ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2014Hausarztzentrierte Versorgung in Baden-Württemberg: Chronisch kranke und ältere Patienten profitieren

POLITIK

Hausarztzentrierte Versorgung in Baden-Württemberg: Chronisch kranke und ältere Patienten profitieren

Dtsch Arztebl 2014; 111(38): A-1548 / B-1340 / C-1272

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Allgemeinmediziner der Universitäten Frankfurt und Heidelberg haben erneut die hausarztzentrierte Versorgung evaluiert. Ergebnis: Die positiven Trends haben sich verstetigt.

Vor allem ältere und chronisch kranke Patienten profitieren von der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) in Baden-Württemberg. Zu diesem Ergebnis kommt eine Evaluationsstudie des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt am Main und der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg für die Jahre 2011 und 2012. Die positiven Trends, die sich bereits bei der ersten Untersuchung für die Jahre 2008 bis 2010 gezeigt hätten, „haben sich verstetigt“, erklärte Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, Direktor des Frankfurter Instituts.

So erhielten beispielsweise ältere HzV-Patienten deutlich weniger Neuroleptika außerhalb der zugelassenen Indikationen als in der Kontrollgruppe, berichtete Gerlach. Außerdem seien diesen Patienten weniger Sedativa länger als sechs Wochen verordnet worden. Generell befänden sich deutlich mehr ältere Patienten in der HzV als in der Regelversorgung: 60 Prozent der HzV-Versicherten sind über 65 Jahre alt. Zudem liege die Teilnahmequote der HzV-Patienten an den Chronikerprogrammen Diabetes mellitus, Koronare Herzkrankheit und Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung mit 74 Prozent deutlich über der Quote in der Regelversorgung (50 Prozent).

Anzeige

Weiter stellten die Autoren der Studie fest, dass pro Jahr 4 500 Klinikeinweisungen bei den Patienten in der HzV vermieden werden konnten. „Dieses Ergebnis ist die Folge der viel intensiveren Beziehung zwischen Hausarzt und Patient“, erläuterte Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Heidelberger Abteilung. So hätten die Patienten durchschnittlich drei Hausarztkontakte mehr pro Jahr als die Versicherten in der Regelversorgung. Zugleich liege die Zahl „überflüssiger“ Behandlungen, gemessen an unkoordinierten Facharztkontakten, um mehr als 20 Prozent unter der Regelversorgung. Auch würden um ein Drittel weniger Medikamente verschrieben.

Rund 90 Prozent der Hausärzte nehmen teil

In dem 2008 gestarteten Hausarztvertrag (nach § 73 b SGB V) zwischen der AOK Baden-Württemberg (BW), Medi BW und dem Deutschen Hausärzteverband Landesverband BW sind 1,25 Millionen Versicherte eingeschrieben, die von 3 826 Hausärzten inklusive 230 Kinder- und Jugendärzten versorgt werden. Das entspricht nach Angaben von Dr. med. Berthold Dietsche, Landesvorsitzender des Hausärzteverbandes, einem Deckungsgrad von 90 Prozent. „Die beteiligten Hausärzte sind sehr zufrieden, haben weniger Bürokratie und erfahren mehr Wertschätzung“, sagte Dietsche. Dazu trügen neben der höheren Vergütung pro Patient auch die systematische Fortbildung für die Ärzte und die mehr als 1 500 Versorgungsassistentinnen in der hausärztlichen Praxis bei.

„Die hausarztzentrierte Versorgung läuft hervorragend, und das Zusammenspiel mit den Fachärzten in den beteiligten Selektivverträgen schafft einen ganzheitlichen Ansatz für die Patienten“, sagt Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK BW. Rund 1 500 Ärzte beteiligen sich an den kooperierenden Facharztverträgen Kardiologie, Gastroenterologie, Psychotherapie/Neurologie/Psychiatrie (PNP) sowie Orthopädie. Die AOK habe deshalb 2013 mehr als 300 Millionen Euro in den Hausarztvertrag investiert und werde in weitere Selektivverträge investieren.

„Die Patienten profitieren durch bessere Koordination und Kommunikation der Ärzte untereinander“, sagte Dr. med. Werner Baumgärtner, Vorsitzender des MEDI Verbunds. Auch eine schnelle Terminvergabe sei in Baden-Württemberg bereits selektivvertraglich umgesetzt. So warteten Patienten beispielsweise auf ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten, der am PNP-Vertrag teilnimmt, maximal drei Tage und nicht drei Monate.

Als „Steilvorlage“ für die Regelversorgung begrüßte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. med. Norbert Metke, die Ergebnisse: „Die Studie hat gezeigt, dass in der hausarztzentrierten Versorgung neben der Patienten- und Arztzufriedenheit auch die Versorgungsqualität deutlich gesteigert werden konnte.“ Was sich selektiv bewährt habe, könne kollektiv nur gut sein. Beim Versorgungsstrukturgesetz 2 müsse daher die Patientensteuerung ein Thema sein.

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige