ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2014Menschen mit Demenz im Krankenhaus: Modellprojekt gibt wichtige Impulse

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Menschen mit Demenz im Krankenhaus: Modellprojekt gibt wichtige Impulse

Dtsch Arztebl 2014; 111(40): A-1680 / B-1448 / C-1380

Spielberg, Petra

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Die Versorgung von Patienten mit Demenz stellt besondere Anforderungen. Ein Modellprojekt aus Rheinland-Pfalz könnte auch für die auf Bundesebene entwickelte Demenzstrategie interessante Anreize liefern.

Eine professionell gestützte Angehörigenarbeit ist Teil einer besseren Versorgung der Demenzkranken. Foto: dpa
Eine professionell gestützte Angehörigenarbeit ist Teil einer besseren Versorgung der Demenzkranken. Foto: dpa

Zehn Jahre ist es her, dass die rheinland-pfälzische Landeszentrale für Gesund­heits­förder­ung (LZG) die „Demenzkampagne Rheinland-Pfalz“ mit dem Ziel gestartet hat, die Versorgung von Menschen mit Demenz in der Region zu verbessern. Einen Teil der Kampagne stellt das im Auftrag des Sozialministeriums durchgeführte Modellprojekt „Demenzkompetenz im Krankenhaus“ dar. Mit dem Modellprojekt hätten die Initiatoren offene Türen bei den Kliniken eingerannt, unterstrich Patrick Landua, stellvertretender Leiter des Referats zur Gestaltung des demografischen Wandels bei der LZG, bei einer ersten offiziellen Bilanz des Projekts Mitte September in Mainz.

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Demente Patienten erkennen

Acht Einrichtungen mit unterschiedlicher Versorgungsstruktur hätten an dem Modell teilgenommen. Die Rückmeldungen aus den Häusern seien durchweg positiv gewesen, da das Projekt zu deutlich mehr Handlungssicherheit bei den Beteiligten führe, so dass es bis Februar 2015 nun eine zweite Projektphase geben soll. Mittels eines im Januar gestarteten „Runden Tisches“ sollen die Erfahrungen und erprobten Instrumente zudem auf andere Kliniken übertragen werden.

Ältere Patienten mit Demenz stellten die Krankenhäuser gleich vor mehrere Probleme, machte Prof. Dr. med. Andreas Fellgiebel, Leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz, deutlich. So sei die Mortalität von Menschen mit der Ko-Diagnose Demenz erhöht, die Behandlungsdauer in der Regel länger und die Komplikationsrate und Kosten ebenfalls signifikant höher als bei Patienten ohne demenzielle Erkrankung. Fellgiebels Fazit: „Eine stationäre Behandlung von Patienten mit der Ko-Diagnose Demenz ist also möglichst zu vermeiden!“ Paradoxerweise führten jedoch körperliche Erkrankungen, die auch ambulant gut zu behandeln wären, bei Patienten mit Demenz signifikant häufiger zu stationären Aufnahmen als bei älteren Patienten ohne Demenz. Ein weiteres Problem sei, dass bei der Einweisung älterer Menschen trotz relevanter kognitiver Einschränkungen oft noch keine Demenzdiagnose vorliege oder nicht mitgeteilt werde. „Das führt dazu, dass der tatsächliche Unterstützungsbedarf zunächst nicht erkannt wird“, betonte Fellgiebel. Die Prävalenzrate von stationären Patienten über 70 Jahren mit Ko-Diagnose Demenz liege konservativen Schätzungen zufolge bei rund elf Prozent.

Bei dem Modellprojekt wurde daher bei Patientinnen und Patienten ab dem 70. Lebensjahr mit deren Einverständnis bei der stationären Aufnahme ein kurzer standardisierter Test durchgeführt. „Wird bei diesem Screening mit dem 3-Wörter-Uhrentest eine kognitive Beeinträchtigung festgestellt, kann die medizinische und pflegerische Versorgung von Anfang an darauf abgestimmt werden“, so Fellgiebel.

