ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1996Drogen: Keine „erhöhte Sterberate“ durch Methadonsubstitution
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LNSLNS Im Zusammenhang mit Meldungen über einige Todesfälle von Drogenabhängigen in Düsseldorf, die mit Methadon substituiert waren, wurde auch im Deutschen Ärzteblatt die Mortalität Drogenabhängiger unter Methadonsubstitution wiederholt diskutiert. Der diesbezügliche Kommentar relativiert (zu Recht!) den falschen Eindruck, die Drogenabhängigen seien infolge der Methadonsubstitution verstorben.
Die Problematik ist eigentlich viel zu ernst, um verkürzt und simplifizierend damit umzugehen. Dennoch erlaube ich mir einige Hinweise: Die Validität der Statistik des Bundeskriminalamtes über die Rauschgifttodesfälle wurde wiederholt diskutiert; sie liefert – insbesondere im mehrjährigen Vergleich – gute Anhaltspunkte über Entwicklungstendenzen bezüglich tödlicher Gefahren des Drogenkonsums; hierüber liegt eine detaillierte Studie des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums vor. Die Mortalität Drogenabhängiger liegt in der Bundesrepublik insgesamt etwa bei ein bis zwei Prozent jährlich. Verschiedene Kohortenstudien haben ergeben, daß die Mortalität mit Methadon substituierter Drogenabhängiger geringer ist als bei den i. v. Konsumenten ohne Methadonsubstitution! Es ist eine (nicht unerwartete) Folge der bundesweit stark verbreiteten Methadonsubstitution, daß die Häufigkeit eines Methadonnachweises bei Drogentoten neuerdings zugenommen hat. Die Anzahl der Drogentodesfälle mit chemisch-toxikologischem Nachweis eines Methadon(Begleit-)Konsums zeigt beispielsweise in Hamburg 1994/95 eine stark ansteigende Tendenz. 1995 war bei zirka 20 Prozent aller Drogentoten Methadon im Blut nachweisbar (31 Fälle unter 141 Drogentoten). Tödliche Monointoxikationen beziehungsweise Misch-intoxikationen, bei denen Methadon relevant an der Gesamttoxizität der nachgewiesenen Drogen beteiligt war, wurden nur höchst vereinzelt beobachtet (bisher zirka ein Prozent aller 900 Drogentodesfälle seit 1990).
Diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund zu interpretieren, daß es in Hamburg zirka 10 000 Konsumenten harter Drogen gibt, von denen zirka 3 000 mit Methadon substituiert werden beziehungsweise sich Methadon zugänglich machen. In einer ersten Pilot-Auswertung haben wir auch überprüft, wie viele der bei der Hamburger Ärztekammer registrierten Methadonsubstituierten sich unter den von uns untersuchten Rauschgifttodesfällen (seit 1990) befanden. Die Größenordnung liegt bei ein bis zwei Prozent aller regulär in diesem Zeitraum Substituierten; damit ist die Mortalität dieser Methadonsubstituierten deutlich geringer als in der Gesamtpopulation der Drogenkonsumenten; im Untersuchungszeitraum 1990 bis 1995 gab es 900 Rauschgifttodesfälle bei (geschätzt) etwa 10 000 Konsumenten harter Drogen (entsprechend neun Prozent).
Eine differenzierte Auswertung unter Einbeziehung des individuellen Sterberisikos der verschiedenen Ausgangsgruppen (zum Beispiel im Hinblick auf Konsummuster, Substitutionsverhalten, Vorerkrankungen, Risikofaktoren) war bisher nicht möglich. Insbesondere ist speziell der Anteil der "wild" mit Methadon Substituierenden unter den Todesfällen nicht bekannt.
Für weitergehende Schlußfolgerungen beziehungsweise Verallgemeinerungen zum Sterberisiko Methadonsubstituierter bedarf es einer exakten Erfassung, Dokumentation sowie rechtsmedizinischen und sozialwissenschaftlichen Analyse aller Drogentodesfälle beziehungsweise gezielter Kohortenstudien. Die vorhandene (noch unzureichende) Datenbasis über Rauschgifttodesfälle mit nachgewiesener Methadonsubstitution gibt jedoch keine Veranlassung, den bislang bewährten Weg der geregelten MethadonSubstitution mit begleitender psychosozialer Betreuung in Frage zu stellen – im Gegenteil!
Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg, Butenfeld 34, 22529 Hamburg
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