ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1999Gallensäuren: Von der toxischen Substanz zum effektiven Therapeutikum

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Gallensäuren: Von der toxischen Substanz zum effektiven Therapeutikum

Stiehl, Adolf

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LNSLNS Bei der Cholestase führt die verminderte biliäre Sekretion von Gallensäuren zu deren Akkumulation in der Leber und zu Leberschäden. Diese durch Gallensäuren bedingten Leberschäden können durch eine atoxische Gallensäure, die Ursodesoxycholsäure, erfolgreich behandelt werden. Ursodesoxycholsäure verdrängt toxische Gallensäuren aus der enterohepatischen Zirkulation und von Rezeptoren an Zellorganellen, wo toxische Gallensäuren eine Hepatozytenschädigung bewirken. Am besten belegt ist die Wirksamkeit der Ursodesoxycholsäure bei der primär biliären Zirrhose. Zahlreiche weitere mit Cholestase einhergehende cholestatische Lebererkrankungen scheinen von der Behandlung mit Ursodesoxycholsäure zu profitieren, wobei zuletzt zusätzlich auch eine Wirkung bei Patienten nach Lebertransplantation nachgewiesen wurde.
Schlüsselwörter: Ursodesoxycholsäure, Cholestase, Lebererkrankungen


Bile Acids: From a Toxic to a Therapeutic Compound
In cholestasis biliary secretion of bile acids is diminished and their accumulation in the liver leads to liver damage. Bile acid induced hepatocyte damage can successfully be prevented by an atoxic bile acid, ursodeoxycholic acid. Ursodeoxycholic acid displaces toxic bile acids from the enterohepatic circulation and competes with them for receptors of cell organelles where they can induce hepatocyte damage. The efficacy of ursodeoxycholic acid has best been documented in the treatment of primary biliary cirrhosis. Many further cholestatic diseases seem to benefit from a treatment with ursodeoxycholic acid. Recently, an effect in patients after liver transplantation has also been observed.
Key words: Ursodeoxycholic acid, cholestasis, liver disease

Toxische Gallensäuren sind für die Leberschädigung bei der Cholestase hauptverantwortlich. Ursodesoxycholsäure, eine atoxische Gallensäure, vermag die schädigende Wirkung toxischer Gallensäuren zu vermindern oder aufzuheben. Dieser Wirkung ist es zu verdanken, daß Ursodesoxycholsäure bei einer ganzen Reihe von cholestatischen Lebererkrankungen therapeutisch eingesetzt werden kann.
Cholestase: Symptome, Ursachen
Die Cholestase ist charakterisiert durch eine verminderte biliäre Sekretion gallenpflichtiger Stoffe (Bilirubin, Gallensäuren, Phospholipide, Cholesterin). Hierdurch kommt es zu einem Anstieg des Serumbilirubins und der Serumgallensäuren im Blut. Bei schwerer Cholestase steigen auch die Serumphospholipide und das Serumcholesterin an. Klinische Symptome sind Ikterus und Juckreiz und bei schwerer Cholestase Xanthelasmen oder Xanthome.
Die Leberzelle besitzt in ihrer kanalikulären Membran Exportpumpen, die die gallenpflichtigen Stoffe gegen einen Konzentrationsgradienten in die Galle sezernieren. Bei einer Schädigung der Leberzelle kann diese nicht ausreichend Energie in Form von ATP für die Exportpumpen bereitstellen, und die biliäre Sekretion wird gestört. Deshalb kann jede Lebererkrankung letztendlich mit Cholestase einhergehen. Neben einer Schädigung der Leberzelle kann auch die Destruktion oder Obstruktion der kleinen, mittleren und größeren Gallengänge eine Cholestase verursachen. Kongenital kann eine Cholestase ausgelöst werden durch hepatozelluläre Enzymdefekte sowie den Mangel an kanalikulären Exportpumpen.
Leberschädigung und Leberschutz durch Gallensäuren
Gallensäuren sind Detergenzien, die bei Überschreiten einer kritischen Konzentration Hepatozyten schädigen können. Bei cholestatischen Erkrankungen ist die biliäre Sekretion oder der biliäre Abtransport der Gallensäuren gestört, und ihre Konzentration im Lebergewebe steigt an. Klassische durch Gallensäuren bedingte Schäden sind die von dem Pathologen Hans Popper erstmals beschriebene "Feathery Degeneration" (federige Degeneration im Leberläppchen) und die sogenannte "cholate stasis" (hydropische Schwellung periportaler Hepatozyten). Diese Schäden sind durch Zytolyse bedingt und werden vorzugsweise bei hohen Gallensäurenkonzentrationen wie bei extrahepatischer Cholestase beobachtet. Neuerdings wurde erkannt, daß Gallensäuren nicht nur durch Zytolyse die Hepatozyten schädigen können, sondern auch durch Apoptose, also durch programmierten Zelltod, der durch ein Schrumpfen der Zelle und Kernkondensation gekennzeichnet ist. Da die Zellschädigung durch Apoptose bereits bei gering erhöhten Gallensäurenkonzentrationen nachweisbar ist, kann angenommen werden, daß bei den meisten Patienten mit mäßig ausgeprägter Cholestase die Hepatozytenschädigung durch Apoptose die größere Rolle spielt.
Ursodesoxycholsäure (UDCA) ist eine atoxische Gallensäure, die die durch toxische Gallensäuren bedingte Zytolyse und Apoptose vermindert oder verhindert. UDCA verdrängt toxische Gallensäuren aus der enterohepatischen Zirkulation und verändert somit das Gleichgewicht zwischen toxischen und atoxischen Gallensäuren zugunsten der atoxischen Gallensäuren. Weiter verdrängt UDCA sehr wahrscheinlich toxische Gallensäuren von Rezeptoren, wo diese Zellschäden induzieren. Zahlreiche experimentelle Untersuchungen legen den Schluß nahe, daß UDCA bei allen jenen Lebererkrankungen wirksam ist, bei denen Gallensäuren ursächlich eine Rolle spielen. Dies sind vor allem die Erkankungen, bei denen die Cholestase im Vordergrund steht.
Primär biliäre Zirrhose
Die Wirksamkeit einer Behandlung mit UDCA ist am besten belegt bei der primär biliären Zirrhose (PBC) (Tabelle 1). Die PBC ist charakterisiert durch eine progressive Destruktion der kleinen Gallengänge. Somit gehört die PBC zu den Erkrankungen, die durch frühes Auftreten einer Cholestase charakterisiert sind. Im Frühstadium sind oft nur die alkalische Phosphatase (AP) und Gamma-Glutamyltranspeptidase (GGT) erhöht, das Serumbilirubin steigt erst in fortgeschrittenen Stadien an. Die Diagnose wird durch den Nachweis antimitochondrialer Antikörper (AMA) gesichert, die in 95 Prozent positiv sind. Typisch ist weiter die Erhöhung des IgM. Betroffen sind vorzugsweise Frauen mittleren Alters. Die PBC wird zu den Autoimmunerkrankungen gerechnet, die genaue Ursache ist jedoch letztlich nicht geklärt. Die Erkrankung ist häufig mit anderen Immunerkrankungen wie Thyreoiditis, Sicca-Syndrom, Arthritis assoziiert. Die immunsuppressive Behandlung ist nicht erfolgreich. In allen kontrollierten Studien führte UDCA zu einer schnellen Besserung der Leberwerte. In der Mehrzahl der Studien besserte sich auch die Leberhistologie. Auch die Metaanalyse der bisher publizierten Studien zeigt eine signifikante Besserung der Leberhistologie nach Behandlung mit UDCA.
In der franko-kanadischen Studie von Poupon führte UDCA zu einem signifikant verbesserten Überleben ohne Transplantation. Die kanadische Studie (Heathcote) und die US-Studie (Lindor) ergaben primär kein signifikant verbessertes Überleben im Vergleich zu Plazebo. Die gemeinsame Auswertung der genannten drei Studien mit mehr als 549 Patienten führte jetzt zu dem Ergebnis, daß UDCA das Überleben signifikant verbessert.
Von besonderer Wichtigkeit erscheint die Beobachtung, daß eine zweijährige Behandlung mit Plazebo noch in der Folgezeit zu einer signifikant höheren Transplantationsrate führte, obwohl danach alle Patienten UDCA erhielten. Dies bedeutet, daß eine zu späte Diagnosestellung und verspätete Behandlung dazu führen, daß das Überleben ohne Transplantation signifikant vermindert ist. Dies zeigt die Notwendigkeit, die Diagnose früh zu stellen, und dies gelingt nur, wenn bei allen unklaren Fällen von erhöhter AP und GGT das Serum auf AMA untersucht wird. Im Endstadium der PBC bleibt als einzig wirksame Behandlung die Lebertransplantation, wobei nach der europäischen Statistik von 1996 nach fünf Jahren 76 Prozent der Transplantierten überlebten. Auch wenn diese Zahlen weiter verbessert werden, so ist es doch evident, daß eine effektive medizinische Behandlung für diese Erkrankung notwendig ist.
Die UDCA-Behandlung muß dauerhaft durchgeführt werden, wobei 15 mg/kg täglich verabreicht werden sollten. Bei starkem Juckreiz kann Cholestyramin gegeben werden, wobei unbedingt darauf geachtet werden sollte, daß es zeitlich zwei bis drei Stunden versetzt zur UDCA gegeben wird, da UDCA durch den AnionenAustauscher gebunden und damit unwirksam wird. Wir bevorzugen es, wenn es irgend möglich ist, auf Cholestyramin zu verzichten. Wegen der bei PBC deutlich erhöhten Gefahr der Osteoporose sollten Patienten zusätzlich mit Ca2+, Vitamin D und Biphosphonaten und postmenopausal mit Hormonpräparaten behandelt werden.
Durch die Behandlung mit Prednison oder Azathioprin zusätzlich zur UDCA sollen die Behandlungsergebnisse noch verbessert werden können. Die Fallzahlen sind bislang gering, und der endgültige Stellenwert der zusätzlichen Behandlung mit immunsuppressiven Substanzen ist nicht definitiv gesichert. Eine Ausnahme bilden Patienten mit einem sogenannten Überlappungssyndrom von PBC mit der Autoimmunhepatitis. Hierbei handelt es sich um Patienten mit dem histologischen Bild der PBC, eventuell mit Übergang zur Autoimmunhepatitis, positiven oder eventuell negativen AMA und positiven ANA (antinukleären Antikörper). Bei diesen Patienten sollte kombiniert mit UDCA und Prednison (10 mg/d) und/oder Azathioprin (50 bis 100 mg/d) behandelt werden.
Primär sklerosierende Cholangitis Die primär sklerosierende Cholangitis (PSC) gehört zu den klassischen cholestatischen Erkrankungen. Wie die PBC ist auch die PSC durch eine fortschreitende Destruktion und Obliteration der kleinen Gallengänge charakterisiert, wobei zusätzlich ein Verschluß der großen Gallengänge entstehen kann. Im Frühstadium sind oft nur die AP und GGT erhöht, und das Serumbilirubin steigt erst in fortgeschrittenen Stadien an. Die Diagnose wird durch die ERCP (endoskopisch retrograde Cholangio-Pankreatikographie) gesichert, die ein perlschnurartiges Aussehen der intra- und/oder extrahepatischen Gallengänge zeigt. Bevorzugt betroffen sind junge Männer mit entzündlichen Darm­er­krank­ungen. Etwa 5 bis 10 Prozent der Patienten mit Colitis haben eine PSC, und 90 Prozent der Patienten mit PSC haben eine Colitis ulcerosa. Es wird eine autoimmune Genese diskutiert, die Ursache der Erkrankung ist aber letztlich unklar. Die immunsuppressive Behandlung ist nicht erfolgreich. In allen kontrollierten Studien (Tabelle 2) führte UDCA zu einer schnellen Besserung der Leberwerte. In drei von vier Studien besserte sich nach UDCA auch die Leberhistologie. Durch UDCA kann die Entwicklung dominanter Stenosen großer Gallengänge nicht verhindert werden. Diese erfordern die endoskopische Behandlung durch Aufdehnung und eventuell kurzfristig auch den Einsatz von Plastikstents.
UDCA sollte in einer Dosis von 15 mg/kg verabreicht werden. Geringere Dosen waren weniger wirksam. Das Überleben ohne Transplantation war in einer Studie, in der die endoskopische Aufdehnung großer Gallengänge keine Rolle spielte, nicht verbessert. Im Gegensatz hierzu konnte in einer weiteren Studie, in der Stenosen großer Gallengänge prinzipiell endoskopisch behandelt wurden, eine signifikante Verbesserung des Überlebens ohne Transplantation gesichert werden. Im Endstadium bleibt nur die Transplantation, wobei nach der europäischen Statistik von 1996 nach fünf Jahren 72 Prozent der Transplantierten überlebten. Es ist zu erwarten, daß diese Zahlen weiter verbessert werden. Trotzdem erscheint eine effektive medizinische Behandlung sinnvoll und notwendig.
