ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2014Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin: Präsenter auf dem Campus

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Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin: Präsenter auf dem Campus

Dtsch Arztebl 2014; 111(41): A-1726 / B-1486 / C-1418

Rieser, Sabine

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„Spezialist für den ganzen Menschen“ – unter diesem Motto stand der diesjährige DEGAM- Kongress. Auf dem Programm: eine Vielzahl von Themen, von Polypharmazie über Nachwuchs rekrutierung bis zu Gewalterfahrungen von Hausärzten.

Das Gelände des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ist so weiträumig, dass man sich leicht verlaufen kann. Das soll denen, die dort zum 48. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) wollen, nicht passieren. Deshalb ist der Weg zu den Veranstaltungen im Gebäude Nord 55 gut beschildert. Davor sind Stehtische und ein Catering-Pavillon aufgebaut, damit ein Teil der mehr als 700 angemeldeten Besucher zwischendurch in der Sonne Pause machen kann.

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Die Allgemeinmedizin ist sichtbar auf dem Campus in Hamburg – nicht nur an diesem Wochenende vom 18. bis 20. September. „Wir sind als Fach klinisch präsent, und das ist für die Studierenden ganz wichtig“, betonte Kongresspräsident Prof. Dr. med. Martin Scherer. „Wir sind mittlerweile in der studentischen Ausbildung breit verankert und unterrichten neben Allgemeinmedizin die Fächer Berufsfelderkundung, Einführung in die klinische Medizin und Sozialmedizin.“ Seit Juli arbeiten fünf Fachärzte für Allgemeinmedizin in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums mit. Außerdem versorgen Allgemeinmediziner Patienten in einem eigenen Ambulanzzentrum, vor allem Studierende und Mitarbeiter des UKE.

Aufwind für die Zehnkämpfer

Auch bundesweit ist die Allgemeinmedizin an den Hochschulen mittlerweile sichtbarer: DEGAM-Präsident Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach wies darauf hin, dass mittlerweile 25 von 36 medizinischen Fakultäten über Lehrstühle für Allgemeinmedizin verfügen. In mehreren Städten laufen Besetzungsverfahren. Das Interesse des Nachwuchses am Fach entwickle sich positiv, befand Gerlach: „Die Wertschätzung von Generalisten, den Zehnkämpfern in der Medizin, steigt.“

Gerlach und Scherer machten deutlich, warum sie diese Entwicklung für zwingend notwendig halten: Nur wenn genügend junge Ärztinnen und Ärzte motiviert würden, die hausärztliche Versorgung der Bevölkerung zu übernehmen, könnten die Herausforderungen des demografischen Wandels gemeistert werden. Deshalb bemüht sich die Fachgesellschaft darum, Veränderungen in der Aus- und Weiterbildung anzustoßen. So forderte Gerlach erneut, ein Pflichtquartal für Medizinstudierende im praktischen Jahr einzuführen, auch wenn dies beim Nachwuchs umstritten ist.

Die DEGAM weiß jedoch, dass nicht nur Vorgaben, sondern auch ein gutes Image für ein Fach wichtig sind. Beim Kongress ging es deshalb nicht nur um Medizin und Versorgung im engeren Sinn; also um Polypharmazie als Problem in Hausarztpraxen oder um die Erfolge der Hausarztverträge in Baden-Württemberg. Die DEGAM wollte auch vermitteln, was ihr Fach zu einem „coolen“ macht und welche Attraktivität vom Berufsbild „Spezialist für den ganzen Menschen“ ausgehen kann.

Für ein Statement hierzu kam Rebekka Deißer mit zur Pressekonferenz. Sie beginnt demnächst mit der Weiterbildung in Allgemeinmedizin. Dass das Fach komplexes Wissen voraussetze und man Kontakt zu allen Fachrichtungen haben könne, „macht es für mich sehr anspruchsvoll“, sagte Deißer. Ihr gefällt die Aussicht, später die unterschiedlichsten Patienten zu behandeln, aber auch, Schwerpunkte setzen zu können. Und dass der Nachwuchsmangel einem viel Spielraum bei der Form der Berufsausübung lassen wird, hält sie ebenfalls für ein Plus – so wie „die gute Vergütung“.

