ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2014Syrien: Der Tod ist allgegenwärtig

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Syrien: Der Tod ist allgegenwärtig

Dtsch Arztebl 2014; 111(40): A-1694 / B-1460 / C-1392

Stöbe, Tankred

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Zurzeit dominiert in der Berichterstattung über Syrien der Kampf gegen den Terror des IS. Dabei gerät die humanitäre Katastrophe, die der Bürgerkrieg ausgelöst hat, in den Hintergrund.

Fotos: dpa
Fotos: dpa

Mit versteinerter Miene saßen sie im Behandlungszelt vor mir: Die beiden Eltern, die deutlich älter wirkten als ihre 20 Jahre, und der einjährige Sohn Said, der seit Tagen erbrach, ebenso wie sein älterer Bruder Hussein, der an Fieber, Husten und Erbrechen litt. Fünf Tage zuvor hatte die Flucht der einfachen Arbeiterfamilie in der Nähe von Aleppo begonnen. Seit Ausbruch der Krise waren sie sechsmal innerhalb Syriens umgezogen, immer auf der Suche nach einem sicheren Ort. Bei einer der unzähligen Straßensperren wurden sie festgenommen, die Augen wurden ihnen verbunden, sie wurden gefesselt und gefoltert. Weil sie politisch unverdächtig waren, ließ man sie frei. Die weitere Flucht zwang sie zum illegalen Grenzübertritt in die Türkei, nur diese Wege gen Osten sind einigermaßen ungehindert passierbar, dann wieder zurück nach Syrien und am frühen Morgen in den Irak. Völlig erschöpft, traumatisiert und krank kamen sie in unser Zelt und stellten doch keinerlei Ansprüche, saßen still und bescheiden vor uns und hätten ohne unsere Nachfragen nichts berichtet von ihrer fürchterlichen Odyssee. Ähnliche Geschichten erlebten fast alle Flüchtlinge aus dem kriegsgeschundenen Land.

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Hunderttausende fliehen

Von Mitte August bis Mitte September 2013 war ich im Dreiländereck Syrien-Irak-Türkei tätig. Innerhalb der vier Sommerwochen, in denen dieser entlegenste Grenzübergang geöffnet war, verließen mehr als 60 000 Syrer in der größten Flüchtlingswelle seit Ausbruch des Konfliktes vor mehr als drei Jahren das Land. Zunächst überquerten einige Tausend Syrer die Peshkabour-Grenze, dann etwa 1 000 täglich. In unserem Behandlungszelt konnten wir 850 Flüchtlinge medizinisch behandeln. Viele von ihnen waren erschöpft vom kilometerlangen Marsch durch die schattenlose Wüste mit Temperaturen von mehr als 50 Grad, im Niemandsland zwischen den Grenzposten, andere kamen mit Verletzungen und chronischen Erkrankungen. Es sind dramatische, oft emotionale Geschichten, von denen die Flüchtlinge berichteten. Junge Mütter warteten in der Heimat nur die Geburt ihres Kindes ab und machten sich dann Stunden später auf den Weg. Eine Familie mit sieben Kindern, das jüngste und zweitjüngste waren auf der langen Flucht mit Fieber und Durchfall erkrankt, harrten ohne Essen und Trinken die vergangenen 24 Stunden am Grenzposten aus.

Im Einsatz für die syrischen Flüchtlinge: Ärzte ohne Grenzen betreibt seit 2012 Hilfsprojekte im Irak, in Jordanien und dem Libanon. Hier deren Präsident Tankred Stöbe (M.)
Im Einsatz für die syrischen Flüchtlinge: Ärzte ohne Grenzen betreibt seit 2012 Hilfsprojekte im Irak, in Jordanien und dem Libanon. Hier deren Präsident Tankred Stöbe (M.)

Medizinisch waren die Herausforderungen meist zu bewältigen, selten aber wurde mir in einem Projekt die Notwendigkeit der komplexeren humanitären Hilfe deutlicher: die Flüchtlinge nach ihrem Befinden fragen, geduldig zuhören, nach Monaten unfasslichen Leides einen Moment menschlicher Zuwendung zeigen. Als ich eine alte Frau fragte, der medizinisch nichts zu fehlen schien, wie es ihr ginge, fing sie still an zu weinen – wie lange hatte sie das keiner mehr gefragt?

Das größte Flüchtlingslager Domiz im Nordirak ist mit weit mehr als 40 000 Bewohnern längst wegen Überfüllung geschlossen, aber immer noch drängen weitere hinzu. Ärzte ohne Grenzen betreibt die Klinik im Camp, wo wir täglich Hunderte Konsultationen durchführen. Neben den somatischen Krankheiten erleben wir auch hier das seelische Leid und die wachsende Frustration über die ausbleibenden Zukunftsoptionen. Unsere Psychologen berichten von traumatisierten Kindern, die in ihrem Leben nur den Krieg kennenlernten.

