ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 3/2014Lebensversicherungen: Rettung auf Kosten der Versicherten

Supplement: PRAXiS

Lebensversicherungen: Rettung auf Kosten der Versicherten

Dtsch Arztebl 2014; 111(38): [10]

Fischer, Leo

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Die Branche leidet unter der Phase extrem niedriger Zinsen. Auch um die Ansprüche der Kunden zu sichern, hat der Gesetzgeber ein Rettungspaket geschnürt.

Foto: picture alliance
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Mit der Verkündung im Bundesgesetzblatt am 7. August trat die Reform der Lebensversicherung in Kraft. Damit müssen sich die Versicherten zum 1. Januar 2015 auf einige gravierende Änderungen einrichten, die ein starkes, meist negatives Echo in der Öffentlichkeit erzeugt haben. Mitunter wird von einer Enteignung der Versicherten gesprochen. Das ist zwar überzogen; die Reform kommt aber in der Tat vor allem den Versicherungsunternehmen zugute, nicht den Versicherten. Letztere sollten jedoch besser schlafen können mit der Gewissheit, dass ihre Versicherung sicher ist.

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Vielfach wird auch – nicht zu Unrecht – von einem Rettungspaket für die Lebensversicherer gesprochen. Es stimmt allerdings, dass diese Rettung weitgehend auf Kosten der Versicherten geht. Gesamtwirtschaftlich war die Reform dennoch unvermeidlich. Und auch die Bundesbank lobt den Gesetzgeber für die Entlastung der Versicherungswirtschaft durch das Gesetz, mahnt aber die Versicherungswirtschaft, das ihre zu tun, um die Solidität der Branche zu erhalten und, wo nötig, wiederherzustellen. Wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei der ersten Lesung des Gesetzes im Bundestag vom „Gesetzespaket zur Sicherung der Ansprüche von Lebensversicherungskunden“ sprach, ist das auch richtig, aber nur ein Teil der Wahrheit. Die Lebensversicherung leidet unter der Phase extrem niedriger Zinsen, und die Hauptnutznießer davon sind die öffentlichen Hände in ganz Europa.

Die niedrigen Zinsen haben zu den hohen Bewertungsreserven geführt, die zum Zankapfel geworden sind. Nach bisherigem Recht sind die Kunden bei Ablauf oder Kündigung ihres Lebensversicherungsvertrages zur Hälfte an den sogenannten Bewertungsreserven zu beteiligen. Diese Vorschrift wurde abgeändert. Die Beteiligung ist an die Bedingung geknüpft, dass die Mindestverzinsung erwirtschaftet wird. Nach Angaben des Finanzministeriums macht ein Wegfall der Beteiligung an den Bewertungsreserven für jeden ausscheidenden Versicherungsnehmer im Durchschnitt 440 Euro aus, die dieser weniger ausgezahlt erhält.

Die Bewertungsreserven entstehen, wenn der Marktwert einer Kapitalanlage des Versicherers über dem Anschaffungswert liegt. Seit 2008 sind Lebensversicherer durch Gesetz verpflichtet, Kunden mit auslaufenden oder gekündigten Verträgen zur Hälfte an den zu diesem Zeitpunkt ausgewiesenen Bewertungsreserven zu beteiligen. Die Kurse der früher erworbenen Anleihen sind aufgrund der niedrigen Marktzinsen teilweise weit über 100 Prozent gestiegen, die positive Differenz zu 100 Prozent machen die Bewertungsreserven aus. Die Versicherungsunternehmen setzten den Gesetzgeber mit dem Argument unter Druck, dass die Auszahlung der halben Bewertungsreserven in der jetzigen Niedrigzinsphase dazu führen könnte, dass viele Versicherungen nicht mehr die von ihnen zugesagte Mindestverzinsung erwirtschaften könnten.

Auf zahlreiche Verträge müssen die Lebensversicherungen eine Mindestverzinsung von vier Prozent erwirtschaften, denn in der Zeit vom 1. Juli 1994 bis zum 1. Juli 2000 wurden Verträge abgeschlossen, die eine Mindestverzinsung von vier Prozent versprachen. Damals boomte das Versicherungsgeschäft, weil mit vier Prozent Garantiezins geworben werden konnte, entsprechend zahlreich sind solche Policen, die heute Probleme bereiten.

Derzeit gilt eine Mindestverzinsung von 1,75 Prozent, diese wird aber im Zuge der Reform ab dem 1. Januar 2015 auf 1,25 Prozent gesenkt – auch diese Maßnahme dient der Entlastung der Branche. Der Mindestzins wird auf den sogenannten Sparanteil der Prämien für Lebensversicherungen und Rentenversicherungen gezahlt und von den Versicherungsunternehmen garantiert. Tatsächlich müssen die Versicherungsunternehmen aber eine höhere Mindestverzinsung erwirtschaften als die derzeit geltenden 1,75 Prozent, denn viele Altverträge müssen mit höheren Sätzen bedient werden.

Die Kritiker werfen den Lebensversicherungen vor, dass sie selbst schuld sind an der heutigen Situation. Denn sie hätten Kunden zur Zeit der überzogenen Zinsgarantien (vier Prozent) in die Policen gelockt, die sie heute nicht mehr erwirtschaften können. Das ist sicher richtig, kann aber nicht rückgängig gemacht werden. Es kann nur versucht werden, die negativen Folgen zu dämpfen. Der Garantiezins ist eine Besonderheit der deutschen Lebensversicherung, die die Angelsachsen nicht kennen. Die einmal ausgesprochen Zinsgarantie muss während der gesamten Laufzeit der Lebensversicherung gezahlt werden. Im Durchschnitt muss die Assekuranz heute über alle laufenden Verträge hinweg etwas über drei Prozent aufbringen. Aber es heißt, nicht alle Versicherer sind in der Lage, diese zu erwirtschaften. Die Senkung der Mindestverzinsung ab dem 1. Januar 2015 wird diesen Durchschnitt aber nur geringfügig reduzieren.

Tatsächlich erwirtschaften die Lebensversicherungen wesentlich mehr als die garantierten Zinsen. Im Durchschnitt beträgt die Überschussbeteiligung heute 3,43 Prozent. Aber diese Überschussbeteiligung wird eben nicht garantiert. Und sie wird nur auf den Sparanteil der Prämien (ohne Kosten) gezahlt. Gleichwohl bleibt die Lebensversicherung eine solide Anlage und das Rückgrat der Altersversorgung vieler Bundesbürger. In Deutschland gibt es rund 87 Millionen Policen (klassische Lebensversicherung und Rentenversicherung).

Der Blick auf die Mindestverzinsung kann zu falschen Schlussfolgerungen führen, und damit haben die Versicherer heute zu kämpfen. Aber daran tragen sie selbst die Schuld. Früher rührten sie die Werbetrommel, als sie vier Prozent garantieren konnten. Heute müssen die Marketingexperten die Bedeutung der Mindestverzinsung herunterspielen und auf die weit höheren Überschussbeteiligungen verweisen, das irritiert manchen potenziellen Käufer einer Police. Und die Lebensversicherungen versuchen, mit neuen Produkten, die keine Mindestverzinsung versprechen, neue Kunden zu gewinnen. Die garantierte Mindestverzinsung engt die Anlagestrategie der Versicherungen ein, ohne Garantie sind höhere Renditen zu erzielen. Denn jede Garantie kostet Rendite, das gilt nicht nur für die Lebensversicherungen. Dr. Leo Fischer

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