ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2014Kinder und Jugendliche als Täter und Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch
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Tötungs- und Gewaltdelikte durch Kinder und Jugendliche und die körperlichen Symptome von sexuellem Missbrauch sind Themenschwerpunkte dieses Heftes. So unterschiedlich die Deliktbereiche der Beiträge von Helmut Remschmidt (1) und Bernd Herrmann und Mitarbeitern (2) sind, so verbindet die beiden Themenbereiche doch, dass sich das Verbrechen in der Regel aus einem Täter-Opfer-Verhältnis heraus ergibt.

Die Fragestellung

Täter und Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch sind wohl ausnahmslos in der Zeitspanne vom Kindesalter bis zum Tatzeitpunkt als Patienten in ärztlichen Praxen vorstellig gewesen. Hätte man als Behandelnder bei dieser Begegnung präventiv Täter- oder Opfermerkmale erkennen und das Verbrechen verhindern können? Stimmen die Vorurteile: „Wer einmal mordet wird es wieder tun!“ und „Einmal Gewalttäter immer Gewalttäter!“? Im Rahmen der Begutachtung für die Gerichte geht die Frage an den ärztlichen Gutachter, ob sich mit körperlichen Untersuchungsbefunden Beweise oder Gegenbeweise für einen sexuellen Missbrauch führen lassen. Ist dies aber durch die Feststellung spezifischer körperlicher Symptome des betroffenen Kindes überhaupt möglich?

Wie häufig sind Gewaltdelikte und sexueller Missbrauch; gibt es ein „Täterprofil“?

Tötungs- und Gewaltdelikte von Kindern und Jugendlichen sind in den letzten 20 Jahren in Deutschland tendenziell weniger häufig vorgekommen. Aus der polizeilichen Kriminalstatistik lassen sich epidemiologische Erkenntnisse gewinnen. Täter von Gewalt- und Tötungsdelinquenz (Tatverdächtige rund 87 %) wie auch von sexuellem Missbrauch (Tatverdächtige rund 96 %) sind weit überwiegend männlichen Geschlechts. Opfer von versuchtem/vollendetem Mord sind häufiger männlich (etwa 59 %), jene von vollendetem sexuellem Missbrauch weit häufiger weiblich (76 %) (3). Gruppendynamische Einflüsse spielen bei Gewaltdelikten im Unterschied zur Dynamik bei sexuellem Missbrauch eine signifikant wichtige Rolle. 

Remschmidt (4) hat eine der bedeutendsten Längsschnittstudien zu 114 kindlichen und jugendlichen Gewalttätern mit insgesamt 70 Todesopfern vorgelegt: Über einen fast dreizehnjährigen Beobachtungszeitraum nach der Verurteilung hinweg war etwa ein Drittel der Stichprobe Jugendlicher und Heranwachsender nur vorübergehend durch ein Gewaltdelikt auffällig; nahezu 40 % erwiesen sich allerdings als chronische Straftäter, wobei die Untergruppe der „Mehrfachintensivtäter“ (11,4 %) nicht nur die größte Anzahl an Straftaten beging, sondern psychopathologisch und psychosozial am auffälligsten war. Gegen jegliches Vorurteil der Befund: Von den Kindern und Jugendlichen, der insgesamt 114 Gewalttätern, die wegen Mord (42), versuchtem Mord (12) Totschlag, versuchtem Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge (19) verurteilt waren, hat im Untersuchungszeitraum von 13 Jahren kein einziger Täter ein zweites Tötungsdelikt begangen. Von hoher psychiatrischer Relevanz ist der Befund, dass bei über 80 % der Täter eine psychiatrische Störung im Rahmen der forensischen Begutachtung diagnostiziert wurde. Ein signifikanter Indikator für ein hohes Risiko chronischer Gewaltdelinquenz sind wiederholte gewalttätige Straftaten vor dem 10. Lebensjahr.

Bemerkenswert ist es, dass Amokläufer wie auch deren Elternhäuser sich im Risikoprofil von den übrigen jugendlichen Gewalttätern signifikant unterscheiden: Amokläufer sind vor der Tat zum Beispiel nicht durch Aggressionen, Gewaltdelikte, gestörtes Sozialverhalten und Delinquenz auffällig geworden, der Schusswaffengebrauch ist häufig (5).

Hohe Dunkelziffer

Nahezu täglich ist sexueller Missbrauch Thema in den Medien. Die Verdächtigtenstatistik der Polizei (3) weist jährlich seit dem Jahr 2006 zwischen 12 000 und bis über 13 000 Fälle (13,8–15,4 Fälle pro 100 000 Einwohner) von sexuellem Missbrauch an Kindern aus. Verurteilungen sind jedoch sehr viel seltener, nur 2 142 waren es zum Beispiel im Jahr 2012 (6). Die Dunkelziffer gilt als hoch. Sexueller Missbrauch geschieht in Heimen, Schulen, Internaten, Vereinen, klinischen und kirchlichen Einrichtungen. In den weitaus meisten Fällen kommen die Täter und Täterinnen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld des Kindes (Tatverdächtige Jugendliche etwa 18 %, Erwachsene etwa 66 %, 16 % fällen auf Kinder und Heranwachsende, häufig sind es die Väter, Stiefväter oder Partner der Mutter. Ein spezifisches „Täterprofil“ gibt es für beide Deliktgruppen nicht. Im Unterschied zu den Gewaltdelikten, die beispielsweise im Affekt und ungeplant ausgeübt werden, wird der sexuelle Missbrauch geplant und das Kind vom Täter in psychische Mitverantwortung genommen („Wenn Du etwas sagst, kommt Papa ins Gefängnis...“). Die Täter aus beiden Deliktbereichen kommen aus allen Schichten.

Das Schicksal der Opfer

Die körperlichen Folgen bei den Opfern von Gewalt sind bei den Überlebenden je nach Art und Schwere der Verletzungen unterschiedlich. Die psychischen Folgen, wenn auch unzureichend untersucht, sind unspezifisch und schwerwiegend.

Die möglichen körperlichen Kennzeichen von sexuellem Missbrauch fasst der Beitrag von Herrmann und Koautoren kompakt zusammen (2). Die umfassende Literaturübersicht kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: In über 90 % der begutachteten Fälle ist es nicht möglich, aus fachgerecht kinder- und jugendgynäkologisch erhobenen körperlichen Befunden Rückschlüsse auf sexuellen Missbrauch zu ziehen. Normalbefunde sind häufig. Die qualifiziert erhobene, glaubwürdige Aussage des Kindes ist in erster Linie diagnostisch entscheidend. Wichtig ist es umso mehr, die psychischen Folgen sexueller Missbrauchserfahrung zu eruieren und medizinisch zu beachten:

  • posttraumatische Belastungsstörungen
  • Somatisierungsstörungen
  • Essstörungen
  • Suchtmittelmissbrauch
  • Depression
  • Borderline-Störungen und Suizidalität
  • Störungen in sexuellen Beziehungen.

Dass Misshandlungen auch langfristig mit strukturellen und funktionellen zerebralen Veränderungen korrelieren, ist inzwischen ein gesicherter Befund (79).

Prävention

Der Prävention von Gewaltdelinquenz können unter anderem dienen (4):

  • eine Intervention frühestmöglich sobald sich Anzeichen von Gewaltdeliquenz erkennen lassen
  • Überwachungsmaßnahmen zur Vorbeugung
  • eine Verkürzung der Zeitspanne zwischen Tat, Begutachtung und Gerichtsurteil
  • eine qualifizierte Heimbetreuung als Alternative zur Untersuchungshaft bei jüngeren Straftätern mit Förderungs- und Qualifikationsmöglichkeiten
  • eine qualifizierte Wiedereingliederung in die Gesellschaft bei Entlassung
  • ein Alkoholverbot in kritischen Brennpunkten.

Der vierbändige Bericht der Gewaltkommission der Bundesregierung ist nach wie vor ein Leitfaden für das Ursachenverständnis sowie für Behandlungs- und Präventionsansätze körperlicher Gewaltdelikte (10).

Im Hinblick auf die Kindesmisshandlung haben sich folgende Präventionsmaßnahmen als wirksam erwiesen (11): Hausbesuch, Elternberatung, Präventivprogramme zu sexuellem Missbrauch und systemische Interventionen.