Täglich entstanden zudem neue provisorische Flüchtlingsunterkünfte. Trotz aller Hilfsbereitschaft der irakischen Bevölkerung und Behörden ist vor allem das Gesundheitssystem mit dem fortdauernden Zustrom der Flüchtlinge überfordert. Einige von ihnen kehren enttäuscht über die schlechten Aufnahmebedingungen und unzureichende Krankenversorgung in ihr Bürgerkriegsland zurück.

Eine Höhle als OP

Ärzte ohne Grenzen betreibt seit Juni 2012 Krankenhäuser und Gesundheitszentren im Norden von Syrien. In den Einrichtungen der Organisation wurden bisher mehr als 10 000 chirurgische Eingriffe und mehr als 63 400 Notaufnahmen durchgeführt. Fast 110 000 Patienten wurden ambulant behandelt und knapp 2 400 Geburten begleitet. Ärzte ohne Grenzen unterstützt außerdem 48 Krankenhäuser sowie 38 Gesundheitsposten, die von syrischen Ärzte-Netzwerken in sieben Provinzen betrieben werden. In Irak, Jordanien und dem Libanon hat Ärzte ohne Grenzen umfangreiche medizinische Hilfsprogramme für syrische Flüchtlinge. Bisher wurden in diesen Ländern mehr als eine halbe Million medizinische Behandlungen durchgeführt.

2012 waren wir das zweite Team von Ärzte ohne Grenzen, das nachts zu Fuß nach Syrien einreiste, nachdem zuvor ein Erkundungsteam in den Akkrad-Bergen den medizinischen Bedarf ermittelt hatte. Jetzt war es unsere Aufgabe, in einer Höhle eine chirurgische Klinik einzurichten, um dort Verletzte schnell und sicher operieren oder zumindest stabilisieren zu können. Denn unzählige Verletzte sind in dieser Gegend schon auf der Flucht verblutet oder an der Grenze verstorben, wenn diese geschlossen war.

Zunächst beeindruckte die schöne Bergwelt. In den sonnig-warmen Obstgärten waren die Landwirte damit beschäftigt, die pflückreifen Äpfeln, Feigen und Trauben zu ernten, und sie begegneten uns mit warmherziger Gastfreundschaft. Der zweite Eindruck war der des allgegenwärtigen Todes. Denn von zwei etwa 30 Kilometer entfernten Berghöhen feuerten Armeepanzer Bomben und Raketen in unregelmäßigen Abständen in die Berge, kaum ein Haus oder eine Straße waren unversehrt geblieben. Die Höhle war 20 mal 13 Meter groß und vier Meter hoch, die robuste Felsdecke sollte uns Schutz bieten. Wir entschieden, im oberen Bereich die Notaufnahme und postoperative Behandlungseinheit einzurichten und in der unteren Etage ein aufblasbares Zelt zu installieren, um dort unter sterilen Bedingungen operieren zu können. Die nächsten Tage verbrachten wir mit dem Ausbau der Höhle. Nebenher behandelten wir Patienten, fast ausschließlich Zivilisten aus der Umgebung, die mit Kriegsverletzungen zu uns kamen, aber auch mit chronischen Erkrankungen, wie Bluthochdruck oder anhaltenden Bauchschmerzen. In den Patientengesprächen zeigten aber fast alle auch Anzeichen von seelischen Traumatisierungen, zudem verschlimmerten die Kriegsängste die chronischen Beschwerden. Erschreckend war das Leid der Zivilbevölkerung zu erleben und wie lange sie schon von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten war. Auch die Essensvorräte gingen immer wieder zur Neige, und ein zweiter kalter Winter stand bevor. Benzin für Generatoren musste in kleinen Kanistern über die Grenze geschmuggelt werden und auch Mehl für das tägliche Brot.

Ruhe und Überforderung

Eine alte Frau wurde zu uns gebracht, deren Hinterkopf durch einen Bombensplitter weggesprengt wurde. Bei Ankunft lag sie bereits im Koma und starb innerhalb weniger Minuten. Eine junge Frau, die einen Flankenschuss erlitten hatte, klagte über stärkste Schmerzen, und in ihren Augen flackerte Todesangst. Das sind unvergessliche Bilder. Andere Patienten kamen mit Bauchschüssen oder Knochenverletzungen und viele zur täglichen Wundreinigung oder zum Verbandwechsel.

Anders als in Epidemiegebieten wechselten sich für uns Momente der Ruhe und der Überforderung ab, denn die Verletzten kamen nicht kontinuierlich, sondern oft in Gruppen und manchmal nachts. Täglich kreisten Helikopter über den Bergen. Für die Nacht wechselten wir aus Sicherheitsgründen immer wieder das Quartier, denn Ärzte und Kliniken werden weiterhin gezielt angegriffen.

Dr. med. Tankred Stöbe

Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland

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