar Erasmi-Scheidt hätte sich schließlich auch eine Kooperation zu dritt vorstellen können, mit dem Kollegen von Scheidt. Oder ein größeres Ärztehaus mit Kollegen weiterer Fachrichtungen. Doch kein Modell passte wirklich zu den Wünschen und Vorstellungen der Kollegen. Viel mehr wollen beide nicht dazu sagen, Enttäuschung und Verständnis mischen sich in ihren Äußerungen. „Hausärzte sind eine eigene Spezies, die wollen oft eher für sich arbeiten“, findet Scheidt. „Dass wir ein Ehepaar sind, hat manche abgeschreckt“, glaubt Erasmi.

Sie bereut weder die Kooperation mit ihrem Mann noch den Umstieg zur Allgemeinmedizin, ganz im Gegenteil. „Ich war leidenschaftlich gern Anästhesistin“, sagt Erasmi noch heute. Aber sie wusste, dass sie ihre Arbeit am Universitätsklinikum wegen der großen Belastung nicht bis zum Ruhestand würde ausüben wollen. Deshalb suchte sie nach etwas Neuem, wollte selbstständiger arbeiten, sich die Zeit besser einteilen können. Die Möglichkeit zum Quereinstieg in die Allgemeinmedizin kam ihr gelegen. Erasmi reduzierte ihre Stelle an der Klinik und erarbeitete sich in drei Jahren das, was ihr zur Hausärztin fehlte, unter anderem in der Praxis eines erfahrenen Kollegen.

„In medizinischer Hinsicht fühle ich mich durch die Allgemeinmedizin bereichert“, findet Erasmi. Als Medizinstudentin wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, Hausärztin zu werden. „Aber heute bin ich begeistert, wie hoch qualifiziert im ambulanten Bereich mit den verschiedensten Fachkollegen gearbeitet wird. Deshalb müssen wir Medizinstudierende für das Fach interessieren und ihnen zeigen: Auch in der Allgemeinmedizin kann man eine Menge Anspruchsvolles machen.“

Als Ehepaar in der Praxis: entspannte Kollegialität

Und die gemeinsame Arbeit als Ehepaar? „Wir laufen nicht Händchen haltend herum und geben uns Küsschen“, stellt Scheidt klar. Gesiezt wie sonst im Team wird sich aber auch nicht. Er arbeite sehr entspannt mit der eigenen Frau, hat Scheidt festgestellt, weil man sich eben gut kenne. „Wir nehmen uns in der Praxis als Kollegen wahr“, sagt Erasmi. „Ich weiß von seiner Qualifikation, er von meiner.“

So schätzt sie seine Erfahrung und Sicherheit, zum Beispiel beim Ultraschall. Er weiß, was sie mitbringt: Neulich, bei einem Notfalleinsatz, hat Erasmi als langjährige Anästhesistin diesen übernommen. Erasmi fühlt sich durch die gute Weiterbildung „bei einem alten Fuchs“ und die lange klinische Erfahrung nicht unsicher in ihrem neuen Fachgebiet. Außerdem lernt sie stetig dazu, gerade hat sie sich im Bereich Geriatrie qualifiziert. In der Aus- und Weiterbildung junger Kollegen engagiert sich das Hausarzt-Ehepaar ebenfalls. Ihre Praxis ist akademische Lehrpraxis der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und bildet gerade die erste Weiterbildungsassistentin aus.

Auch wenn Erasmis Quereinstieg für sie selbst ein Erfolgsmodell ist, sieht sie dennoch die Probleme damit. Nicht alle Kollegen könnten sich in kurzer Zeit qualifizieren: „Dermatologen oder HNO-Ärzte können nicht so flott die fehlenden Inhalte draufsatteln.“ Hinzukommt, dass man in der Umstiegsphase viel weniger verdient als zuvor. „Ein Kollege hätte Interesse gehabt“, berichtet Erasmi. „Aber als Familienvater Anfang 40 mit drei Kindern war ihm ein Umstieg einfach zu teuer.“

Angst vor Schulden darf man auch als Quereinsteiger nicht haben, wenn man dann eine eigene Praxis eröffnen will – das hat das Ehepaar ebenfalls erlebt. Kurz nach der Facharztprüfung Allgemeinmedizin ließ sich Erasmi in der Kassenärztlichen Vereinigung zur Niederlassung beraten und erhielt nützliche Tipps. Aber sie erinnert sich noch gut, wie viele Fragen es damals gab.

