ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2014Die Krankheitslast auf unseren Schultern
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Es ist nicht klar, wie viele Leserinnen und Leser dieser Zeilen sich schon einmal ernsthaft darüber Gedanken gemacht haben, in welchem Gesundheits- oder Krankheitszustand sie die zusätzliche Lebenszeit, die sie im Mittel gegenüber der ihrer Eltern gewonnen haben werden, verbringen möchten. Bei den meisten Menschen liegt es in der Natur, sich kaum mit existenziellen Fragen zu beschäftigen, die noch weit entfernt sind. Was so für den einzelnen sicher zutrifft, sollte Ärztinnen und Ärzte aus medizinischer Sicht beim Blick auf die gesamte Bevölkerung jedoch interessieren.

In Zeiten des demografischen Wandels, in dem die Lebenserwartung zunimmt und sich die Alterszusammensetzung der Bevölkerung ändert, kommt der Beobachtung der Krankheitslast eine große Bedeutung zu. Sie ist Thema der aktuellen Studie von Dietrich Plass und seinen Koautoren in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts (1). Mit dem Begriff „Krankheitslast“ ist hier die Häufigkeit, das mittlere Alter bei erstem Auftreten, der Schweregrad des Verlaufs und die Letalität von Erkrankungen mit all ihren individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Aspekten gemeint. Deshalb ist die Krankheitslast einer ganzen Bevölkerung immer beträchtlich und verändert sich in Zeiten des demografischen Wandels. Sie betrifft nicht nur die Zu- oder Abnahme einzelner Erkrankungen, sondern auch Verschiebungen im Krankheitsspektrum einer Bevölkerung mit allen daraus folgenden Konsequenzen, zum Beispiel der Zahl notwendiger Fachärzte in bestimmten Bereichen.

Prognose der Krankheitslast

Bei den verschiedenen Prognosen, in welche Richtung sich die Krankheitslast durch den demografischen Wandel verändert, werden vor allem zwei mögliche Szenarien diskutiert: Im Falle einer „Krankheitsextension“ treten die großen Volkserkrankungen in ähnlichen Altersgruppen und Häufigkeiten wie heute auf. Steigende Lebenserwartung bedeutet dann vor allem ein länger mit Krankheit verbrachtes Leben.

Bei einer „Krankheitskompression“ gelingt es, das Auftreten insbesondere der häufigen Erkrankungen – wie Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder verschiedener Krebserkrankungen – gegenüber heute durch geeignete Präventionsmaßnahmen in ein höheres Lebensalter zu verschieben. Auftretende Erkrankungen komprimieren sich für die meisten Menschen auf eine kurze Phase am Lebensende.

Um diese beiden Szenarien gibt es eine lebhafte Diskussion, die vor allem aus (gesundheits-)ökonomischer Sicht geführt wird und auf die hohen Kosten einer potenziellen Krankheitsextension hinweist. Interessanterweise gibt es jedoch für Deutschland kaum verfügbare Studienergebnisse, die als Anhaltspunkte für eine Extension oder Kompression herangezogen werden könnten. Wahrscheinlich ist die Debatte deshalb so rege.

Für täglich in der Patientenversorgung tätige Ärztinnen und Ärzte sind Begriffe wie „Disability Adjusted Life Years (DALYs)“ oder „Years of Life Lost due to premature death (YLL)“ schwer verdauliche Kost. Sie beruhen auf einer komplexen Methodik und haben so gar nichts mit der eigenen, täglichen Patientenerfahrung zu tun. Vermutlich ist das ein wesentlicher Grund, warum diese Begriffe und das dahinterstehende Konzept in Deutschland auf geringes Interesse stoßen und wenig Anwendung finden.

