ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2014Arzt-Patient-Kommunikation: Schulung stärkt die Patienten

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Arzt-Patient-Kommunikation: Schulung stärkt die Patienten

Schmidt, Erika; Schöpf, Andrea; Farin-Glattacker, Erik

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„Das habe ich nicht verstanden, Herr Doktor. Können Sie mir das bitte genauer erklären?“ Die Förderung der Kommunikationskompetenzen von Patienten in Arztgesprächen ist nützlich – für Patient und Arzt.

Viele Patienten sind mit Arztgesprächen nicht zufrieden. Sie verlassen die Arztpraxis und stellen fest, dass sie nicht alle Fragen haben stellen können, sei es weil sie sich nicht getraut haben oder weil der Arzt den Eindruck vermittelt hat, dafür keine Zeit zu haben. Befürchtungen oder auch für die Behandlung wichtige Beobachtungen eigener Symptome hat der Patient nicht so ausführlich eingebracht, wie es sinnvoll gewesen wäre. Die American Medical Association schätzt, dass 80 Prozent der medizinischen Fehler auf Kommunikationsstörungen zurückzuführen sind. Verschiedene Studien belegen darüber hinaus die ökonomische Relevanz einer ungenügenden Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten und den positiven Einfluss gelungener Kommunikation auf Adhärenz und Behandlungsergebnis.

Bislang gibt es vergleichsweise wenige Schulungskonzepte zur Förderung der Kommunikationskompetenzen von Patienten. Foto: Uniklinikum Freiburg
Bislang gibt es vergleichsweise wenige Schulungskonzepte zur Förderung der Kommunikationskompetenzen von Patienten. Foto: Uniklinikum Freiburg
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Die Arzt-Patient-Beziehung ist – wie jede partnerschaftliche Kommunikationssituation – eine Dyade, in der beide Seiten Verantwortung für das Gelingen der Verständigung tragen. Während jedoch die Kommunikationskompetenzen der Ärzte häufig untersucht wurden und viele entsprechende Schulungskonzepte vorliegen, gibt es nur vergleichsweise wenige Ansätze zur Förderung der Kommunikationskompetenzen der Patienten. Und dies, obwohl das Befähigen des Patienten zu effektiver Kommunikation die Patientenaktivierung steigert und vorliegende internationale Interventionsstudien – insbesondere bei chronischen Erkrankungen – vielversprechende Resultate aufweisen. Zudem liegen Studienergebnisse vor, die darauf hinweisen, dass eine Verbesserung der kommunikativen Fertigkeiten über Ärzteschulungen nur dann zu einer höheren Arbeitszufriedenheit führt, wenn sowohl Patienten als auch Ärzte geschult werden; wird nur für eine der beiden Gruppen ein Kommunikationstraining durchgeführt, zeigen die Ärzte oft mehr Stress und Unzufriedenheit.

Diese Befunde waren der Anlass für eine Freiburger Forschergruppe um Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Erik Farin-Glattacker (Institut für Qualitätsmanagement und Sozialmedizin, Universitätsklinikum Freiburg), im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts eine Patientenschulung für Kommunikationskompetenzen in Arztgesprächen (genannt: KOKOS-Schulung) zu entwickeln.

Zielgerichtet kommunizieren, kompetent auftreten

In der Gruppenschulung KOKOS lernen chronisch kranke Patienten und Patientinnen und deren Angehörige, zielgerichtet zu kommunizieren, kompetent aufzutreten und die knappe Zeit im Arztgespräch bestmöglich für sich nutzen. KOKOS vermittelt den Patienten mittels kurzer Präsentationen, Übungen und mit einem moderierten Erfahrungsaustausch aktive Kernkompetenzen für das Kommunizieren in Arztgesprächen.

Die Schulung wurde bei Selbsthilfegruppen in der Region Südbaden erprobt. Sie thematisiert in zwei Modulen (je zwei Stunden) folgende Inhalte: sich richtig auf das Gespräch vorbereiten, (Rück-)Fragen stellen, eigene Wünsche und Meinungen äußern, Feedback geben und das Arztgespräch nachbereiten.

Durch die Schulung ergab sich bei vielen Patienten ein Umdenken von „der Arzt sollte das tun/sagen“ zu „auch ich kann mit meinem Verhalten das Gespräch so beeinflussen, dass der Arzt entsprechend reagiert“. Eine Möglichkeit zur aktiven Beeinflussung scheinbar unbeeinflussbarer Umstände, wie knappe Zeitressourcen im Arztgespräch oder Vergessen, sind beispielsweise eine ausführliche Vor- und Nachbereitung des Gesprächs. Dabei sollen unter anderem Ziele für das anstehende Gespräch notiert und priorisiert werden. Selten haben sich Patienten vor dem Gespräch überlegt, wie sie ihre Fragen an den Arzt formulieren sollen: geschlossen oder offen? Beides hat seine Vor- und Nachteile, wie durch Übungen herausgearbeitet wird.

