ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2014Psychosoziale Versorgung von Krebspatienten: Psychoonkologie ist effektiv

THEMEN DER ZEIT

Psychosoziale Versorgung von Krebspatienten: Psychoonkologie ist effektiv

Dtsch Arztebl 2014; 111(39): A-1644 / B-1413 / C-1345

Singer, Susanne; Petermann-Meyer, Andrea; von Kries, Alf

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Der Nationale Krebsplan fordert, dass alle Patienten bei Bedarf eine psychoonkologische Versorgung erhalten sollen. Vor allem ambulant kann dieses Ziel bislang nicht umgesetzt werden. Es bedarf unter anderem einer Neuregelung der Finanzierung.

Etwa die Hälfte der Krebspatienten sind vor allem zu Beginn der Erkrankung psychisch stark belastet. Foto: Fotolia/Photographee.eu
Etwa die Hälfte der Krebspatienten sind vor allem zu Beginn der Erkrankung psychisch stark belastet. Foto: Fotolia/Photographee.eu

Krebserkrankungen sind für Betroffene und ihre Angehörigen psychisch sehr belastend und führen zu einer Vielzahl psychosozialer Folgeprobleme, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken können. Aktuelle Meta-Analysen zeigen, dass etwa die Hälfte der Patienten vor allem zu Beginn der Erkrankung psychisch stark belastet ist, etwa ein Drittel leidet im Krankheitsverlauf unter einer psychischen Störung. Am häufigsten treten Angststörungen, Anpassungsstörungen, affektive Störungen (vor allem Depressionen) und somatoforme Störungen auf (13). Aber auch während der Rehabilitation und Nachsorge oder in palliativer Situation brauchen viele Patienten professionelle psychoonkologische Unterstützung (4).

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Ebenso erleben Menschen, deren Erkrankung schon länger zurückliegt, psychische Krisen, die sie allein nicht bewältigen können (57). Psychische Störungen und subsyndromale psychische Belastungen haben nicht nur negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen, sondern führen auch zu hohen direkten und indirekten Kosten für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft, zum Beispiel durch eine verminderte Therapieadhärenz, eine längere Krankenhausverweildauer beziehungsweise eine höhere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, höhere Krankheitsfolgestörungen und längere Krankschreibungen.

Vor dem Hintergrund zunehmender Inzidenzzahlen sowie gleichzeitig ansteigender Überlebensraten (8) stellen sich für eine spezifische psychoonkologische Versorgung neue Herausforderungen. Der Nationale Krebsplan fordert daher, dass alle Krebspatienten bei Bedarf eine angemessene psychoonkologische Versorgung sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich erhalten sollen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind mehrere Schritte notwendig: Die psychische Belastung bei den Patienten muss frühzeitig erkannt werden. Es muss ausreichende Versorgungsangebote geben. Diese Angebote müssen professionell, qualitätsgesichert und gut erreichbar sein. Die Versorgung muss angemessen vergütet werden (9).

Neue S3-Leitlinie Psychoonkologie

Die neue S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung erwachsener Krebspatienten“ (www.awmf.org) legt auf der Basis umfangreicher wissenschaftlicher Evidenzanalysen dar, dass professionelle psychosoziale Unterstützung hilft, die Krebserkrankung zu verarbeiten und psychische Störungen sowie psychosoziale Probleme zu reduzieren (10). Die wichtigsten psychoonkologischen Interventionen für Krebspatienten, deren Effektivität wissenschaftlich belegt ist, umfassen psychotherapeutische Einzel- oder Gruppentherapien, Psychoedukation, Entspannungsverfahren sowie Paarberatung und -therapie. Die zentralen Aussagen der im Januar 2014 erschienenen Leitlinie sind: Psychoonkologische Leistungen sind effektiv. Psychische und soziale Belastungen müssen sorgfältig, frühzeitig und wiederholt erfasst werden. Für die Erfassung dieser Belastungen stehen validierte Instrumente zur Verfügung.

Das im Nationalen Krebsplan formulierte Ziel eines bedarfsgerechten psychoonkologischen Versorgungsangebotes entsprechend den zentralen Empfehlungen der S3-Leitlinie Psychoonkologie bei psychischen Störungen wie auch vor allem bei subsyndromalen Belastungen kann in Deutschland noch nicht flächendeckend umgesetzt werden (11) trotz bedeutsamer Fortschritte in den vergangenen Jahren. Die durch die Deutsche Krebsgesellschaft eingeführten Zertifizierungskriterien für Krankenhäuser, in denen festgelegt ist, dass qualifizierte psychoonkologische Fachkräfte für die Versorgung der Patienten zur Verfügung stehen müssen, haben zu einer erheblichen Verbesserung der Versorgung im stationären Bereich geführt (12). Im immer relevanter werdenden ambulanten Bereich sind die wichtigsten Leistungsträger der psychoonkologischen Versorgung: die psychosozialen Krebsberatungsstellen, die ärztlichen und die psychologischen Psychotherapeuten. Obwohl im Rahmen eines zeitlich befristeten Förderprogramms der Deutschen Krebshilfe einige neue Krebsberatungsstellen eingerichtet werden konnten, ist die ambulante psychoonkologische Versorgung der Patienten, vor allem an der Schnittstelle von der stationären zur ambulanten Versorgung, noch nicht sichergestellt.

Auch im Bereich der niedergelassenen Psychotherapie muss die psychoonkologische Versorgung derzeit noch als defizitär bewertet werden. Krebspatienten müssen auch in Ballungsräumen immer noch mehrmonatige Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz in Kauf nehmen.

Psychoonkologische Leistungen in die ASV

Um eine hochwertige psychoonkologische Versorgung langfristig und flächendeckend sicherstellen zu können, bedarf es dringend einer Neuregelung der Finanzierung dieser Angebote für Krebserkrankte und ihre Angehörigen. Eine geregelte und zuverlässige Vergütung psychoonkologischer Leistungen im stationären und ambulanten Bereich ist unabdingbar.

Ein möglicher Ansatz wäre die bessere Abbildung psychoonkologischer Leistungen in der Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) nach § 116 b SGB V. Die AG Psychoonkologie der Deutschen Krebsgesellschaft hat dafür einen konkreten Vorschlag erarbeitet und dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss zur Kenntnis gebracht. Darin wird gefordert, dass Krebspatienten mit subsyndromalen Belastungen bis zu zwölf Gespräche antragsfrei im Rahmen der ASV erhalten sollen. Dies würde eine erhebliche Verbesserung der psychosozialen Versorgung Krebskranker mit sich bringen und präventiv eine Chronifizierung psychosozialer Belastungen sowie die Verschlimmerung hin zu psychischen Störungen reduzieren.

Prof. Dr. rer. med. Susanne Singer,
Dr. med. Andrea Petermann-Meyer,
Dipl.-Psych. Alf von Kries
für die AG Psychoonkologie der Deutschen Krebsgesellschaft

@Das Positionspapier im Internet:
www.aerzteblatt.de/141644

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3914
oder über QR-Code

1.
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2.
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