Krankheitslast in Deutschland

Der Artikel von Dietrich Plass et al. (1) gehört zu den wenigen Studien, die Antworten auf die Frage geben, in welche Richtung sich die Verteilung der Krankheitslast in Deutschland bewegt. Das Ergebnis fällt differenziert aus und zeigt, dass im Zeitraum 1990 bis 2010 der Zuwachs der gesunden Lebenserwartung deutlich niedriger war als der Zuwachs der Gesamtlebenserwartung. Das bedeutet, dass sich weder das Szenario der Krankheitsextension noch das der -kompression ausschließlich bewahrheiten wird. Stattdessen zeigt sich, dass für einen gewissen Teil der gewonnenen Lebenszeit, die wir im Vergleich zu unserer Vorgängergeneration haben, der Preis in reduzierter Gesundheit besteht. Eine Antwort auf die Frage, ob dieser Preis im Verlauf der 20-jährigen Studienperiode im Trend eher kleiner oder eher größer geworden ist, gibt die Studie jedoch nicht. Dabei wäre es wichtig zu sehen, ob die Zunahme der gesunden Lebenserwartung (Health Adjusted Life Expectandy, HALEs) sich in den zwei Dekaden der Studienperiode unterschiedlich entwickelt hat.

Internationaler Vergleich

Die Global Burden of Disease-Studie hat ihre eigene Methodik, die bei der Interpretation der nachfolgenden Ergebnisse zur Mortalität und den Risikofaktoren stets berücksichtigt werden muss. Sie wurde gewählt, um die Gesundheits- und Krankheitslage in ganz unterschiedlichen Ländern dieser Welt vergleichbar zu machen. Hierin liegt auch die große Stärke dieses Ansatzes, die Krankheitslast in Deutschland mit derjenigen in anderen Ländern zu vergleichen. Wie bereits in den Studien zuvor, liegt Deutschland im Mittelfeld der Länder Europas. Auch dies ist ein Ergebnis, das die Diskussion befeuert, inwieweit ein Zusammenhang zwischen der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung und den Kosten ihres Gesundheitssystems besteht.

Die Notwendigkeit, eine einheitliche Methodik zum besseren Vergleich zwischen Ländern anzuwenden, erreicht ihre Grenzen bei der Menge der verfügbaren Daten zur Krankheitshäufigkeit pro einzelnem Land (2). Der Ansatz der Global Burden of Disease-Studie behilft sich hier mit einer Reihe von Annahmen und Algorithmen, um fehlende Krankheitshäufigkeiten zu schätzen (2). Auch werden nicht alle existierenden Datenquellen in einem Land identifiziert beziehungsweise genutzt. Wünschenswert für die Zukunft und den nächsten Bericht wäre eine Angleichung der Methoden und Instrumentarien, so dass die regionale und nationale Gesundheitsberichtserstattung in Deutschland einen besseren Beitrag für den internationalen Vergleich der Krankheitslast leisten kann.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Klaus Berger, MPH, MSc
Institut für Epidemiologie und Sozialmedzin
Westfälische Wilhelm-Universität Münster
Domagkstraße 3
48149 Münster
bergerk@uni-muenster.de

Zitierweise
Berger K: The disease burden on our shoulders.
Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 627–8. DOI: 10.3238/arztebl.2014.0627

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Plass D, Vos T, Hornberg C, Scheidt-Nave C, Zeeb H, Krämer A: Trends in disease burden in Germany–results, implications and limitations of the Global Burden of Disease Study. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 629–38. DOI: 10.3238/arztebl.2014.0629 VOLLTEXT
2.
Murray CJL, Lopez AD: Measuring the Global Burden of Disease. N Engl J Med 2013; 369: 448–57. CrossRef MEDLINE
Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin, Westfälische Wilhelms-Universität Münster: Prof. Dr. med. Berger, MPH, MSc
1.Plass D, Vos T, Hornberg C, Scheidt-Nave C, Zeeb H, Krämer A: Trends in disease burden in Germany–results, implications and limitations of the Global Burden of Disease Study. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 629–38. DOI: 10.3238/arztebl.2014.0629 VOLLTEXT
2.Murray CJL, Lopez AD: Measuring the Global Burden of Disease. N Engl J Med 2013; 369: 448–57. CrossRef MEDLINE

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