Ein großes Problem besteht in der Entwicklung von Gallengangskarzinomen. Die Zahlenangaben über deren Häufigkeit sind sehr unterschiedlich. In einer großen skandinavischen Studie konnte zuletzt gezeigt werden, daß insgesamt acht Prozent der Patienten mit einem Gallengangskarzinom rechnen müssen, wobei bei den Patienten, die versterben oder zur Transplantation kommen, in 30 Prozent ein Gallengangskarzinom vorliegt. Wichtig ist weiterhin, daß die Patienten mit Colitis ulcerosa ein dreifach höheres Risiko haben, ein Dickdarmkarzinom zu entwickeln, als Patienten mit Colitis ohne PSC. Deshalb ist bei diesen Patienten eine regelmäßige Untersuchung des Dickdarms erforderlich, und die Indikation zur Kolektomie sollte rechtzeitig gestellt werden.
Schwangeren-Cholestase
Die Schwangeren-Cholestase tritt im letzten Trimester der Schwangerschaft auf und wird vor allem in Skandinavien und in Chile beobachtet. Typisch sind Juckreiz und Ikterus mit erhöhter AP und GGT. Die Ursache ist letztlich unklar, wobei Störungen im Progesteronmetabolismus nachgewiesen wurden. In einer plazebokontrollierten Studie führte die Behandlung mit UDCA zu einer schnellen Besserung von Juckreiz und Ikterus und einer Verminderung der Frühgeburten. Zusätzlich besserten sich unter UDCA die Leberwerte. Ein Absetzen der UDCA führt zum Rückfall, weshalb die Behandlung bis zur Entbindung empfohlen wird.
Hepatitis
Bei Patienten mit chronischer Hepatitis B oder C konnte durch UDCA eine Besserung der Leberwerte, nicht aber der Histologie erreicht werden. Derzeit konzentriert sich das Interesse darauf, durch Kombinationsbehandlung mit UDCA und Interferon alpha eine bessere Ansprechrate oder verlängerte rückfallfreie Zeit zu erreichen. Mehrere Studien sprechen für einen solchen Einfluß der UDCA, andere sehen aber keine gesicherte Wirkung. Deshalb sollte UDCA bei dieser Indikation nur in klinischen Studien eingesetzt werden. Auch bei der Alkoholhepatitis und der Fettleber wurden günstige Effekte der UDCA beschrieben, wobei auch hier eine Bestätigung noch aussteht.
UDCA bei Kindern mit Cholestase
Bei Kindern mit biliärer Atresie und Kasai-Operation bewirkt UDCA eine Besserung von Juckreiz und Leberwerten. Ähnliche Ergebnisse wurden auch beim Alagille-Syndrom (Verminderung der Gallengänge in Portalfeldern und multiple kongenitale Anomalien) und Bylers-Syndrom (progressive familiäre Cholestase mit Verminderung der Gallengänge in den Portalfeldern) berichtet, wobei in 80 Prozent eine Besserung des Juckreizes eintrat.
Von besonderem Interesse sind neue Untersuchungen bei Kindern mit Bylers-Syndrom, bei denen Störungen in kanalikulären Exportpumpen nachgewiesen werden konnten. Es gibt drei verschiedene Transporterdefekte (PFIC-1, -2, -3), wobei die Exkretionsstörung bei PFIC-2 und PFIC-3 genauer geklärt werden konnte. Bei den Kindern mit hoher GGT (PFIC-3) fehlt der Phospholipid-Transporter (MDR 3) in der kanalikulären Membran des Hepatozyten. Für biliär ausgeschiedene Gallensäuren besteht deshalb ein Mangel an Phospholipiden zur Bildung gemischter Micellen, und folglich schädigen die Gallensäuren die Hepatozyten. Es handelt sich um eine gallensäureninduzierte Leberschädigung, die durch UDCA gut behandelt werden kann. Beim Bylers-Syndrom mit normaler GGT (PFIC-2) besteht ein Defekt des SPGP (Exportpumpe für Gallensäuren). Diese Erkrankung kann ebenfalls mit UDCA behandelt werden, wobei die Erfolge scheinbar nicht ganz so gut sind wie beim Bylers-Syndrom mit hoher GGT.
