ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1999Drogenselbsthilfegemeinschaft Synanon: Eine Alternative zur professionellen Suchthilfe?

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Drogenselbsthilfegemeinschaft Synanon: Eine Alternative zur professionellen Suchthilfe?

Dtsch Arztebl 1999; 96(12): A-761 / B-623 / C-583

Albrecht, Bernhard

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LNSLNS Der Ruf der Organisation in der Drogenszene ist nicht der beste. Kritiker werfen Synanon totalitäre Strukturen und "Gehirnwäsche" vor. Unbestreitbar sind jedoch Langzeiterfolge in der Drogen- und Alkoholabstinenz.


Als der Drogenabhängige Ingo Wamke Ende der 60er Jahre einen Arzt konsultierte, schrieb ihm dieser statt des gewünschten Tranquilizers einen Buchtitel auf das Rezept. In "The tunnel back" beschreibt der amerikanische Soziologe Lewis Yablonski das Konzept des amerikanischen Suchthilfeprojekts Synanon für einen Weg aus der Drogenmisere. Beeindruckt durch die Lektüre, gründete der Junkie 1971
eine Lebensgemeinschaft nach amerikanischem Vorbild. Das amerikanische Projekt gilt mittlerweile als gescheitert, die deutsche Organisation ist heute eine der größten von etwa 30 Drogenselbsthilfegemeinschaften in Deutschland und war beispielgebend für vergleichbare Institutionen wie Almedro oder Elrond. Die Mitglieder wohnen in Gemeinschaftsunterkünften und arbeiten in eigenen Betrieben. An zwei Standorten leben etwa 300 ehemalige Abhängige. In Berlin besitzt der eingetragene Verein einen umgebauten und renovierten Komplex ehemaliger Fabrikgebäude, im brandenburgischen Schmerwitz ein Landgut.
Bei der Suchthilfegemeinschaft wird ein "kalter Entzug" durchgeführt. Das heißt, in der Akutphase der Entgiftung werden grundsätzlich keine Medikamente angewendet. Nur wenn bedrohliche gesundheitliche Probleme auftreten, schickt man den Entzugswilligen in eine Klinik. Alle anderen nehmen von Anfang an teil an den Gemeinschaftsaufgaben, zunächst einfache Tätigkeiten wie Küchen- oder Toilettendienst. Eine "Therapie" im eigentlichen Sinne findet bei Synanon nicht statt. An ihre Stelle tritt das sogenannte "Synanon-Spiel", eine mehrmals wöchentlich stattfindende Gruppensitzung mit open end. Den Mit-gliedern, die im Alltag zu höflichen und aggressionsfreiem Umgang miteinander verpflichtet sind, soll das Spiel zur Kanalisierung ihrer aufgestauten Emotionen dienen, so die Idee. Unter Wegfall der sonst bestehenden Hierarchiegrenzen dürfen sie hemmungslos kritisieren und beschimpfen. Nicht alle kommen damit gut zurecht, manchmal "zerfetzen die Mitglieder einen wie Wölfe ihre Beute", berichtet ein ehemaliges Mitglied.
Dr. Peter Bühringer vom Münchener Institut für Therapieforschung steht dem "Spiel" sehr kritisch gegenüber. "Es werden psychische Prozesse in Gang gesetzt, die von Laientherapeuten im Einzelfall nicht mehr beherrschbar sind", gibt er zu bedenken und empfiehlt Synanon dringend, Gruppenleiter einzusetzen, die therapeutisch geschult sind. Nur so könne verhindert werden, schreibt er im Handbuch für Betäubungsmittelstrafrecht, daß keine "aggressiven Akte oder länger andauernde emotionale Verletzungen entstehen". In Synanon gibt es jedoch keine Bestrebungen, an den Modalitäten des Spieles etwas zu ändern. Dem Prinzip der Selbsthilfe treu bleibend, lehnt man den Einsatz von professionell geschulten Gruppentherapeuten ebenso ab wie die Anstellung von Sozialarbeitern.
