ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2014Randnotiz: Unreflektierte Wiedergabe
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Eine Fußballweltmeisterschaft sorgt nicht nur für Freude und Begeisterung, sondern soll sogar therapeutische Wirkung haben, wird in der Randnotiz einer Analyse der DAK-Gesundheit referiert.

Auf das Herz bezogen basiert diese Aussage auf der Beobachtung, dass 2006 und 2010 an den Tagen deutscher Spiele bei der Fußballweltmeisterschaft 20 Prozent weniger Herzinfarkte stationär aufgenommen wurden.

Zur Auswertung kam dabei der ICD-10-Code I21 akuter Myokardinfarkt, worunter alle Myokardinfarkte fallen, die bis zu einer maximalen Dauer von vier Wochen nach Eintritt des Infarktes stationär aufgenommen werden. Typischerweise fällt dieser administrative Code in Deutschland und anderen Industriestaaten vermehrt montags an, wenn die Patienten zur Aufarbeitung kardialer Notfallsituationen der letzten Tage und Wochen aufgenommen werden. Die Definition des ICD-Codes I21 als großer Sammeltopf macht klar, dass kardiale Ereignisse, die akut innerhalb von Minuten bis wenige Stunden nach einem spannenden Fußballspiel auftreten, damit nicht erfassbar sind. Im Gegenteil: Ist bei einer Dauer von bis zu vier Wochen die Symptomatik nicht akut lebensbedrohlich, so wird die Abklärung auch mal ein oder ein paar Tage aufgeschoben. Dies könnte eine scheinbare Abnahme des akuten Herzinfarktes nach I21-Definition – wie berichtet – an den Tagen deutscher Beteiligung an der Fußballweltmeisterschaft erklären . . .

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Mit der unreflektierten Wiedergabe der Analyse der DAK . . . erweist das DÄ dem Fortbildungsbedürfnis der Ärzteschaft einen schlechten Dienst. Denn unverändert gilt die Erkenntnis aus unserer aufwendigen prospektiven Notarztstudie zur Weltmeisterschaft 2006, dass in engstem zeitlichen Zusammenhang mit spannungsgeladenen Fußballspielen das Risiko akuter kardiovaskulärer Ereignisse beim Zuschauer signifikant erhöht ist (Wilbert-Lampen et al., 2008). Patienten, betreuende Ärzte und alle im Gesundheitswesen Tätigen sollten darüber informiert und auf ein entsprechendes Fußballgroßereignis vorbereitet sein. Für die interessante Frage, diesem Effekt an einem größeren Patientenkollektiv nachzugehen, ist jedenfalls der ICD-Code I21 ein untaugliches Instrument.

Literatur bei den Verfassern

Prof. em. Dr. Gerhard Steinbeck, Zentrum für Kardiologie am Klinikum Starnberg, 82319 Starnberg

Priv.-Doz. Dr. Ute Wilbert-Lampen, Medizinische Klinik und Poliklinik I der LMU, Campus Großhadern, 81377 München

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