Die stärkere Beachtung der Erkenntnisse zu beiden Deliktbereichen in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung ist geboten.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Andreas Warnke
Maidbronnerstraße 32
97230 Estenfeld
warnke@kjp.uni-wuerzburg.de

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Remschmidt H, Martin M, Niebergall G, Heinzel-Gutenbrunner M:
Violent crime perpetrated by young people—results from a longitudinal legal probation study over a 13 year period. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 685–91. VOLLTEXT
2.
Herrmann B, Banaschak S, Csorba R, Navratil F, Dettmeyer R: Physical investigation in child sex abuse—approaches and current evidence.. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 692–703. VOLLTEXT
3.
Bundeskriminalamt (Hg.): Polizeiliche Kriminalstatistik Bundesrepublik Deutschland Jahrbuch 2013 Wiesbaden: Bundeskriminalamt 2013.
4.
Remschmidt H: Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung und Prognose. Heidelberg: Springer 2012.
5.
Bannenberg B: Amok, Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloh: Gütersloher Verlag 2010.
6.
Statistisches Bundesamt (ed.): Verurteiltenstatistik. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt 2013.
7.
Choi J, Jeong B, Rohan ML, Polcari AM, Teicher MH: Preliminary evidence for white matter tract abnormalities in young adults exposed to parental verbal abuse. Biol Psychiatry. 2009; 65: 227–34. CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
Fegert JM: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2007, 50: 78–9.
9.
Remschmidt H: The emotional and neurological consequences of abuse. Dtsch Arztebl Int 2011; 108: 285–6. VOLLTEXT
10.
Schwind HD, Baumann J, Lösel F, et al. (Hrg.): Ursachen Prävention und Kontrolle von Gewalt (Bd I–IV). Berlin, Duncker und Humblot 1990.
11.
Mikton C, Butchart A: Child maltreatment prevention: a systematic review of reviews. Bull World Health Organ 2009; 87: 353–61. CrossRef MEDLINE PubMed Central
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg: em. Prof. Dr. med. Warnke
1.Remschmidt H, Martin M, Niebergall G, Heinzel-Gutenbrunner M:
Violent crime perpetrated by young people—results from a longitudinal legal probation study over a 13 year period. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 685–91. VOLLTEXT
2.Herrmann B, Banaschak S, Csorba R, Navratil F, Dettmeyer R: Physical investigation in child sex abuse—approaches and current evidence.. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 692–703. VOLLTEXT
3.Bundeskriminalamt (Hg.): Polizeiliche Kriminalstatistik Bundesrepublik Deutschland Jahrbuch 2013 Wiesbaden: Bundeskriminalamt 2013.
4.Remschmidt H: Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung und Prognose. Heidelberg: Springer 2012.
5.Bannenberg B: Amok, Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloh: Gütersloher Verlag 2010.
6.Statistisches Bundesamt (ed.): Verurteiltenstatistik. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt 2013.
7.Choi J, Jeong B, Rohan ML, Polcari AM, Teicher MH: Preliminary evidence for white matter tract abnormalities in young adults exposed to parental verbal abuse. Biol Psychiatry. 2009; 65: 227–34. CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.Fegert JM: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2007, 50: 78–9.
9.Remschmidt H: The emotional and neurological consequences of abuse. Dtsch Arztebl Int 2011; 108: 285–6. VOLLTEXT
10.Schwind HD, Baumann J, Lösel F, et al. (Hrg.): Ursachen Prävention und Kontrolle von Gewalt (Bd I–IV). Berlin, Duncker und Humblot 1990.
11.Mikton C, Butchart A: Child maltreatment prevention: a systematic review of reviews. Bull World Health Organ 2009; 87: 353–61. CrossRef MEDLINE PubMed Central

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MamaSchlumpf
am Montag, 13. Oktober 2014, 16:15

Kindesmissbrauch soll endlich ein Ende nehmen!

Wie traurig es doch ist, dass Kinder immer wieder Pädophilen, Gewalttätern oder Mobbern in die Finger geraten und sich nicht wehren können. Es ist immer wieder erschreckend! Sogar innerhalb der Familie geschehen diese schrecklichen Dinge.. Kinder sollten endlich die Chance erhalten, sich vor Kindesmissbrauch zu schützen! Sie sollen lernen auch mal "Nein" sagen zu können und in solchen Situationen richtig zu handeln! Es gibt viele Institutionen, welche Kurse anbieten, um Kinder vor solchen schrecklichen Ereignissen zu schützen, wie z.B. Sicher-Stark-Kurse. Kindesmissbrauch soll endlich ein Ende nehmen!
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