ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2014Qualitätsmanagement: Reizthema für Ärzte

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Qualitätsmanagement: Reizthema für Ärzte

Dtsch Arztebl 2014; 111(41): A-1728 / B-1488 / C-1420

Gerst, Thomas

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Das Pro & Kontra im Deutschen Ärzteblatt zum Thema Qualitätsmanagement hat große Resonanz in der Leserschaft ausgelöst.

Foto: Fotolia
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Der Artikel hat es in der Rangliste der Internet-Seitenabrufe weit nach vorne geschafft; kein anderer berufspolitischer Beitrag wurde im September 2014 auf der Homepage des Deutschen Ärzteblattes (www.aerzteblatt.de) so oft aufgerufen, und auch bei den Leserbriefen ist er das vorherrschende Thema. Mit dem Kontra-Beitrag zum Thema „Qualitätsmanagement (QM) im Krankenhaus“ (DÄ, Heft 38) hat Autor Prof. Dr. med. Serban-Dan Costa, Direktor der Frauenklinik der Universität Magdeburg, vielen Lesern aus dem Herzen gesprochen. „Sie dürften bei vielen Kollegen offene Türen einrennen! Die bisher von allen Beteiligten unbeantwortete Kernfrage nach dem wissenschaftlichen Nachweis für die Sinnhaftigkeit des QM ist bis heute von den Protagonisten des Systems ja weder angedacht noch beantwortet“, schreibt etwa Prof. Dr. med. Thomas-Alexander Vögeli, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Würselen.

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Wie Costa kritisieren viele, dass die oft nur zu Marketing-Zwecke angestrebten Zertifikate einen großen bürokratischen und personellen Aufwand bedeuteten, ohne dass ein Nutzen für die Patienten deutlich werde. „Warum lassen wir uns so von der Zertifizierungsindustrie das Fell über die Ohren ziehen?“, fragt beispielsweise ein Leser in einem Online-Kommentar. „All das zum Schaden unserer Patienten, der immer knapperen Ressourcen und des gesunden Menschenverstandes.“

Zustimmung, aber auch Kritik

Dass es sich beim QM im ambulanten Bereich ähnlich verhält wie im Krankenhaus, betont Dr. med. Rupert Holderied aus München. Hier würden Potemkinsche Dörfer gebaut, um formale Vorgaben zu erfüllen. Es müsse auf Ersatzparameter ausgewichen werden, weil medizinische Qualität kaum messbar sei, und: „Die Zertifizierer selbst sind oft von erschütternder Ahnungslosigkeit bezüglich der Materie.“ Dass die zu Prüfenden selbst ihre zu prüfende Aktenbasis erstellten, mache das Ganze noch absurder.

Allerdings gibt es auch harsche Kritik am QM-Kontra. „Der Autor kommt kaum über rückwärtsgewandte Traditionsromantik und streckenweise auch kaum über durch Ignoranz von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Praxistatsachen gekennzeichnete Ausführungen hinaus“, schreibt der Geschäftsführer der Katholischen Hospitalvereinigung Ostwestfalen, Dr. rer. pol. Georg Rüter. Qualität entstehe nicht nur durch „hehre Werte“ wie Menschlichkeit oder Erfahrung, sondern auch durch Struktur- und Prozessqualität, „vor allem aber durch die systematische Organisation des arbeitsteiligen Krankenhauses“.

Gut, wenn richtig angewandt

Mehrere Leserbriefschreiber neigen zu einer differenzierenden Sichtweise. Ja, die Kritik an Ausprägungen des QM, etwa zum krass plakativen Werbemittel, seien berechtigt, aber „man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten“, heißt es in einem Internet-Kommentar. Der Ansatz, Standards mit regelmäßigen Kontrollen zu erfassen, sei zu begrüßen. Ein weiterer Internet-Nutzer weist darauf hin, dass Ärzte auch nur Menschen seien, die nicht allwissend seien und Fehler machten. „Natürlich ist QM nur sinnvoll, wenn es richtig und effizient angewandt wird, was aktuell meistens nicht der Fall ist.“ QM aber als völlig unnötig zu bezeichnen, dürfe man sich nicht erlauben.

Hoch angerechnet wird dem Autor des Kontra-Beitrags, dass er den Mut hat, öffentlich zu artikulieren, was viele der in den Krankenhäusern tätigen Ärzte denken. „Endlich wird dieses für alle Mitarbeiter/innen zunehmend als belastend empfundene Thema kontrovers diskutiert, statt wie bisher monoton den Forderungen nach mehr Qualitätsmanagement das Wort zu reden“, schreibt Prof. Dr. med. Florian Löhe, Chefarzt der Chirurgischen Klinik I am Klinikum Landshut. Selbstverständlich habe die Einführung von QM zu positiven Veränderungen in den Krankenhäusern geführt. Doch müsse kritisch hinterfragt werden, ab welchem Zeitpunkt der Ressourcenverbrauch in Sachen QM zulasten der Patientenversorgung gehe.

Thomas Gerst

@Das DÄ hat ein Forum eingerichtet, um die Diskussion weiterzuführen: www.aerzteblatt.de/QM-Forum

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