ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2014Interessenkonflikte in der Fortbildung: Kritisches Denken ist gefragt

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Interessenkonflikte in der Fortbildung: Kritisches Denken ist gefragt

Dtsch Arztebl 2014; 111(38): A-1546 / B-1334 / C-1266

Korzilius, Heike

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Dass Ärzte finanzielle Zuwendungen offenlegen, die ihre wissenschaftliche Arbeit beeinflussen können, gehört in Fachzeitschriften inzwischen zum guten Ton. Bei Präsenzveranstaltungen fehlt es jedoch noch an Transparenz.

Gesponserte Kongresse und Lehrveranstaltungen, medizinische Experten mit finanziellen Verbindungen zur Industrie – das ist Alltag. Denn Forschung und Wissenschaft sind angesichts knapper öffentlicher Kassen zunehmend auf Geld aus der Wirtschaft angewiesen. Problematisch wird dieses Verhältnis, wenn die finanziellen Verquickungen die wissenschaftliche Arbeit beeinflussen und Ergebnisse verzerren. Mit der Frage, wie sich Interessenkonflikte speziell auf die ärztliche Fortbildung auswirken und sich negative Effekte vermeiden lassen, beschäftigte sich am 12. und 13. September die European Cardiology Section Foundation im Rahmen der Cologne Consensus Conference 2014 in Köln.

„Interessenkonflikte lassen sich nicht vermeiden“, erklärte der Mitinitiator der Tagung, Prof. Dr. med. Reinhard Griebenow. „Sie bergen vor allem in der medizinischen Fortbildung große Risiken. Denn die Fortbildung zielt darauf, Therapieentscheidungen von Ärztinnen und Ärzten zu beeinflussen.“ Da sich die meisten Interessenkonflikte nicht auflösen ließen – „es verkauft ja niemand seine Aktien oder gibt Fördergelder zurück“ – müsse man sie zumindest offenlegen. Nur dann könnten Leser oder Zuhörer mögliche tendenziöse Aussagen (Bias) erkennen. „Der Umgang mit Interessenkonflikten ist ein Schlüssel für die Glaubwürdigkeit der ärztlichen Fortbildung“, betonte Griebenow.

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Transparenz kann auch kontraproduktiv sein

Bei angesehenen Fachzeitschriften gehört es inzwischen zum guten Ton, dass die Autoren ihre Interessenkonflikte offenlegen. Doch diese zum Teil sehr umfangreichen Erklärungen eignen sich kaum, um bei Kongressen oder Fortbildungsveranstaltungen für Transparenz zu sorgen. „Bei einer Kongresssitzung, wo in anderthalb Stunden vier Redner vortragen, kann man nicht ein Drittel jedes Vortrags damit verbringen, dass jeder Referent breit seine Interessenkonflikte darstellt“, meinte Griebenow. Auch die gängige Praxis, zu Beginn des Vortrags eine Seite mit Interessenkonflikten zu projizieren, habe kaum Informationswert, weil die Dauer der Projektion in der Regel „klar unter einer Sekunde liegt“. Das, so Griebenow, sei mit Abstand das Feld mit dem größten Handlungsbedarf.

Doch Transparenz kann auch kontraproduktiv sein. Prof. Dr. Bernard Lo, Präsident der US-amerikanischen Greenwall Foundation, die bioethische Forschung fördert, verwies auf Untersuchungen, die belegen, dass Ärzte von der Industrie geförderte Studien generell schlechter bewerteten als solche, die mit öffentlichen Geldern durchgeführt wurden, selbst wenn sie methodisch identisch waren. „Offenbar verleihen die Ärzte den Interessenkonflikten ein unangemessenes Gewicht“, erklärte Lo. Dabei vernachlässigten sie wissenschaftliche Kriterien wie das Studiendesign oder die Datenqualität, um eine mögliche Voreingenommenheit (Bias) bei der Interpretation der Studienergebnisse aufzudecken. Seine Forderung lautet daher, den Umgang mit Interessenkonflikten wissenschaftlich zu evaluieren. Wichtig sei außerdem, über der Beschäftigung mit Interessenkonflikten das Problem der Bias nicht zu vernachlässigen. „Können wir eine Checkliste für Vorträge erstellen?“, fragte Lo. Teilnehmer von Fortbildungsveranstaltungen sollten sich fragen, ob der Vortrag auch andere therapeutische Optionen anspreche? Ob die Evidenz kritisch hinterfragt oder die Aussagekraft der Daten thematisiert werde? Fortbildungsveranstaltungen sollten sich zu Übungen in kritischem Denken entwickeln, wünschte sich Lo. (siehe „3 Fragen an . . .“)