Patientenströme steuern

Die Ergebnisse des Screenings untermauerten die Annahme, dass sich Krankenhäuser bei der stationären Aufnahme auf die Identifikation der Gruppe älterer Patienten mit relevanten kognitiven Störungen stärker ausrichten müssen, um eine adäquate Versorgung gewährleisten zu können. Von 1 368 Personen, die an dem Screening teilnahmen, wiesen immerhin 72,4 Prozent leichte und 17,6 Prozent sogar deutlich ausgeprägte kognitive Störungen auf, so Fellgiebel: „Wichtig ist, dass sich so ein Test innerhalb weniger Minuten im Rahmen der Routineabläufe bei der stationären Aufnahme durchführen lässt.“ Darüber hinaus seien strukturelle Maßnahmen zur Steuerung der Patientenströme erforderlich, wie ein frühzeitig koordiniertes Aufnahme- und Entlassungsmanagement unter Einbeziehung von Pflegestützpunkten, den Hausärzten sowie den lokal ansässigen Demenznetzwerken, die Entwicklung besonders demenzfreundlicher Stationen sowie der Einsatz von Ehrenamtlern. Wichtig sei aber auch eine verbesserte ambulante Versorgung von Patienten mit Demenz, betonte Fellgiebel mit Verweis auf die vom rheinland-pfälzischen Expertenforum Demenz erarbeiteten Empfehlungen (Kasten).

Personal schulen

Da der Umgang mit demenziell erkrankten Patienten sowohl für Ärzte als auch Pflegekräfte häufig schwierig ist, war ein weiterer wichtiger Bestandteil des Projekts, das Krankenhauspersonal zu schulen und für die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu sensibilisieren. „Solche Qualifizierungsmaßnahmen wirken sich nicht nur positiv auf die Betroffenen, sondern auch auf die Arbeitszufriedenheit des Personals aus“, hob Dr. Matthias Krell, Geschäftsführer der LZG, hervor. Allerdings könne eine adäquate Versorgung und Einbindung aller Beteiligten nur funktionieren, wenn die Geschäftsführung der Kliniken voll dahinterstehe, ergänzte Prof. Dr. rer. med. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung, Köln. Bislang sei es bundesweit jedoch so, dass in vielen Einrichtungen nur vereinzelte Maßnahmen zur verbesserten stationären Versorgung von Menschen mit Demenz umgesetzt würden, wie die Einsetzung eines Demenzbeauftragten oder ein demenzbezogenes Medikamentenmanagement. Notwendig sei ein umfassendes Bündel an Maßnahmen.

Dabei sieht Isfort in der schwerpunktmäßigen Versorgung von Demenzkranken für Kliniken durchaus auch einen Wettbewerbsvorteil. Für die entsprechenden speziellen Versorgungsleistungen seien allerdings finanzielle Anreizsysteme erforderlich, so Isfort abschließend.

Petra Spielberg

@Bericht des Expertenforums:
www.aerzteblatt.de/141680

Empfehlungen

Für die Lebensqualität von Demenzkranken ist deren Selbstbestimmung von entscheidender Bedeutung. So lautet die zentrale Botschaft eines umfassenden Expertenberichts mit Empfehlungen zur medizinischen und pflegerischen Behandlung von Menschen mit Demenz, den das rheinland-pfälzische Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Auftrag gegeben hat. Um die Wünsche und Bedürfnisse von Menschen mit Demenz besser messen zu können, haben die 49 Autoren aus Forschung, Pflege und Behörden des kürzlich veröffentlichten Berichts eigens spezielle Qualitätsindikatoren entwickelt. Wesentlich ist dabei aus Sicht der Experten auch, ob eine professionell gestützte Angehörigenarbeit geleistet wird, wie gut die Versorgungsangebote regional vernetzt sind und wie demenzfreundlich das Klima in der Kommune ist.

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