Bei Kindern mit zystischer Fibrose besteht eine Störung des CFTR (cystic fibrosis transmembrane regulator), der für die biliäre Sekretion von C1- erforderlich ist. Die Folge ist eine Eindickung der Galle mit Obstruktion durch Gallethromben und nachfolgender Leberschädigung. Bei Kindern mit zystischer Fibrose und cholestatischer Lebererkrankung führt UDCA zu einer verbesserten biliären Sekretion gallenpflichtiger Moleküle und einer Verbesserung der Leberwerte. Außerdem nahm das Körpergewicht der Kinder zu. Die erforderliche Dosierung der UDCA bei diesen Kindern ist mit 15 bis 20 mg/kg höher als bei Erwachsenen. Ob das Überleben dieser Kinder verlängert werden kann, ist unklar, da länger dauernde kontrollierte Studien nicht vorliegen und nach dem derzeitigen Stand kaum vertretbar sind.
Nach länger dauernder total parenteraler Ernährung von Kindern wird häufig eine Cholestase beobachtet, die durch UDCA verhindert werden kann. Das Absetzen der UDCA führte zur erneuten Cholestase. Gleiche Ergebnise wurden in tierexperiementellen Studien erzielt.
Bei Neugeborenen werden neuerdings konatale Formen der Cholestase erkannt, die durch ein Fehlen von Enzymen der Gallensäuren-Synthese bedingt sind. Die Anhäufung von Vorstufen der Gallensäuren führt zu vielfältigen systemischen Schäden und der Mangel an Gallensäuren zur Cholestase. Bei diesen Kindern fehlen in der Galle die Gallensäuren, und die Behandlung erfolgt mit primären Gallensäuren wie beispielsweise Cholsäure (Tabelle 3). Hierdurch wird erreicht, daß die Bildung von teilweise toxischen Intermediärprodukten der Gallensäurensynthese abnimmt und gleichzeitig die biliäre Sekretion verbessert wird.
Organtransplantation
Nach Lebertransplantation wird unter UDCA eine Besserung der Leberwerte beobachtet. Die primäre Abstoßungsrate wurde mit UDCA (600 mg/d) in den ersten zwei Monaten nach Transplantation nicht beeinflußt. In einer neueren plazebokontrollierten Studie verminderte UDCA in einer Dosis von 1 000 mg/d jedoch die Zahl der Abstoßungsrezidive in den ersten zwei Jahren nach Transplantation signifikant und verbesserte auch die Überlebensrate der Patienten. Insofern ist nach heutigem Kenntnisstand eine UDCA-Behandlung von Patienten nach Lebertransplantation sinnvoll, wobei eine ausreichende Dosis notwendig ist.
Fazit
UDCA ist wahrscheinlich prinzipiell bei durch Gallensäuren induzierten hepatozellulären Schäden wirksam. Dies bedeutet, daß UDCA vor allem bei cholestatischen Erkrankungen wirksam ist (Tabelle 3). Da es sich um eine symptomatische Behandlung handelt, ist eine Dauerbehandlung erforderlich. Die erforderliche Dosis wurde in den letzten Jahren leicht nach oben korrigiert (15 mg/kg/d), wobei bei Kindern mit zystischer Fibrose die erforderliche Dosis noch höher liegt (15 bis 20 mg/kg/d). Geringere Dosen waren in mehreren Studien weniger wirksam. Grund hierfür ist die Tatsache, daß bei der Cholestase die UDCA vermindert absorbiert wird. Nebenwirkungen sind nicht bekannt, so daß eine frühzeitige und dauerhafte Behandlung empfohlen werden kann.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-764-770
[Heft 12]
Literatur
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Anschrift des Verfassers Prof. Dr. med. Adolf Stiehl
Medizinische Universitätsklinik Heidelberg
Bergheimer Straße 58
69115 Heidelberg


ATP-abhängige Exportpumpen in der kanalikulären Membran von Hepatozyten. Alle Erkrankungen, die mit einer gestörten Funktion oder einem Fehlen dieser Exportpumpen einhergehen, führen zur Cholestase. Konatale Defekte von kanalikulären Exportpumpen bestehen beim Dubin-Johnson-Syndrom (MRP), Bylers-Syndrom mit normaler Gamma-Glutamyltranspeptidase (GGT), (SPGP) und Bylers-Syndrom mit hoher GGT (MDR 3). Weitere mögliche Ursachen der Cholestase, die aber seltener eine Rolle spielen oder weniger bedeutend sind, sind Enzymdefekte der Leberzelle, eine gestörte Aufnahme in oder ein gestörter Transport durch die Hepatozyten.