Warum ist es wichtig, sich mit Interessenkonflikten zu beschäftigen? Gut 60 Prozent der Ärzte, so belegen Umfragen, glauben beispielsweise von sich selbst, dass sie in ihrem Verordnungsverhalten „überhaupt nicht“ durch Geschenke von Pharmaunternehmen beeinflusst werden.

Gefallen lösen den Wunsch aus, sich zu revanchieren

Ein Irrtum, wie Prof. Dr. med. Christopher Baethge, Leiter der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts, erklärte. Geschenke wirkten sich in der Regel auf das Verhalten des Beschenkten aus. „Menschen wollen sich erkenntlich zeigen, wenn ihnen jemand einen Gefallen getan hat“, sagte der Psychiater. „Und die Gesellschaft sanktioniert Undankbarkeit.“ Im Übrigen bestehe kein
enger Zusammenhang zwischen der Höhe der Zuwendung und der Intensität des Wunsches, sich zu revanchieren.

Das psychologische Prinzip, das diesem Mechanismus zugrunde liegt, ist das der Reziprozität. Da dieser Prozess meist unbewusst ablaufe, fühlten sich viele Menschen frei von Interessenkonflikten. Als Beleg führte Baethge eine US-amerikanische Studie an, die 95 Artikel in Fachzeitschriften von 32 Autoren auf die Deklaration von Interessenkonflikten hin untersuchte. Das Ergebnis: Obwohl die Autoren im Jahr 2007 Zuwendungen von Medizinprodukteherstellern im Wert von jeweils mehr als einer Million US-Dollar erhalten hatten, beinhalteten 54 Prozent der Artikel diesbezüglich keine korrekten Angaben.

Heike Korzilius

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. Bernard Lo, Präsident der Greenwall Foundation

Warum braucht man Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten?

Bernard Lo: Interessenkonflikte können das Risiko von Voreingenommenheit (Bias) erhöhen. Bias kann den Patienten schaden und unsere Fähigkeit, evidenzbasierte Medizin zu betreiben, unterminieren.

Wie kann man das Risiko tendenziöser Darstellungen minimieren?

Lo: Zunächst einmal muss man wissen, ob jemand Verbindungen hat, die ein unakzeptabel hohes Risiko für Bias bergen, und diese offen legen. Erst dann kann man darüber nachdenken, wie man dem am besten begegnet. Bei Fortbildungsveranstaltungen sollte man auf ausgewogene Informationen achten, indem man beispielsweise dafür sorgt, dass der Vorsitzende frei ist von Interessenkonflikten. Oder man lädt Experten mit unterschiedlichen Standpunkten ein. Man kann Interessenkonflikte oder Parteilichkeit nicht immer vermeiden, aber man sollte versuchen, Ausgewogenheit herzustellen.

Welchen Wert hat die Erziehung zu kritischem Denken?

Lo: Dazu sollten sich alle Ärzte bekennen. Die Medizin entwickelt sich derart rasant, dass unser Wissen von vor zehn Jahren heute überholt ist. Deshalb müssen wir die ärztliche Fortbildung zu einer Übung in kritischem Denken entwickeln. Ich würde mir wünschen, dass sich die Teilnehmer bei Fortbildungsveranstaltungen viel aktiver beteiligen können. Warum fragt man sie nicht direkt, wie relevant die Fortbildung für die Patientenbehandlung ist auch im Kontext anderer Therapieoptionen? Solche Fragen zwingen auch die Experten, ein umfassenderes und ausgewogeneres Bild zu präsentieren.

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