ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2014Von schräg unten: Ehrlichkeit

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Ehrlichkeit

Dtsch Arztebl 2014; 111(38): [56]

Böhmeke, Thomas

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Vertrauen und Ehrlichkeit sind die Grundlagen eines fruchtbaren Arzt-Patienten-Verhältnisses, Betrug erschüttert diese Fundamente wie ein Lithotripsor den Nierenstein. Daher reagieren wir auf derartige Vorwürfe allergisch, zumal wir keine Mühen scheuen, unsere Schutzbefohlenen trotz Budget und Regress optimal zu versorgen, uns keine unbezahlte Überstunde zu lang ist. Ich darf daher die Gelegenheit nutzen, um in aller Öffentlichkeit festzustellen: Wir sind ehrlich! Wir agieren nicht in dubio pro Dollar, in extenso pro Euro, per aspera ad moneta! Quasi als Beweis dafür, dass andere Nationen ein medizinisches Prozedere und die sich daraus ableitenden Honorare so locker sehen wie eine Hüftpfanne im osteoporotischen Beckenknochen, darf ich Sie auf einen kardiologischen Kurztrip über die Kontinente einladen. Marokko, 1998: Ein Ingenieur begibt sich zum Kardiologen, der im Katheter eine Engstelle nachweist und dilatiert, ein halbes Jahr später erfolgt die invasive Kontrolle. All das kostet ihn ein Jahresgehalt, scheint aber in Ordnung zu gehen, so hätte es – bis auf die privat zu begleichende Rechnung in besagter Höhe – hierzulande auch ablaufen können. Zwei Jahre später stellt er sich bei mir zum EKG vor und überreicht bei dieser Gelegenheit die Katheterfilme. Nach kritischer Durchsicht stelle ich verblüfft fest: Er hat ein völlig unauffälliges Koronarsystem. Spanien, 2001: Eine ältere Dame, dort in Urlaub weilend, bekommt nachts einen Vorderwandinfarkt. Die hinzueilende Rettung fährt an drei anderen Krankenhäusern vorbei in eine Privatklinik (honi soit qui mal y pense). Es erfolgt umgehend die Rekanalisation und Stentimplantation der vorderen Herzkranzarterie. Tags darauf muss der Sohn 12 000 Euro überweisen, ansonsten würde man die Mutter zwangsweise in der Klinik festhalten. Indien, 2002: Der Mutter eines in Deutschland tätigen Kollegen wird die sofortige Bypassoperation empfohlen, Gefahr drohe. Angesichts dessen dürfen 50 000 Dollar für die OP keine Rolle spielen. Der Kollege bittet mich um Durchsicht des Herzkatheterfilms. Zu sehen ist eine maximal fünfzigprozentige Engstelle des kleinen zweiten Marginalastes. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen, ob die indischen Kollegen für die Überbrückung einer 20%igen Stenose nur 20 000 Dollar verlangen würden. Thailand, 2005: Die Urlaubsfreuden eines dicklichen Diabetikers werden durch einen Hinterwandinfarkt getrübt. In der Klinik eröffnet man ihm, dass man durchaus in der Lage sei, die verstopfte Arterie frei zu machen – aber erst für 5 000 Dollar, und zwar sofort auf den Tisch des Hauses. Glück dem, der in solch einer vermaledeiten Situation die Taschen voller Bargeld hat. Indonesien, 2013: Eine ältere Dame unterzieht sich einer invasiven Koronardiagnostik. Es werden mehrere 30%ige Stenosen nachgewiesen, die der dort ansässige Kardiologe alle mit Stents zu versorgen gedenkt. Sein Pech: Der Sohn der Patientin ist selbst Kardiologe, in unserem schönen Land tätig und versorgt die Mutter nicht mit einem Haufen Draht, sondern mit Lebensstiländerung und Medikamenten.

Der indonesische Kollege fragt an, ob ich bereit wäre, seine Landsleute zu behandeln. Wie das denn? frage ich ungläubig. Kein Problem, sie würden in meine Praxis kommen. Um die halbe Welt!? Ja, selbstverständlich. Das kann doch nicht wahr sein! Doch! Für eine ehrliche Behandlung seien seine Landsleute gerne bereit, um die halbe Welt zu reisen. Außerdem: Kein Budget, kein Regress.

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, Ehrlichkeit lohnt sich doch!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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