ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 3/2014Telemedizin: Epilepsie-Netzwerk für eine bessere Behandlung

Supplement: PRAXiS

Telemedizin: Epilepsie-Netzwerk für eine bessere Behandlung

Dtsch Arztebl 2014; 111(38): [16]

Krüger-Brand, Heike E.

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Seit Ende 2013 werden im Projekt „TelEp“ in Franken telemedizinische Verfahren zur Diagnostik und Behandlung von Epilepsien genutzt. Das Epilepsiezentrum des Universitätsklinikums Erlangen ist koordinierendes Zentrum und stellt seine Expertise zur Verfügung.

Fotos: Epilepsiezentrum Erlangen
Fotos: Epilepsiezentrum Erlangen

Epilepsie ist eine häufige Erkrankung, an der zwischen 0,5 und 1 Prozent der Bevölkerung leiden. In Deutschland sind weit mehr als 400 000 Personen und in Bayern mehr als 60 000 Menschen aller Altersstufen davon betroffen. Für die Erkankten sind die Folgen in der Regel erheblich: Epilepsien beeinträchtigen durch die wiederkehrenden epileptischen Anfälle nicht nur die Patienten selbst, sondern auch deren Familien und das gesamte soziale Umfeld. „In vielen Fällen werden dadurch berufliche Karrieren zerstört, etwa wenn der Führerschein entzogen wird“, erläuterte Prof. Dr. med. Hajo M. Hamer, MHBA, Leiter des Epilepsiezentrums Erlangen, bei einem Workshop im Rahmen der eHealth Conference 2014 in Hamburg. Durch die Anfälle bestehen zudem Verletzungsgefahren. Darüber hinaus kommt es oftmals zu sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung, mit der Folge von Depression und einer erhöhten Mortalität bei den Patienten. Gefährlich ist vor allem der Status epilepticus, ein langanhaltender epileptischer Anfall, der mit einer Mortalität von bis zu 30 bis 50 Prozent einhergeht und als lebensgefährlicher Notfall einzustufen ist.

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Hamer zufolge ist Epilepsie in der Diagnose komplex und umfasst viele Therapieoptionen. So ist die Abgrenzung zu nicht-epileptischen Anfällen, wie etwa Kreislauf-Synkopen, oft schwierig. Zur Anamnese sind neben der Erfassung der klinischen Symptome eine Elektroenzephalographie (EEG) und die craniale Computer- beziehungsweise die Magnetresonanztomographie erforderlich. Die Probleme hierbei: „Die Kompetenz der Interpretation der EEG-Daten nimmt bei den Neurologen ab“, erläuterte Hamer. Auch gebe es circa 20 bis 30 Antikonvulsiva auf dem Markt. „Es geht also darum, bei der Vielzahl von Syndromen mit unterschiedlichen Anfallsarten das jeweils richtige Medikament auszuwählen.“ Immerhin könnten mit der richtigen Medikation zwei Drittel aller Betroffenen dauerhaft anfallsfrei gestellt werden.

EEG-Darstellung: Die EEG-Daten sind eine wesentliche Komponente der Epilepsiediagnostik.
EEG-Darstellung: Die EEG-Daten sind eine wesentliche Komponente der Epilepsiediagnostik.

Die Krankheitskosten von Epilepsie werden laut Hamer auf jährlich 10 000 Euro pro Betroffenen geschätzt. Dabei liegen die Tagestherapiekosten zwischen drei und sieben Euro. Zusätzlich fallen Kosten für stationäre Aufenthalte an, ebenso erhebliche indirekte Therapiekosten, wenn Frühberentung, Mortalität und Invalidität mit einbezogen werden.

Hinzu kommt, dass die Krankheit oft nicht ausreichend behandelt wird, weil die notwendige fachärztliche Expertise vor Ort schlichtweg nicht zur Verfügung steht. Vor diesem Hintergrund entstand das Telemedizinprojekt TelEp (www.telemedizin-epilepsie.org). „Es bietet die Möglichkeit, EEG-Expertise als fundamentale Säule der Epilepsiediagnostik und -therapie zu nutzen und die im Erlanger Epilepsiezentrum vorhandene Kompetenz über ein telemedizinisches Konsil auch überregional verfügbar zu machen“, erläuterte Hamer, der das Projekt leitet. EEG, Bildgebung und gegebenenfalls auch ein Echtzeitvideo des Patienten lassen sich sicher und in ausreichender Qualität telemedizinisch beurteilen (Kasten). Die Therapie kann über einen direkten Kontakt zwischen Epilepsiezentrum und peripherem Krankhaus abgestimmt werden.