In KOKOS wird auch das Argumentieren in Arztgesprächen geübt. Denn nur mit einem guten Argument kann ein Patient seine Meinung begründen und vom Arzt eine adäquate Reaktion erwarten. Wann und wie man seinem Behandler wertschätzendes und konkretes Feedback gibt, sowohl positives als auch negatives, kann als Königsdisziplin im Kommunizieren angesehen werden und wird deswegen ausgiebig im Rollenspiel vertieft. Bisher haben sich in jeder Schulung freiwillige Rollenspieler gefunden, die der KOKOS-Ärztin (diese Rolle wird von einer Schulungsmoderatorin übernommen) Feedback geben.

Aus Sicht der Schulungsleiterinnen ist der Bedarf auf Patientenseite gegeben und die Nachfrage sehr groß. Die meisten chronisch kranken Patientinnen und Patienten wollen wissen und erlernen, was sie selbst aktiv tun können, um für sich den größten Nutzen aus einem Arztgespräch zu ziehen.

Die Schulung wurde in einer Pilotstudie mit fünf Selbsthilfegruppen auf Akzeptanz und mögliche Verbesserungsmöglichkeiten getestet. Dazu wurde den Teilnehmern am Ende jedes Moduls ein Evaluationsbogen ausgeteilt. Die Bewertung der Schulung spiegelt die gute Atmosphäre während der Schulungsdurchführung wider und zeigt, dass die Schulung einen wichtigen Beitrag zur Patientenkompetenz leisten kann. Um es mit den Worten eines Teilnehmers zu sagen: „Ich halte Ihre Schulung für sehr wichtig, um Patienten im heutigen Gesundheitswesen, in dem immer mehr Eigenverantwortung von den Patienten erwartet wird, auf Gespräche mit Ärzten gut vorzubereiten.“

Bessere Vorbereitung künftiger Arztbesuche

Die meisten Teilnehmer der Schulung konnten dabei einen persönlichen Nutzen aus der Schulung ziehen. Insgesamt gaben 74 Prozent (N = 68) nach Modul 1 und 60 Prozent (N = 45) nach Modul 2 an, dass die Schulung ihr Verhalten in zukünftigen Arztbesuchen beeinflussen wird. Die Teilnehmer nahmen sich vor, ihr Arztgespräch besser vor- und nachzubereiten, auch schriftlich, und im Arztgespräch aktiver zu sein. Dazu gehört auch, dass sie an Barrieren für aktives Gesprächsverhalten arbeiten wollen. Sie möchten – wie die Patienten es formulierten – „den Konflikten nicht ausweichen“, „selbstsicherer auftreten“ und „mutiger sein“. Bereits im Modul 2 gaben schon über ein Drittel der Patienten an, dass sie Schulungsinhalte von Modul 1 vor allem zur Vorbereitung bereits angewendet haben.

Praktische Übungen in der Gruppe sind hilfreich

Es wurden aber auch kritische Anmerkungen gemacht. Einerseits fanden es einige Teilnehmer schwierig, sich so lange zu konzentrieren, was die Komplexität des Themas Kommunikation unterstreicht. Deshalb erscheinen für bestimmte Patientengruppen kürzere und dafür häufigere Schulungseinheiten sinnvoll. Andererseits wurde der Wunsch nach mehr Beispielen, mehr Zeit für persönlichen Austausch innerhalb der Gruppe sowie mehr Übungen, wie etwa Rollenspiele, deutlich. Dies zeigt das Interesse der Teilnehmer am Thema, aber auch die Bedeutung von praktischen Übungs- und Diskussionsmöglichkeiten, die sich gut in einer Gruppenschulung umsetzen lassen.

Dies bestätigen auch die Teilnehmer: 91 Prozent würden die Schulung KOKOS weiterempfehlen. Darüber hinaus wurde die Meinung geäußert, dass möglichst viele Patienten die Chance erhalten sollten, eine solche Schulung zu machen.

Dipl.-Psych. Erika Schmidt,
Dr. Dipl.-Psych. Andrea Schöpf, Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Erik Farin-Glattacker

Institut für Qualitätsmanagement und Sozialmedizin, Universitätsklinikum Freiburg,
erika.schmidt@uniklinik-freiburg.de

@Informationen zum Forschungsprojekt: www.aerzteblatt.de/141646

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