Andere Maßnahmen, die bei Synanon anstelle der Therapie treten, lassen sich unter zwei Begriffe zusammenfassen: Radikaler Bruch mit der eigenen Vergangenheit und strikte Kontrolle. Vorstandsmitlied Peter Elsing beschreibt das harte Reglement. "In den ersten Tagen dürfen die Neuankömmlinge nicht einmal allein auf die Toilette, damit sie nicht unbeobachtet eingeschmuggelte Drogen einnehmen. Während der ersten sechs Monate verlassen sie die Wohneinrichtung nur in Begleitung älterer Mitglieder." Weitere Einschränkungen müssen die Abstinenzwilligen akzeptieren:
• Gemäß dem Grundsatz "keine Drogen, keine Gewalt, kein Tabak" müssen sie auch auf die beliebteste Ersatzdroge verzichten.
• Keine Kontakte zu Angehörigen und Freunden während der ersten sechs Monate (auch nicht brieflich oder telefonisch). Eine erste Heimfahrt findet frühestens nach einem Jahr und in Begleitung eines altgedienten Mitgliedes statt.
• Zur gegenseitigen Kontrolle teilen die ehemaligen Abhängigen während der ersten drei Jahre ihr Zimmer mit ein bis zwei weiteren Mitgliedern.
• Nichtwahrung des Postgeheimnisses: Sämtliche eingehende Post wird in der Verwaltung geöffnet, damit keine Drogen eingeschmuggelt werden.
• Abgabe von Privateigentum. Persönliche Gegenstände erhalten die Ex-Süchtigen nach mehreren Monaten zurück. Größere Geldbeträge auf Konten werden eingefroren, eigene Fahrzeuge werden im gemeinschaftlichen Fuhrpark von besonders Privilegierten genutzt.
Ist Synanon eine Sekte?
Privateigentum wird nach der Philosophie von Synanon grundsätzlich abgelehnt. "Bei größeren Wertanlagen wird einem Mitglied nach mehreren Jahren nahegelegt, diese in die Gemeinschaft einfließen zu lassen", erläutert Elsing. Diese Verfahrensweise hat immer wieder zu harscher Kritik der Öffentlichkeit geführt: "Ist Synanon geldgierig?" titelte beispielsweise die "taz" anläßlich eines Gerichtsprozesses, in dem ein ehemaliges SynanonMitglied 15 000 DM zurückerstreiten wollte. Nach Ansicht des Betroffenen hatte die Gemeinschaft ihn dazu genötigt, das Geld abzutreten. "Ähnliche Verfahren müssen wir immer wieder führen", bestätigt Elsing und verteidigt die Synanon-Position: "Viele leben lange Zeit auf unsere Kosten, so daß es uns gerechtfertigt erscheint, wenn sie sich nach mehreren Jahren finanziell beteiligen." Große Wertanlagen, wie Hauseigentum, stellen nach seinen Angaben bei ExSüchtigen jedoch eine seltene Ausnahme dar, keiner nötige den Eigentümer zu einer Abtretung.
Wegen des harten Reglements und des Umgangs mit Privateigentum wenden sich immer wieder Betroffene oder deren Angehörige an die staatlichen oder kirchlichen Sektenberatungsstellen. Als Sekte ist die Suchthilfegemeinschaft nicht einschlägig bekannt, aber "es herrscht eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit Gruppen wie Synanon", räumt Dr. Utsch (evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen) ein. Gegen den Verdacht sprechen allerdings einige Tatsachen: Die für Sekten charakteristische Isolation von Angehörigen wird nach einigen Monaten aufgehoben.
Synanon sorgt selbst für eine hohe Transparenz, so daß eine dauernde öffentliche Kontrolle der Institution auf verschiedenen Ebenen stattfindet. So absolvieren Waldorfschüler alljährlich ein 14tägiges Landwirtschaftspraktikum in Schmerwitz. Die Möglichkeit eines Praktikums besteht auch für alle im Bereich der professionellen Suchthilfe Tätigen. In der Berufsausbildung ihrer Mitglieder und bei Freizeitaktivitäten arbeitet Synanon eng mit außenstehenden Fachleuten zusammen. Auch ist die Fluktuation der Mitglieder bei Synanon extrem hoch. Nach Frederic Fredersdorf, dem Verfasser einer Vier-Jahres-Katamnese über ehemalige SynanonMitglieder, verbleiben nur etwa 20 Prozent der Neuankömmlinge länger als die vereinbarte Probezeit von 14 Tagen. Etwa die Hälfte dieser entscheidet sich für einen Daueraufenthalt von einem halben Jahr und mehr, nur ein kleiner Teil der Mitglieder bleibt länger als ein Jahr. Die hohe Zahl von Abbrechern hat zur Folge, daß während eines Jahres bei Synanon mehr als 1 000 Personen ein- beziehungsweise ausziehen.
Aufnahme ohne Vorbedingungen
Die Leitung des Projekts liegt in den Händen weniger langjähriger Mitglieder wie Elsing, der seit 14 Jahren dabei ist. Sie haben eine effektive und an die soziale Situation der Suchtkranken angepaßte Verwaltung aufgebaut, die für die oft mittellosen und hochverschuldeten Hilfesuchenden viel leistet.
• Eine Aufnahme kann jederzeit und voraussetzungsfrei erfolgen. Sozial- und Kran­ken­ver­siche­rung müssen nicht vorab geregelt sein, die organisationseigene Verwaltung übernimmt diese Aufgabe. Jeder in der Suchthilfe Tätige weiß, daß an diesen banalen Problemen die Vermittlung an Fachkliniken oft scheitert.
• Synanon übernimmt die Rückzahlung von Schulden aus der Zeit der Sucht.
• Unterkunft und Verpflegung sind frei, bei längerwährender Dazugehörigkeit spart Synanon für das Mitglied eine Starthilfe für die Rückkehr ins "normale Leben" an und zahlt Beiträge in eine Rentenversicherung.
Finanzieren kann sich das Suchthilfeprojekt zum großen Teil aus seinen "Zweckbetrieben". In Berlin betreibt Synanon ein stadtbekanntes Umzugsunternehmen, eine Druckerei und eine Großwäscherei. Auf dem Landgut bei Schmerwitz wird biodynamischer Ackerbau betrieben, außerdem gibt es eine Metzgerei, Bäckerei, Töpferei und Tischlerei. In allen Betrieben können die ehemaligen Süchtigen berufsqualifizierende Abschlüsse erwerben. Für die Aussteiger hat sich im Umfeld von Synanon ein Netzwerk von kleinen Betrieben und Werkstätten gebildet, die von ehemaligen Mitgliedern eigenverantwortlich geführt werden und primär Anstellungsmöglichkeiten für ehemalige Abhängige bieten. "In den effektiven Sozialisationsmaßnahmen Synanons liegen sehr wesentliche Gründe für die Langzeiterfolge in der Abstinenz", erläutert Fredersdorf.
Und diese Langzeiterfolge sind bemerkenswert für eine Institution, die auf professionelle Hilfe verzichtet: Nach der auf Fragebögen basierenden Katamnese von Fredersdorf lebten mindestens 33 Prozent von 205 erfaßten ehemaligen Synanon-Mitgliedern, die länger als 14 Tage dort verbracht hatten, zum Zeitpunkt der Befragung dauerhaft abstinent von Drogen und Alkohol. Wenn nur die ehemaligen Mitglieder berücksichtigt werden, die ihre Fragebögen beantwortet zurückgesendet haben (112 Personen), liegt die Zahl der Abstinenten sogar bei 61 Prozent.
Angesichts dieses Therapieerfolges stellt sich die Frage, für welche Patienten eine Vermittlung an Synanon erfolgversprechend wäre. Eine wichtige Gruppe stellen Straffällige dar, die nach § 35 des Betäubungsmittelgesetzes zwischen Haft und Therapie wählen dürfen. Fredersdorf faßt einige günstige individuelle Voraussetzungen zusammen: Soziale Isolation, Leidensdruck durch Arbeitslosigkeit, Fehlen sinnvoller Alternativen, insbesondere auch ein Minimum an sozialer Integrationsfähigkeit. "Generell aber", gibt er zu bedenken, "gilt auch für Synanon der heutige Konsens der deutschen Suchtforschung: Persönlichkeitsmerkmale taugen nicht als Prädiktor für den Verlauf einer Suchtkarriere." Bernhard Albrecht

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