Beim Aufbau der TelEp-Infrastruktur konnte man auf die Erfahrungen zurückgreifen, die das Universitätsklinkum Erlangen bereits mit der Implementierung des telemedizinischen Netzwerks STENO zur Versorgung von Schlaganfallpatienten in Nordbayern gesammelt hat. Dabei handelt es sich um einen inzwischen in der Regelversorgung etablierten Netzwerkverbund mehrerer Krankenhäuser unter der Koordination des Universitätsklinikums Erlangen.

Ende 2013 hat das Epilepsie-Netzwerk den operativen Betrieb aufgenommen. Die Vorteile des telemedizinischen Verfahrens liegen vor allem in der Verbesserung der Behandlungsqualität: Die Patienten, vor allem Kinder und ältere Personen, für die es häufig schwierig ist, stationär in weiter entfernte Zentren eingewiesen zu werden, können vor Ort behandelt werden und müssen trotzdem nicht auf die Expertise von Spezialisten verzichten. Die Behandler vor Ort können sich durch ein telemedizinisches Konsil hinsichtlich Diagnose und Therapie besser absichern. Im Zentrum der Konsile stehen dabei vor allem Fragen zur Therapie bei pharmakorefrektärer Epilepsie, zur Medikation, zur Epilepsiechirurgie sowie zur Diagnose und Therapieempfehlung beim Status epilepticus, berichtete Hamer. Patienten können während ihres stationären Aufenthaltes im Satellitenkrankenhaus durch die Experten im Zentrum begleitet werden. Auch können die Konsile die neurologische Ausbildung flächendeckend verbessern, meint der Neurologe.

Zwar geht es bei der Diagnose und Therapie epileptischer Anfälle nicht wie beim Schlaganfall um Minuten, dennoch gibt es auch hierbei ein zeitkritisches Fenster. So sollten nach einem Anfall innerhalb von ein bis zwei Tagen die Diagnose und die Therapie geklärt werden, weil das Rezidivrisiko in den ersten Tagen am höchsten ist. Beim Status epilepticus hingegen müssen Diagnose und Therapie innerhalb von Minuten bis maximal wenigen Stunden erfolgen. Dabei ist häufig eine Verlegung des Patienten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr oder nur mit großem Aufwand möglich.

Das telemedizinische Netzwerk hat Hamer zufolge generell das Potenzial, Kosten einzusparen, beispielsweise durch eine effektive Diagnostik, durch eine frühe Therapie, durch Vermeidung kostspieliger Fehlbehandlungen, durch Einsparungen von doppelten Untersuchungen in verschiedenen Krankenhäusern und von doppelten stationären Aufenthalten der Patienten im peripheren Krankenhaus wie im Epilepsiezentrum. In dem Projekt gehe es zudem auch um eine Standardisierung der EEG-Befundung und der Syndrom-Diagnostik, betonte Hamer. Das EEG-Befundungssystem werde weiter evaluiert.

Das TelEp-Projekt, an dem sich neben dem Erlanger Epilepsiezentrum das Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurth und das Bezirkskrankenhaus Bayreuth beteiligen, wird vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit für zunächst zwei Jahre mit 228 000 Euro gefördert. Verläuft es erfolgreich, könnte es als ein „Leuchtturmprojekt“ auf weitere Krankenhäuser in Franken und darüber hinaus ausgeweitet werden. Heike E. Krüger-Brand

Technische Lösung

Technische Basis für TelEp ist das modular aufgebaute Teleneurologiesystem „Evita“. Es umfasst eine Befundungsworkstation, die auch in der täglichen Routine eingesetzt werden kann. Im lokalen Netz können zudem weitere Workstations an den Server angeschlossen werden.

Im Rahmen eines Konsils werden neben den wesentlichen Informationen aus der Krankenakte zusätzlich EEG- und MRT-Daten sowie gegebenenfalls auch Videodaten der Untersuchung eines Patienten in Echtzeit übertragen. Hierfür werden fernsteuerbare Kamerabilder mit einer im Vergleich zu Standard-Videokonferenzsystemen vierfachen Auflösung übertragen.

Das System unterstützt darüber hinaus ein strenges Sicherheitskonzept. Für die Kommunikation über SDSL-Leitungen wird die IPSec-VPN-Technologie (IP Security im Virtual Private Network) mit 256-Bit-Verschlüsselung verwendet. Durch die Nutzung öffentlicher Leitungen können die Telekonsile erheblich kostengünstiger durchgeführt werden als bei Errichtung eines eigenen Netzes.

EEG-Darstellung: Die EEG-Daten sind eine wesentliche Komponente der Epilepsiediagnostik.
EEG-Darstellung: Die EEG-Daten sind eine wesentliche Komponente der Epilepsiediagnostik.
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EEG-Darstellung: Die EEG-Daten sind eine wesentliche Komponente der Epilepsiediagnostik.

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