ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1996Apotheker: „Mit einigem Optimismus in die Zukunft . . .“

POLITIK: Aktuell

Apotheker: „Mit einigem Optimismus in die Zukunft . . .“

Glöser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Beim Pressegespräch der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) Anfang Mai in Berlin ging es um das 1993 initiierte ABDA-Konzept "Verbesserung der Arzneimittelversorgung – Mehr Verantwortung für den Apotheker". Prof. Dr. Rainer Braun, ABDA-Geschäftsführer für Pharmazie, stellte das bisher Erreichte vor, wobei vor allem die Kooperation zwischen Apothekern und Ärzten im Mittelpunkt stand.


Daß die Leistungserbringer im Arzneimittelbereich bei dem gegenwärtig in der Diskussion stehenden Bonner Sparpaket in Höhe von 7,5 Milliarden DM "endlich einmal nicht herhalten müssen", begrüßte der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Klaus Stürzbecher, in Berlin. Zudem ließ ihn die Zusage Horst Seehofers, daß die Bonner Koalition das deutsche Apothekerwesen nicht bedrohen, sondern schützen und stützen werde, "mit einigem Optimismus in die Zukunft" blicken.
Gerade in einem System mit mehr Wettbewerb würden die Apotheker alles daransetzen, ihre unverzichtbare Funktion als Heilberuf zu sichern, machte der Präsident das Anliegen seines Berufsstandes deutlich. Stürzbecher verwies in diesem Zusammenhang auf die "Aktionswoche gegen Arzneimittelfehlgebrauch", an der sich rund 94 Prozent der Apotheker beteiligt hätten. Von 600 hierzu befragten Apothekern glaubten 95 Prozent, daß solche Initiativen ihre Beratungskompetenz unterstreichen würden. Die Aktionswoche starteten die Apotheker im Rahmen ihrer diesjährigen ABDA-Imagekampagne (siehe auch DÄ, Heft 17/1996).
Über Ergebnisse des 1993 initiierten Konzepts "Verbesserung der Arzneimittelversorgung – Mehr Verantwortung für die Apotheker" berichtete der ABDA-Geschäftsführer für Pharmazie, Prof. Dr. Rainer Braun. Im Mittelpunkt stand dabei die im letzten Jahr gegründete Arbeitsgemeinschaft mit dem Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA). Mittlerweile habe diese auf Landesebene über hundert Arbeitskreise zwischen Ärzten und Apothekern geschaffen.


Selbstmedikation nimmt zu
Den Apothekern, so Braun, werde künftig mehr Verantwortung im Bereich der Selbstmedikation zuwachsen. "43 Prozent aller in Deutschland verkauften Arzneimittel werden heute nicht ärztlich verordnet." Diese Entwicklung werde sich weiter verstärken, da immer mehr Arzneimittel aus der Verschreibungspflicht entlassen würden und die Patienten durch die steigende Eigenbeteiligung an verschreibungspflichtigen Medikamenten zum Selbstkauf übergingen.
Um die Selbstmedikation sowohl für die Patienten als auch für Ärzte und Apotheker transparenter zu machen, hätten die Arbeitskreise inzwischen verschiedene Aktivitäten gestartet, erläuterte Braun. So sei ein Infobogen als Kommunikationsmittel zwischen Arzt und Apotheker entwickelt worden, auf dem beide Seiten Informationen über die Medikation des Patienten eintragen können. Zudem sei für die Apotheker ein Infoblatt "Selbstmedikation und Apotheke" erarbeitet worden, das ihnen Entscheidungs- und Beratungshilfen an die Hand gibt. Ferner trage auch die A-Card, auf der die gesamte Medikation des Patienten dokumentiert werden könne, dazu bei, Risiken in der Selbstmedikation zu minimieren. Zur Erinnerung: In einem Feldversuch in der Stadt Neuwied bei Koblenz wurde die A-Card gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Koblenz und dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung als Bestandteil der "medizinischen Patientenkarte" im letzten Jahr eingeführt. Dr. Claus-Werner Brill, wirtschafts- und sozialpolitischer Referent der ABDA, stellte heraus, daß der Apotheker anhand der A-Card mögliche Arzneimittelinteraktionen überprüfen und so den Kunden besser beraten könne.
Zur Zeit werden erste Ergebnisse dieses Feldversuches ausgewertet. Dr. Frank Diener, Leiter der ABDAGrundsatzabteilung, geht davon aus, daß in den nächsten Monaten ein Umsetzungskonzept zur flächendeckenden Einführung der A-Card vorliegen wird. Falls Patienten dieses freiwillige Angebot nutzen wollten, entstünden ihnen Kosten von rund 20 DM, schätzt Diener.


Modifizierung der Preisverordnung
Eine Kooperation zwischen Ärzten und Apothekern hält Braun auch im Bereich Generikaverordnungen für sinnvoll. Aufgrund des Budgetdrucks sei damit zu rechnen, daß die Generika künftig einen noch höheren Marktanteil erreichen und bislang verordnete Generika durch noch preisgünstigere ersetzt werden. Die ABDA habe daher für Produkte im Festbetragssystem eine Modifizierung der Arzneimittelpreisverordnung vorgeschlagen. Wenn im Bereich der Festbetragsarzneimittel der individuelle und preisabhängige Aufschlag für jedes einzelne Arzneimittel durch einen einheitlichen Zuschlag für eine spezifische Festbetragsgruppe ersetzt würde, wäre es dem Apotheker möglich, den Arzt über therapeutisch austauschbare Produkte preisunabhängig zu beraten. Durch die Einführung dieses "festbetragsgruppenspezifischen Festzuschlages" könne nicht nur das formale Wirtschaftlichkeitsgebot realisiert, sondern insbesondere auch ein meßbarer Beitrag zur Kostendämpfung erbracht werden, meinte auch der Sprecher der ABDA-Geschäftsführung, Dr. Johannes Pieck.


Anwenderfehlerquote liegt bei 50 Prozent
Eine intensivere Betreuung des Patienten werde ferner die Compliance verbessern. "Die beste Diagnose des Arztes sowie die optimale Auswahl des richtigen Arzneimittels nutzen wenig, wenn der Patient es nicht sachgerecht anwendet", gab Braun zu bedenken. Viele Studien würden belegen, daß die Anwenderfehlerquote bei etwa 50 Prozent liege. Um statistisch gesichert nachweisen zu können, daß die pharmazeutische Betreuung durch den Apotheker in Kooperation mit dem Arzt sinnvoll sei und vor allem kostensenkend wirke, hat die ABDA ein Modellprojekt zur Betreuung von Asthmapatienten in Hamburg vorbereitet. Braun rechnet damit, daß damit im Herbst dieses Jahres begonnen werden kann. Zudem seien ähnliche Pilotprojekte in Planung, so beispielsweise für Diabetiker, multimorbide ältere Patienten oder Patienten mit koronarer Herzinsuffizienz.
Die ABDA habe darüber hinaus zusammen mit den Ärzten aus der Arbeitsgemeinschaft mit dem BDA eine Arzneimittel-Fragenkarte entwickelt, die den Patienten für seine Medikation sensibilisieren soll. Vom Apotheker ausgehändigt, wird der Patient darin angeregt, sich über seine Medikation zu informieren und sich bei Unklarheiten an den Apotheker oder Arzt zu wenden. Die Karte werde voraussichtlich in diesem Sommer eingeführt.
Was die nicht immer einfache Zusammenarbeit zwischen den beiden Berufsständen angeht, gab sich Braun optimistisch: "Mit zunehmender Kooperation wird sich ein gegenseitiges Verständnis zwischen Arzt und Apotheker entwickeln." Dr. Sabine Glöser

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote