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Ärztlicher Stellenmarkt: Will bald niemand mehr Chefarzt werden?

Dtsch Arztebl 2014; 111(39): [2]

Martin, Wolfgang

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Es bewerben sich immer weniger Oberärztinnen und Oberärzte auf eine Chefarztposition.

Nun scheint der Ärztemangel auch auf der Chefarztebene angekommen zu sein: Zumindest läuft die Besetzung von Chefarztpositionen für die Krankenhäuser seit einiger Zeit nicht mehr ganz reibungslos. Aber liegt dies wirklich daran, dass immer weniger potenzielle Kandidaten zur Verfügung stehen? Hat nicht vielmehr das Karriereziel Chefarzt/Chefärztin so stark an Attraktivität verloren, dass es für immer weniger Ärztinnen und Ärzte erstrebenswert erscheint?

Foto: Fotolia/weseetheworld
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Die Realität sieht inzwischen so aus, dass sich zunehmend weniger Oberärzte auf Ausschreibungen von Chefarztpositionen bewerben. Eine qualifizierte Kandidatenauswahl ist in einigen Bereichen nur dadurch möglich, dass sich im Gegenzug mehr Ärzte bewerben, die bereits eine Chefarztposition innehaben. Dies ist wiederum ein Indiz dafür, dass die Unzufriedenheit auf der Chefarztebene zugenommen hat.

Die Statistik gibt keinen Hinweis auf einen tatsächlichen Mangel an potenziellen Bewerbern für Chefarztpositionen: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der im Krankenhaus tätigen Fachärzten unterhalb der Chefarztebene um rund ein Drittel gestiegen. Die Zahl an Chefarztausschreibungen im Deutschen Ärzteblatt ist im gleichen Zeitraum aber zurückgegangen; im abgelaufenen Jahr waren es 372, gegenüber 561 im Jahr 2003. Damit könnten sich heute rein rechnerisch doppelt so viele Oberärzte auf eine Chefarztausschreibung bewerben wie noch vor zehn Jahren.

Wie erklärt sich das abnehmende Interesse seitens der Oberärzte an der Übernahme einer Chefarztposition? Und warum ist auf der anderen Seite eine immer größere Zahl an Chefärzten mit ihrer jetzigen beruflichen Situation unzufrieden?

Unzufriedenheit auf der Chefarztebene

Da ist zunächst die Gehaltssituation: Seit Ende der 90er Jahre sind die Chefarztgehälter im Durchschnitt stark nach unten korrigiert worden. Gleichzeitig verdienen die Leitenden Oberärzte mit außertariflichen Verträgen heute zum Teil deutlich mehr als noch vor zehn Jahren. Damit ist auch der Einkommensunterschied zwischen einer Leitenden Oberarzt- und einer Chefarztposition sehr viel geringer geworden und für viele Leitende Oberärzte aus Krankenhäusern der Schwerpunkt-/Maximalversorgung der Schritt in eine Chefarztposition unter rein ökonomischen Gesichtspunkten kaum noch lukrativ.

Sicherlich ist das Gehalt nicht das (einzig) ausschlaggebende Kriterium für eine Bewerbung. Eine wichtige Motivation für die Übernahme einer Chefarztposition ist der damit erhoffte Zugewinn an Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Aber auch darum ist es nicht mehr so gut bestellt: Personalmangel und rigide Sparvorgaben der Krankenhausträger haben hier zu schmerzhaften Einschnitten geführt. So lässt sich zum Beispiel angesichts ausgedünnter Stellenpläne selbst die Befreiung von Bereitschaftsdiensten in vielen Abteilungen einfach nicht mehr realisieren. Damit sehen die Oberärzte, die bereits jetzt unter der enormen Leistungsverdichtung zu leiden haben, auch in einer Chefarztposition kein Licht am Ende des Tunnels.

Die fehlende Motivation, eine Chefarztposition zu übernehmen, zeigt sich zurzeit besonders im Gebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Dass in diesem Fach auf Chefarztausschreibungen besonders wenige Bewerbungen eingehen, könnte auf den ersten Blick mit dem hohen Frauenanteil (inzwischen liegt dieser im Krankenhaus bei mehr als 60 Prozent) zusammenhängen. Gynäkologinnen, so wäre dann die geschlechtsspezifische Erklärung, sind aufgrund der schlechten Vereinbarkeit von Beruf und Familie eher geneigt, von einer klassischen Karriere Abstand zu nehmen. Doch fällt auf, dass auch ihre männlichen Kollegen immer weniger Interesse an Chefarztpositionen zeigen und sich dieser Trend nicht mehr nur auf dieses „weiblich dominierte“ Fachgebiet beschränkt.

Chefärzte von heute müssen Multitalente sein: Mit ihrer medizinischen Expertise sind sie entscheidende Leistungsträger des Krankenhauses. Sie sind mitverantwortlich für den wirtschaftlichen Erfolg des Hauses, müssen also auch eine gewisse „ökonomische Kompetenz“ mitbringen. Als Abteilungsleiter sollen sie über soziale und kommunikative Kompetenz, Führungsstärke und Organisationsgeschick verfügen. Sie sind verantwortlich für die ärztliche Weiterbildung und damit ein wichtiges Vorbild für die nachrückenden Ärzte. Als ein „Gesicht“ des Hauses sind sie die entscheidende Kontaktperson in allen Fragen der medizinischen Versorgung. Hier kann man inzwischen getrost von einer Rollenüberforderung sprechen.

Wie Umfragen zeigen, haben die ärztlichen Führungskräfte zudem immer stärker den Eindruck, dass die Schere zwischen den zur Verfügung gestellten personellen/sachlichen Ressourcen und den Leistungsanforderungen durch die Geschäftsführung immer weiter auseinanderklafft, die geforderten Leistungszahlen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr zu erbringen sind. Gleichzeitig beklagen sie, dass sie nicht ausreichend in strategische Fragen und Zielsetzungen eingebunden sind, am Ende aber für negative Ergebnisse verantwortlich gemacht werden.

Veritable Führungskrise in den Krankenhäusern

Damit nimmt das Konfliktpotenzial zwischen Chefarzt und Geschäftsleitung zwangsläufig zu. Nicht allen Krankenhäusern gelingt es, einen Interessensausgleich herbeizuführen. Wo sich Chefärzte mit ihren Problemen allein gelassen fühlen, entsteht nicht selten der Wunsch, doch noch einmal das Krankenhaus zu wechseln, auch wenn dies in der eigenen Karriereplanung eigentlich nicht vorgesehen war. Die Anzeichen sprechen also durchaus dafür, dass wir auf eine veritable Führungskrise in den Krankenhäusern zusteuern. Hierbei geht es nur vordergründig um die vermeintliche Attraktivität von Chefarztpositionen; es geht um die Identität der ärztlichen Führungskräfte.

Angesichts der Rollenüberforderung und der Befürchtung, dass wachsender Kostendruck und anspruchsvolle Zielvorgaben die Leitenden Ärzte in der Ausübung des Arztberufs behindern, macht sich unter den Chefärzten zunehmend ein Gefühl von Ohnmacht breit. Wie aber lässt sich dieses überwinden? Ein wichtiger erster Schritt wäre sicherlich, dass die Leitenden Ärzte das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen, das heißt in der Ärzteschaft eine breite Diskussion über die Führungsstrukturen der Zukunft anstoßen und sich dort maßgeblich einbringen.

Aber auch der schnelle Wissenszyklus der Medizin und die zunehmende Spezialisierung/Differenzierung in der Medizin stellen die Führungsstruktur auf den Prüfstand: Es gibt nicht mehr die eine Person, die alle Facetten eines großen Fachgebietes mit allen Spezialitäten kompetent vertreten kann. Es gilt, Alternativen zum tradierten Chefarztmodell zu entwickeln.

Dr. Wolfgang Martin, Mainmedico GmbH,
Consulting & Services, Frankfurt am Main

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