ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2014Gewaltprävention: Schwierige Gratwanderung in der ärztlichen Praxis

THEMEN DER ZEIT

Gewaltprävention: Schwierige Gratwanderung in der ärztlichen Praxis

Dtsch Arztebl 2014; 111(40): A-1684 / B-1454 / C-1386

Grass, Hildegard; Steffens, Marion; Hefer, Brigitte

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Ärztinnen und Ärzte sind oft die erste Anlaufstelle für Gewaltopfer. Um sinnvoll helfen zu können, sollte man sich vorbereitend mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

Foto: picture alliance
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Gewalt ist ein weit verbreitetes und gesellschaftsschichtenübergreifendes Problem. Gewalterfahrungen können zu (langwierigen) körperlichen und seelischen Verletzungen mit erheblichen Auswirkungen auf das Gesundheits- und Sozialsystem führen. Der Gesetzgeber hat in den vergangenen 20 Jahren unterschiedliche Gesetze, die den Schutz insbesondere vor Gewalt im häuslichen Umfeld zum Gegenstand haben, verabschiedet. Ausübung von Gewalt ist strafrechtlichen Sanktionen unterworfen und erfordert unmittelbare staatliche Intervention. Neben Ächtung und Sanktionierung stehen bei der Bekämpfung insbesondere von häuslicher Gewalt vor allem jedoch Schutz und Hilfe für die Opfer im Vordergrund.

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Die Aussage „Gewalt macht krank“ ist inzwischen im Bewusstsein aller Akteurinnen und Akteure im Hilfesystem verankert. Unterschiedliche Informationsangebote, Handlungshilfen, Aktionen oder Modellprojekte bieten Anknüpfungspunkte besonders auch für diejenigen Ärztinnen und Ärzte, die ihr Behandlungskonzept für die hohe Zahl von Patientinnen und Patienten mit Gewaltbelastung optimieren wollen. Dennoch bleibt noch viel zu tun, denn die gefühlte Sinnhaftigkeit einer gewaltpräventiven Arbeit im klinischen und ärztlichen Praxisalltag ist noch nicht durch standardisierte, flächendeckende und finanziell gesicherte Maßnahmen umgesetzt.

Gewalt macht krank

Gleichwohl können Ärztinnen und Ärzte bereits jetzt wesentliche Schritte zu einer gewaltinformierten medizinischen Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten umsetzen – die nachfolgenden Ausführungen sollen Mut machen beziehungsweise unterstützen, aktiv zu werden oder zu bleiben – denn jeder auch noch so kleine Schritt kann Leiden lindern.

Gewalt macht krank. Deshalb betrifft Gewalt Ärztinnen und Ärzte unmittelbar: Viele Gewaltopfer wenden sich zunächst nicht an eine Beratungseinrichtung, rufen nicht die Polizei zu Hilfe, sondern konsultieren aufgrund von Verletzungen und gesundheitlichen Beschwerden eine Ärztin oder einen Arzt. Diese sind häufig erste und einzige Anlaufstelle für Betroffene, ihnen kommt eine besondere Rolle bei der Erkennung von Gewalttaten und bei der Betreuung der Gewaltopfer zu.

Schweigepflicht – Offenbarungsbefugnis
Schweigepflicht – Offenbarungsbefugnis
eKasten
Schweigepflicht – Offenbarungsbefugnis

Der Arzt kann sich bei Kenntnis einer Gewalttat grundsätzlich auf seine Schweigepflicht berufen (zu den Vorgaben zu Schweigepflicht und Offenbarungsbefugnissen siehe eKasten). Insbesondere Opfer häuslicher Gewalt sprechen die Ursachen ihrer Verletzungen häufig nicht an oder verneinen diese. Für den Arzt bedeutet dies oft eine „Gratwanderung“ zwischen Wegschauen und fehlender Distanz.

Wissen um Hilfsangebote

Die Hilfen, die Gewaltopfer benötigen, sind häufig sehr differenziert und zeitintensiv. Sie können in der Regel nicht von einer Person oder Einrichtung erbracht werden. Der Arzt ist weder Kriminalbeamter noch Sozialarbeiter, weder Pfarrer noch Psychologe. Deshalb ist auch die ärztliche Praxis grundsätzlich nur Teil eines Systems von Einrichtungen, die Gewaltopfern Hilfen anbieten.

Aktuelle Erfahrungen aus dem Modellprojekt Medizinische Intervention gegen Gewalt (MIGG – siehe auch DÄ-Beitrag 16/2012) zeigen, dass Ärztinnen und Ärzte durch eine gezielte Information und Schulung ressourcenorientiert ihre Kompetenzen im Umgang mit Patientinnen und Patienten, die Gewalt erfahren haben oder von Gewalt bedroht sind, stärken. Die Patientinnen und Patienten erleben diese ärztliche Betreuung als Entlastung und Unterstützung in ihrer problembelasteten Situation, insbesondere die Wahrnehmung dieser Belastung durch die Ärztinnen und Ärzte wird als sehr hilfreich empfunden.

Das Engagement von Ärztinnen und Ärzten in der Gewaltopferversorgung ist auf unterschiedlichen Ebenen möglich und sinnvoll:

  • Reflektieren der persönlichen und gesamten Praxis-/Klinik-(abteilungs-)ressourcen, denn die Art und Weise der konkreten Umsetzung kann und darf unterschiedliche Schritte und damit verbundenen Ressourceneinsatz beinhalten.
  • Beschaffung von Informationsmaterial zur Auslage in der Praxis oder Klinik; dies ist in der Regel ein einfacher und doch schon wichtiger Schritt, denn so wird deutlich, dass dieses Thema in der Praxis angesprochen werden kann.
  • Wissen zum Thema Gewalt für sich und das Mitarbeiterteam zugänglich machen. Im Internet, in der Fachpresse und auf Fortbildungsveranstaltungen finden sich vielfältige Angebote (Beispiele dafür in Kasten).
  • Kommunikation mit Gewaltbetroffenen und die gerichtsverwertbare Befunddokumentation. Leitfäden zur häuslichen Gewalt, zur Kommunikation sowie Dokumentationsbögen häusliche Gewalt sind unter diesen Schlagworten im Internet zu finden (zum Beispiel Leitfaden „Diagnose: häusliche Gewalt“ unter www.aekno.de/downloads/aekno/haus-gewalt-leitfaden.pdf).
  • Kommunikation und Kooperation mit anderen Einrichtungen suchen, da Menschen mit Gewalterfahrung in der Regel vielfältige Problemkonstellationen mitbringen, die in der ärztlichen Praxis allein nicht zu bewältigen sind. Auch eine sogenannte Clearingstelle oder spezifische Angebote zum Beispiel für Kinder in der Region sollte in Anspruch genommen werden können.

Es ist wichtig, etwaige Lücken in der Gewaltprävention in Praxis oder Klinik zu schließen. Nur eine solche patienten- und ressourcenorientierte Haltung ermöglicht es Menschen mit Gewaltbelastung, ihr Recht auf Gesundheitsschutz und Gesundheitsversorgung umsetzen zu können.

PD Dr. med. Hildegard Grass
Institut für Rechtsmedizin des
Universitätsklinikums Düsseldorf
Marion Steffens
Leiterin des Kompetenzzentrums
Frauen und Gesundheit NRW, Bochum
Dr. med. Dipl.-Ing. Brigitte Hefer
Ärztekammer Nordrhein

@eKasten:
www.aerzteblatt.de/141684
oder über QR-Code

Strafgesetz und Berufsordnung

Schweigepflicht – Offenbarungsbefugnis

  • § 203 Strafgesetzbuch (StGB) (Verletzung von Privatgeheimnissen):

(1) Wer unbefugt ein fremdes Geheimnis, namentlich ein zum persönlichen Lebensbereich gehörendes Geheimnis oder ein Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis, offenbart, das ihm als Arzt [. . .] oder Angehörigen eines anderen Heilberufs [. . .] anvertraut worden oder sonst bekanntgeworden ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

  • § 34 Strafgesetzbuch (StGB) (Rechtfertigender Notstand):

Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr von sich oder einem anderen abzuwenden, handelt nicht rechtswidrig, wenn bei Abwägung der widerstreitenden Interessen, namentlich der betroffenen Rechtsgüter und des Grades der ihnen drohenden Gefahren, das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich überwiegt. Dies gilt jedoch nur, soweit die Tat ein angemessenes Mittel ist, die Gefahr abzuwenden.

  • In Deutschland gibt es keine Meldepflicht für Ärzte beim Bekanntwerden von einzelnen Misshandlungen. Nach § 4 des Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG) dürfen Ärzte und andere Berufsgeheimnisträger, um eine Gefährdung des Wohls eines Kindes oder eines Jugendlichen abzuwenden, unter bestimmten Voraussetzungen Informationen und Daten an das Jugendamt weitergeben, ohne sich wegen Verletzung der Schweigepflicht nach strafbar zu machen.
  • (Muster-)Berufsordnung für Ärztinnen und Ärzte, § 9 Schweigepflicht

(1) Ärztinnen und Ärzte haben über das, was ihnen in ihrer Eigenschaft als Ärztin oder Arzt anvertraut oder bekannt geworden ist – auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus – zu schweigen. . . .

