ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2014Kommunen und Versorgung: Spinnen gesucht

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Kommunen und Versorgung: Spinnen gesucht

Dtsch Arztebl 2014; 111(41): A-1719 / B-1479 / C-1411

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser Leiterin der Berliner Redaktion
Sabine Rieser Leiterin der Berliner Redaktion

Eine Jahrhundertreform? Davon hat man lange nichts mehr gehört. Stattdessen hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) gerade klargemacht, dass das Gesundheitswesen eine Reformbaustelle bleiben wird. Beim Symposium anlässlich des jüngsten Gutachtens (DÄ, Heft 27–28) des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) lobte Gröhe zwar die Anstrengungen in der letzten Legislaturperiode für eine weiterhin gute Gesundheitsversorgung im ganzen Land, aber: „Es gibt keinen Anlass, sich darauf auszuruhen“, stellte er klar. „Wir setzen da bewusst nach.“

Wer jedoch gehofft hatte, der Minister würde Details aus dem in Arbeit befindlichen Versorgungsstrukturgesetz II ausplaudern, wurde enttäuscht: Mehr als das, was im Koalitionsvertrag steht, zählte Gröhe nicht auf. Doch darin, wie im Gutachten, taucht ein Akteur auf, von dem nun häufiger die Rede ist: die Kommunen.

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Sie erscheinen manchen Experten offenbar als Hoffnungsträger fürs Gesundheitswesen. Staatsrechtler Prof. Dr. jur. Martin Burgi, den der Sachverständigenrat zitiert, hat die Idee von Kommunen als „Spinnen innerhalb des Netzes der Gesundheitsversorgung“ entwickelt. Sie könnten Informationen sammeln und zwischen den Akteuren des Gesundheitssystems austauschen: „Inhaltlich geht es dabei um Aufgaben der Bedarfsbestimmung, Koordinierung von Angebots- und Nachfragestrukturen, Qualitätssicherung sowie Bestimmung von Förderungs- und Finanzierungsnotwendigkeiten.“

Sie könnten. Aber wer sich entsinnt, wie häufig Stadtbibliotheken schließen, Jugendämter überlastet sind und Grünanlagen vergammeln, wird nicht von blühenden kommunalen Gesundheitslandschaften träumen. Sicher, Städte und Gemeinden sind nah dran am Bürger, näher als Landesministerien und Kassenärztliche Vereinigungen (KVen). Doch das nutzt ihnen häufig nichts. Dort, wo Ärzte und ein Supermarkt fehlen, sind meist auch die Gemeindefinanzen überschaubar und die, die sich mit neuen Ideen engagieren könnten, weggezogen. Zu glauben, dass Kommunen alles besser machen könnten, was einem an Planung und Umsetzung von Landesministerien und KVen nicht gefällt, ist illusorisch.

Sicher, der Sachverständigenrat hat etliche Positivbeispiele aufgeführt. Die Stadt Arnsberg zum Beispiel bemüht sich seit längerem um die gute Integration Demenzkranker und um Entlastungsstrukuren für deren Angehörige. Der Ortsvorsteher der Gemeinde Muschenheim, ein Klinikarzt, hat dafür gesorgt, dass zwei Gemeindeschwestern Sprechstunden im Ort organisieren, und zwar in Kooperation mit einer Allgemeinärztin in der Nähe. Im Ort gibt es keinen Hausarzt mehr.

Die Kommunen sind wichtig, wenn es um Versorgung geht. Sie können hilfreiche Partner sein, wenn ein Arzt günstige Praxisräume sucht, mehrere Niedergelassene den überflüssigen Supermarkt zum Versorgungszentrum umplanen wollen oder Ehrenamtler sich um Pflegebedürftige kümmern wollen und ein zentrales Büro suchen. Doch Kommunen konkurrieren auch untereinander um Bushaltestellen oder Hausärzte.

Spinnen sind nicht unterwegs, um für andere Informationen hin- und herzutragen. Sie spinnen, um sich Schlupfwinkel zu bauen und Beute zu fangen. Sie bauen Netze, keine Netzwerke. Das sollte man nicht vergessen.

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion

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Avatar #672734
isnydoc
am Montag, 13. Oktober 2014, 16:01

Gesponnen oder spinneich?

Wer über "Versorgung" spricht und schlichte Wahrheiten der miesen Honorierung dieser Tätigkeiten total ausblendet, besitzt vermutlich einen "Job", wo man tariflich genau weiss, welche eigenen Ansprüche bestehen, aber nicht die Spur einer Ahnung von der Realität des Kassenarztdaseins mit den spezifisch sozialgesetzlichen Normierungen vorhanden ist.
Die Redaktion des DÄB scheint diesbezüglich ein ganz besonderes Nest darzustellen.
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