ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2014Sterbehilfe: Schmerzfreiheit ist nicht immer möglich
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Nicht nur die Äußerungen des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider haben die Debatte über organisierte Sterbehilfe neu entfacht, vielmehr auch die Entwicklungen der Intensivmedizin, welche in manchen Fällen bei mangelnder ärztlicher Reflexion in eine unmenschliche Maschinerie übergehen kann. Die Fortschritte der Schmerzmedizin und der Palliativbehandlung sind ganz erheblich, doch mangelt es noch vielerorts an der Umsetzung erworbenen Wissens.

Als in den 1980er Jahren im Zusammenhang mit den Sterbehilfe- beziehungsweise Tötungsaktionen von Prof. Dr. Julius Hackethal ähnliche Diskussionen entbrannten, nahm ich dagegen eindeutig öffentlich Stellung und war der Auffassung, man könnte in allen Fällen unerträglichen Schmerz lindern. Die durchgehende Erfahrung mit chronischen Schmerzpatienten und Sterbenden seither haben jedoch gezeigt, dass es in Extremfällen leider nicht gelingt, unerträgliches Leiden hinreichend zu mildern, so etwa bei (den seltenen) Locked-in-Syndromen, bei denen nur über die Augenbewegung eine Kommunikation möglich ist oder bei schmerzhaften hohen Querschnittsyndromen. Während dabei vor Jahrzehnten über 90 Prozent der Betroffenen nach kurzer Zeit verstarben, überleben heute über 90 Prozent schwere HWS-Schädigungen.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery hat sicher recht, dass wir Ärzte „Hilfe zum Leben geben, nicht Hilfe zum Sterben“, doch ist Schmerzfreiheit bei erhaltenem Bewusstsein eben nicht immer möglich: Bei der zunehmenden Allergisierung gibt es auch Menschen, welche praktisch kein Analgetikum hinreichend gut vertragen, was die Problematik verschärft. Schmerzfreiheit ist also nicht immer möglich!

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Ein Teil der Betroffenen zieht den Tod ihrem anhaltenden Leiden vor. Wiederum ist dem Ärztepräsidenten zuzustimmen, wenn er ausführt, „wir möchten nicht die Profis für den Tod sein!“. Doch ist die Hilfe zum Tod nach dem Schweizer Modell für eine Minorität der Betroffenen ein Ausweg in menschlicher Würde und Autonomie. Dabei müssen nicht Ärzte die Tatherrschaft übernehmen.

Priv.-Doz. Dr. med. Roland Wörz, 76669 Bad Schönborn

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