Als Tochter einer Bankkauffrau „bin ich zum Glück betriebswirtschaftlich bewandert“, sagt die Ärztin, das habe sehr geholfen in den Verhandlungen mit den Banken. Scheidt ergänzt, dass es ihm seine Berufserfahrung in der Praxis des Kollegen erleichtert habe zu entscheiden, was für die eigene gebraucht werde und was nicht. Dennoch: Ein Haus mit einer Praxis bauen zu lassen, wie es das Ehepaar getan hat, Personal einzustellen, gemeinsam in die Niederlassung zu starten, das war schwieriger als gedacht, zumal Erasmi und Scheidt auch noch Eltern sind.

Vor einer Niederlassung scheuen sich sogar Oberärzte

„Am Anfang mussten wir jeden Monat unsere Patientenzahlen an die KV durchtelefonieren wegen des Honorarabschlags“, erinnert sich Scheidt. „Aber ich war immer überzeugt, dass meine Frau mit ihrer zweifachen Qualifikation Erfolg haben wird.“ Wenn man Ärztinnen und Ärzten die Angst vor der Niederlassung nehmen wolle, ließe sich bei der Beratung und Begleitung auf jeden Fall noch einiges verbessern, finden beide.

„Selbst Oberärzte haben Scheu vor einer Niederlassung“, hat Scheidt erlebt. „Sie finden, in der Klinik habe man einen sicheren Arbeitsplatz. Doch es kann alles schnell anders laufen, wenn der Chefarzt wechselt, das Krankenhaus verkauft oder geschlossen wird.“ Erasmi hat den Schritt in die eigene Praxis getan und ist eine glückliche Gründerin. Fehlt manchmal etwas? „Eigentlich nicht“, sagt sie. „Höchstens mal eine schöne Narkose – richtig Action.“

Sabine Rieser

@Interview mit Dr. med. Max Kaplan zum Quereinstieg: www.aerzteblatt.de/59978 oder über QR-Code

„VIELE KÖNNEN NOCH NICHT FERTIG SEIN“

Dr. med. Karin Erasmi ist eine der ersten Quereinsteigerinnen, aber nicht die einzige. Nach Angaben der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) legten 2012 und 2013 insgesamt 56 Ärztinnen und Ärzte nach einem Quereinstieg erfolgreich die Facharztprüfung Allgemeinmedizin ab. Die meisten arbeiteten zuvor als Anästhesisten (21) oder Chirurgen (14). Der älteste Arzt war 68 Jahre, der jüngste 34.

2011 hatte der Deutsche Ärztetag entschieden, den Quereinstieg zu erleichtern. Die zu erwerbenden Inhalte sollten unangetastet bleiben, die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung also nicht geändert werden. Im Vordergrund stand, vorhandene Qualifikationen interessierter Fachärzte individuell zu prüfen, rasch anzuerkennen und diese beim Umstieg zu unterstützen. 2012 setzten die Lan­des­ärz­te­kam­mern den Beschluss auf Basis von Empfehlungen der BÄK um.

Dass bislang nur wenige zur Allgemeinmedizin gewechselt sind, bedeute nicht, dass das Interesse am Quereinstieg gering sei, erläutert Dr. med. Max Kaplan, BÄK-Vizepräsident und selbst Hausarzt. Wer umsteige, müsse alle Inhalte der Weiter­bildungs­ordnung zum Facharzt für Allgemeinmedizin nachweisen oder erwerben, wenn auch ohne vorgegebene Zeitabschnitte. „Das heißt: Viele Quereinsteiger können noch gar nicht fertig sein“, so Kaplan. „Deshalb kann man sich noch kein abschließendes Urteil über die Resonanz erlauben.“

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein zum Beispiel registriert ein steigendes Interesse. In diesem Jahr haben bislang drei Quereinsteiger ihre Prüfung abgelegt. 2013 erkundigten sich zehn Ärzte nach dem Angebot, 2014 bis jetzt 14.

Kaplan fände es sinnvoll, das Angebot erst Anfang 2017 zu evaluieren und nicht wie geplant schon 2015. Er hofft zudem, dass die Fördermittel für die Weiterbildung in Allgemeinmedizin aufgestockt werden. Davon können auch Quereinsteiger profitieren. Einkommensverluste halten nämlich manchen Interessenten derzeit davon ab, Hausarzt zu werden.

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