Tabelle 1
Ursodesoxycholsäure bei primär biliärer Zirrhose: kontrollierte Studien
Autor N AP, GGT, Bilirubin Histologie
Jahr SGPT, SGOT
Leuschner 20 gebessert ? n.s.1
1989 (4)
Oka 55 gebessert unverändert ?
1990 (9)
Poupon 146 gebessert gebessert gebessert
1991, 1994 (10, 11)
Lindor 178 gebessert gebessert unverändert2
1994, 1996 (5, 6)
Heathcote 222 gebessert gebessert gebessert
1994 (3)
Turner 46 gebessert gebessert n.s.
1994 (14)
Combes 149 gebessert gebessert3 gebessert3
1995 (2)
1 günstiger Effekt, nicht signifikant
2 Studie wurde aus ethischen Gründen vorzeitig beendet
3 nur bei Patienten mit Serumbilirubin unter 2 mg/dl
AP: alkalische Phosphatase; GGT: Gamma-Glutamyltranspeptidase;
SGPT: Serumglutamatpyruvat-Transaminase; SGOT: Serumglutamatoxalazetat-Transaminase


Tabelle 2
Ursodesoxycholsäure bei primär sklerosierender Cholangitis: Kontrollierte Studien
Autor N AP, GGT, Bilirubin Histologie
Jahr ALT, AST
Stiehl 20 gebessert n.s. gebessert1
1989, 1994 (12, 13)
Beuers 14 gebessert gebessert gebessert
1992 (1)
Lindor 105 gebessert gebessert 1997 (7)
Mitchell 24 gebessert gebessert gebessert
1997 (8)
1 günstiger Effekt im Vergleich zur Histologie vor Behandlung
AP: alkalische Phosphatase; GGT: Gamma-Glutamyltranspeptidase;
ALT: Alaninaminotransferase; AST: Aspantataminotransferase

Tabelle 3
Intrahepatische Cholestase
Ursache Behandlung
mit Gallensäuren
Hepatitis, Zirrhose
Viren, UDCA?
Leptospiren, Bakterien (Cholangio-Hepatitis), Autoimmun, Zustand nach Lebertransplantation, UDCA
Toxisch-allergisch (Alkohol, Medikamente, usw.), Metabolisch (Fe++, Cu++, Sexualhormone, usw.), Total parenterale Ernährung UDCA
Progressive Destruktion oder Hypoplasie der Gallengänge
Primär biliäre Zirrhose (PBC), UDCA
Primär sklerosierende Cholangitis (PSC), UDCA
"Vanishing Bile Duct"-Syndrom, UDCA?
Idiopathische Duktopenie des Erwachsenen, UDCA?
Biliäre Atresie, UDCA
Bylers Disease (familiäre progressive Cholestase, PFIC-1-3), UDCA
Alagille-Syndrom UDCA
Vaskulär
Ischämie, Budd-Chiari-Syndrom Funktionelle (idiopathische) Cholestase
Schwangeren-Cholestase, UDCA
Intermittierende Cholestase (Summerskill-Tygstrup) UDCA?
Sekretionsstörung durch Mangel an Exportpumpen
CFTR: Cholestase bei zystischer Fribrose, UDCA
MRP (MOAT): Dubin-Johnson-Syndrom, MDR 3: "Bylers-Syndrom" mit hoher GGT (PFIC-3), UDCA
SPGP: "Bylers-Syndrom" mit normaler GGT (PFIC-2), UDCA?
P-Typ AT Pase: "Bylers-Syndrom" mit normaler GGT (PFIC-1) UDCA?
Gallensäuren-Synthesestörung durch Enzymdefekte
Zellweger-Syndrom, Cerebrotendinöse Xanthomatose (CTX), CDCA
Mangel an Enzymen der Gallensäurensynthese, CA, CDCA
(3b Hydroxysteroid-Dehydrogenase/Isomerase,
D 4-3 Oxosteroid 5b-Reduktase, Oxysterol-7a Hydroxylase, Trihydroxycholestansäure-CoA-Oxidase,
Gallensäuren-CoA-Ligase)
UDCA: Ursodesoxycholsäure; CDCA: Chenodesoxycholsäure; CA: Cholsäure;
CFTR: Cystic fibrosis transmembrane regulator; MRP: Multi-drug-resistance-associated-protein; GGT: GammaGlutamyltranspeptidase; MOAT: Multi-organic-anion-transporter; MDR: Multi-drug-resistance-protein ; SPGP: Sister P-glycoprotein; PFIC: progressive familiäre intrahepatische Cholestase


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