Kooperation aus Überzeugung

Über den Nachwuchs diskutierten auch Teilnehmer im Workshop „Landarzt dringend gesucht – Wer übernimmt meine Landarztpraxis?“ Immerhin gibt es schon die unterschiedlichsten Beispiele, wie es weitergehen kann: vom großen Arzt- und Apothekenzentrum in einem ehemaligen Supermarkt über von der Kassenärztlichen Vereinigung getragene Filialpraxen bis hin zu einem Miniangebot mit Gemeindeschwester und Medizinischer Fachangestellter dort, wo kein Hausarzt mehr praktiziert. Zusammen getragen hat diese und andere Modelle ein Team um Dr. med. Antje Erler vom Institut für Allgemeinmedizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main (Beispiele: www.innovative-gesundheitsmodelle.de). Mittlerweile gibt es auch ein Beratungsangebot am Institut.

Modelle, gut und schön – aber die regionale Vernetzung müsse immer vor Ort entstehen, gibt ein Teilnehmer des Workshops zu bedenken. Externe Berater könnten oft nicht gut genug einschätzen, wer dafür wichtig sei. Ein anderer Arzt wendet ein, für manche Kollegen nutzten die schönsten Modelle und Beratungsangebote nichts. Für sie komme eine größere Kooperation einfach nicht infrage. „Aber deren Souterrainpraxis mit 600 Scheinen im Quartal möchte auch kein junger Arzt übernehmen“, gibt eine Hausärztin zu bedenken. Ein Kollege warnt davor, ohne echte Überzeugung zu kooperieren: „Man braucht ein gutes Versorgungskonzept, dann steigt auch der Nachwuchs ein. Aber ein Gesundheitszentrum sollte man nur gründen, wenn man es selbst möchte, und nicht, um später den eigenen Praxissitz noch verkauft zu bekommen.“

Muss das sein? Diese Frage stellten, wenn auch in anderem Zusammenhang, etliche Hausärzte aus rund 150 Lehrpraxen, die der Lehrbereich Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Freiburg zur Re-Akkreditierung bat. Seit mehr als zehn Jahren existiert in Baden-Württemberg ein Kriterienkatalog der Lan­des­ärz­te­kam­mer für akademische Lehrpraxen, und ein Positionspapier der DEGAM empfiehlt eine Re-Akkreditierung. Zehnmal wurde der fünfstündige Workshop bislang angeboten, berichtete Dr. med. Klaus Böhme.

Warum die Schulung? Viele Medizinstudierende stellen hohe Ansprüche an ihre Betreuer in den Praxen und fordern beispielsweise ein ausführliches Feedback. Die Mitarbeiter des Lehrbereichs müssen diese Anforderungen mit ihren eigenen Ansprüchen an die Lehre in den Praxen und den Möglichkeiten gut ausgelasteter Hausärzte abgleichen. Man zahle den Kollegen 25 Euro pro Praxistag im Blockpraktikum, erläuterte Böhme: „Das ist keine Grundlage, um besonders viel von ihnen verlangen zu können.“ Dennoch ging die Re-Akkreditierung insgesamt nicht schief: „Trotz anfänglich großer Widerstände gegen eine verpflichtende Re-Akkreditierung war die Resonanz erfreulich hoch, die Rückmeldungen erstaunlich gut“, so die Zusammenfassung.

Gewalt ist nicht so selten

Auf die düsteren Seiten des Berufs ging Dr. med. Florian Vorderwülbecke ein, Hausarzt und Lehrbeauftragter Allgemeinmedizin an der Technischen Universität München. Er stellte die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung zum Thema „Aggression und Gewalt gegen Hausärzte“ vor: „Wir wollten wissen: Wie sicher fühlen sich die Kolleginnen und Kollegen eigentlich?“ 1 500 Hausärzte wurden angeschrieben, mehr als 800 antworteten. Fast alle fühlen sich in der eigenen Praxis sicher (99 Prozent). Doch bei Hausbesuchen lässt dieses Gefühl nach (sehr sicher/relativ sicher: Ärzte 90 Prozent, Ärztinnen 83 Prozent). Im Bereitschaftsdienst wird es noch schwächer (sehr sicher/ relativ sicher: Ärzte 67 Prozent, Ärztinnen 34 Prozent).