(2) Ärztinnen und Ärzte sind zur Offenbarung befugt, soweit sie von der Schweigepflicht entbunden worden sind oder soweit die Offenbarung zum Schutze eines höherwertigen Rechtsgutes erforderlich ist. Gesetzliche Aussage- und Anzeigepflichten bleiben unberührt. Soweit gesetzliche Vorschriften die Schweigepflicht der Ärztin oder des Arztes einschränken, soll die Ärztin oder der Arzt die Patientin oder den Patienten darüber unterrichten.

Informationsangebot

  • Vielfältige Informationen bieten die Institute für Rechtsmedizin in Deutschland: Direktzugriff auf die jeweilige Homepage über die Homepage der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (dgrm.de).
  • Das Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit NRW hält Basisinformationen, Arbeitshilfen, relevante Forschungsergebnisse, Handlungsleitfäden und Leitlinien zur medizinischen Gewaltintervention bereit. Zudem gibt es einen Material- und Referentinnenpool und weitere Links (frauenundgesundheit-nrw.de).
  • Handlungsleitfäden zum konkreten Umgang mit einer Patientin, einem Patienten nach Gewalterfahrung sind unter dem Stichwort „Leitfaden Häusliche Gewalt“ oder als Kurzinformation unter „Med.Doc.Card“ im Internet zu finden. Über das Internet gelangt man auch rasch zu den Frauenberatungsstellen und Frauenhäusern in den Regionen.
  • Das bundesweite Hilfetelefon (0800 116 016) kann ebenfalls genutzt werden, Informationen dazu bietet die zugehörige Homepage unter www.hilfetelefon.de.
  • Kinderspezifische Angebote finden sich zum Beispiel unter den Suchbegriffen Kindeswohlgefährdung oder Kindesmisshandlung.
  • Regionale Initiativen, wie „GEWINN Gesundheit“ (Hamburg und sechs Regionen in NRW), S.I.G.N.A.L (Berlin), das Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit NRW, Frauennotruf Frankfurt mit ihren Angeboten sowie auch die AWMF-Leitlinien zum Themenfeld ergänzen das Angebot.

Engagement der Ärztekammern

„Symptome, wie Sie sie beschreiben, stehen häufig in Zusammenhang mit Gewalt. Kann es sein, dass Ihnen jemand Gewalt angetan hat?“ So oder ähnlich könnte ein Arzt seine Patientin fragen, wenn er den Eindruck hat, sie sei möglicherweise ein Opfer häuslicher Gewalt. Auch ohne einen konkreten Verdacht sollte es zu einer sorgfältigen Anamnese gehören, Patienten auf Gewalterfahrungen anzusprechen, meint Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein. Gemeinsam mit Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, rief er am 22. September in Düsseldorf die Ärzte dazu auf, Opfern häuslicher Gewalt verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen.

Es sei äußerst wichtig, betonte Henke, im Gespräch mit einem Gewaltopfer einen vertrauensvollen Raum zu schaffen, nicht zu drängen. Gerade Ärzte neigten dazu, das Gespräch selbst in die Hand zu nehmen. Für sie sei es mitunter unverständlich, dass Gewaltopfer zunächst nicht über die erlittene Gewalt sprechen wollen. Es sei notwendig, das Gesprächsangebot aufrechtzuerhalten und weiterhin auf Hilfsangebote hinzuweisen.

Windhorst sieht beim Kontakt in der Arztpraxis die Möglichkeit, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Windhorst: „Es darf nicht sein, dass Gewaltopfer einfach weitergeschoben werden. Wir müssen Anlaufstelle für diese Geschädigten bleiben.“ Bei häuslicher Gewalt handele es sich nicht allein um ein medizinisches, sondern auch um ein rechtliches und gesellschaftliches Problem, führte der westfälische Kammerpräsident aus. Diesem müsse mit einem engmaschigen Netz aus gesundheitlicher Versorgung, regionalen und lokalen Hilfeeinrichtungen und rechtlichen Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Gewalttätern wirkungsvoll begegnet werden.

In Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit NRW veranstalteten die beiden Ärztekammern am 27. September eine Fachtagung „Häusliche Gewalt – Gewalt in sozialen Beziehungen. TG

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