THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Privileg des Arztes

Dtsch Arztebl 2014; 111(38): A-1561 / B-1349 / C-1281

Wolff, Klaus-Dietrich

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Der Blick in die Morgenzeitung war eher unerquicklich. „Vorsicht, Klinik“ lautete die Überschrift, und von traumatischen Erfahrungen war die Rede, weil Ärzte sich lediglich der Krankheiten, nicht aber der Patienten annehmen würden – die menschliche Medizin sei in deutschen Krankenhäusern ausgestorben. Kritik aus den Medien nehmen wir gerne an, wenn sie berechtigt ist; wer aber bewusst versucht, Keile zwischen Patienten und die Ärzteschaft zu treiben, überspannt den Bogen.

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Klaus-Dietrich Wolff, Klinikum rechts der Isar, TU München
Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Klaus-Dietrich Wolff, Klinikum rechts der Isar, TU München

Eigentlich beendet ja die Freude an der Arbeit den aufgekommenen Ärger schnell: Wundkontrolle auf der Intensivstation, anschließend Frühbesprechung und Röntgendemonstration, dann eine kurze Morgenvisite und schließlich der Gang in den OP: Bereits um 8 Uhr morgens ist man so auf die Patienten, ihre Wünsche und Sorgen fokussiert, dass für andere Gedanken einfach kein Platz mehr im Kopf ist. Aber heute ist Sonntag, keine Sprechstunde, keine Operationen, kein Studentenunterricht – da ist dann doch Zeit zum Grübeln.

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Es stimmt, der Klinikalltag hat sich durch die Vorgaben der Politik massiv verändert, und Krankenhausromantik vom Typ Schwarzwaldklinik gibt es schon lange nicht mehr. Aber obwohl es unter Ärzten nur wenige schwarze Schafe – wie übrigens sonst auch überall – gibt, werden gerade wir Ärzte gern in Sippenhaft genommen, selbst wenn ihnen der schizophrene Spagat zwischen ordentlicher Patientenversorgung und Erfüllung von Zusatzaufgaben überwiegend sehr gut gelingt. Akteure der Gesundheitswirtschaft, wie etwa Ökonomen, Controller und Zertifizierer, müssen nämlich ebenfalls zufriedengestellt werden. Sie alle überfrachten uns mit Anforderungen und Aufgaben, die so weit vom Wunsch des Patienten nach emotionaler ärztlicher Zuwendung wegführen wie der Medaillenspiegel vom sauberen, dopingfreien Sport. Wir haben eine Hochleistungsmedizin geschaffen mit viel Licht, aber auch viel Schatten. Und eines ist uns allen klar geworden: Das ständige Streben nach mehr Effektivität wird Sinn und Zweck unserer eigentlichen Tätigkeit zerstören.

Uns Ärzten ist die Bürde auferlegt worden, eine riesige Maschinerie aufrecht zu erhalten, von der viele profitieren. Damit das Räderwerk störungsfrei läuft, wurden um uns herum – sowohl in den Kliniken, als auch in den Praxen – zahlreiche Kontrollinstrumente installiert. Schon lange erschweren es etliche Reglementierungen dem Mediziner, seinen Arbeitsalltag individuell auszugestalten, und eine charismatische Persönlichkeit ist heute weniger gefragt als eine Zusatzqualifikation zum Gesundheitsökonomen. Aber zu einer Metamorphose vom Arzt zum austauschbaren Dienstleister darf und wird es trotzdem nie kommen.

Denn nicht mit der Verwaltung, sondern nur mit seinem Arzt baut der Patient eine der stärksten emotionalen Verbindungen auf, die zwischen Menschen möglich ist: Er schenkt ihm sein Vertrauen. Es ist ausschließlich das Privileg des Arztes, diese Verbindung mit dem Patienten einzugehen. Und es ist das Privileg des Arztes genau das zu tun, was nicht nur Sinn und Zweck seiner eigentlichen Tätigkeit ist, sondern letztlich auch ihm selbst immer wieder Freude bereitet: das Vertrauen des Patienten nicht zu enttäuschen. Dies sollte uns an jedem neuen Arbeitstag, egal was in der Zeitung steht, klar sein.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung
der Deutschen Zahnärztlichen Zeitschrift
(DZZ) 2014; 69(5): 241

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