Wenn etwas passiert, dann aber meist da, wo die Hausärzte sich am sichersten fühlen: in der Praxis. Dort arbeiteten sie aber auch die meiste Zeit, schränkte Vorderwülbecke ein. Leichte Gewalt (Beleidigung, Beschimpfung) haben grundsätzlich 77 Prozent der Ärzte und 83 Prozent der Ärztinnen schon einmal erlebt. Mittelschwere Gewalt (unter anderem Bedrohung, leichte körperliche Gewalt wie Festhalten, Bedrängen, Verleumdung auf Internetplattformen) kennen 79 Prozent der Ärzte und 83 Prozent der Ärztinnen. Erfahrungen mit schwerer Gewalt (unter anderem Tritte und Schläge, Angriffe mit Gegenständen oder Waffen, Stalking) bejahten noch 23 Prozent.

Aus den Antworten geht auch hervor, dass viele der Hausärzte in den letzten zwölf Monaten Gewalterfahrungen im Beruf gemacht haben. Vorderwülbecke wertet die Daten derzeit noch genauer aus.

Sabine Rieser

@5 Fragen an . . . Prof. Scherer
www.aerzteblatt.de/60222 oder
per QR-Code, Abstracts der Vorträge:
www.degam2014.de

3 Fragen an . . .

Dr. med. Stefan Sachtleben, Allgemeinarzt

Herr Dr. Sachtleben, was hat einen niedergelassenen Hausarzt wie Sie an den Kongressthemen gereizt?

Dr. med. Stefan Sachtleben, Allgemeinarzt
Dr. med. Stefan Sachtleben, Allgemeinarzt

Stefan Sachtleben: Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie hausärztliche Medizin in den Praxen wirklich funktioniert und funktionieren sollte. Jede Hausarztpraxis, auch meine, hat ja ihren individuellen Lösungskosmos für den Umgang mit Patientenproblemen. Aber dieser Kosmos ist natürlich fehlerbehaftet. Im Rahmen der wissenschaftlichen Betrachtungen während des Kongresses steht vieles auf dem Prüfstand. Manchmal muss man schlucken, wenn das, was man in seiner Routine so macht und was man für gut gelöst hielt, nicht mehr richtig sein soll. Die Diskussionen beim Degam-Kongress sind immer freundlich im Stil, aber fachlich hart.

Was war besonders beeindruckend?

Sachtleben: Die beiden Keynote-Lectures an den Vormittagen. Iona Heath hat sich mit der Kunst auseinandergesetzt, als Hausarzt nichts zu unternehmen, und Arno Hoes mit der Frage, wie wichtig die Allgemeinmedizin als klinische Disziplin ist. Die Aspekte, die Hoes angesprochen hat, sollten wir vertiefen: In welcher Weise arbeiten Hausärzte eigentlich prognostisch? Welche Kriterien verwenden wir, um sicher zu sein, dass diese oder jene Beschwerde keine größeren Konsequenzen für den Patienten haben wird? Wie kann man als Hausarzt seine Therapieentscheidungen noch stärker versachlichen? Da ist noch viel Raum für Forschung.

Viele Kongressbesucher arbeiten an allgemeinmedizinischen Instituten und nicht in der Niederlassung. Ist die Praxis zu wenig im Fokus?

Sachtleben: Ich finde nicht. Oft werden Studien im Frühstadium vorgestellt, und die Wissenschaftler wollen von den Praktikern wissen: Ist unser Konzept stimmig? Können wir es so umsetzen? Man kann als niedergelassener Hausarzt immer mitdiskutieren, und es gibt keine dummen Kommentare. Wir machen schließlich die Arbeit, die beforscht wird.

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