ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSchmerztherapie 1/2014Chronische Rückenschmerzen: Primär kein Fall für die Neurochirurgie

Supplement: Perspektiven der Schmerztherapie

Chronische Rückenschmerzen: Primär kein Fall für die Neurochirurgie

Dtsch Arztebl 2014; 111(41): [11]

Tronnier, Volker

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Foto: iStockphoto
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Bei nicht-spezifischen Schmerzsyndromen sind operative Maßnahmen kontraindiziert. Stattdessen sollte primär ein interdisziplinärer Ansatz basierend auf verhaltenstherapeutischen und physikalischen Maßnahmen angestrebt werden.

Rückenschmerzen sind in den Industrienationen eine Gesundheitsstörung von enormer epidemiologischer, medizinischer und sozioökonomischer Bedeutung. Die Inzidenz einer Gesundheitsstörung durch Rückenschmerzen schwankt zwischen 22 und 65 Prozent (1). Sinnvoll ist die Unterscheidung in spezifische und nicht-spezifische Rückenschmerzen, wobei bei letzteren mit einfachen klinischen Mitteln (Anamnese und körperlicher Untersuchung) kein organisches Korrelat beziehungsweise strukturelle Schäden gefunden werden können.

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Bei Patienten mit nicht-spezifischen Rückenschmerzen macht die Durchführung einer Schnittbildgebung (CT oder MRT) keinen Sinn, da sie degenerative Veränderungen der Bandscheiben oder Wirbelsäule in gleicher Häufigkeit zeigt wie bei asymptomatischen Personen (2). Patienten mit nicht-spezifischen Rückenschmerzen sind keine Kandidaten für eine operative Therapie. Bislang existieren keine Studien, die eine Überlegenheit interventioneller oder operativer Verfahren bei diesem Schmerzsyndrom belegen.

Anders sieht es bei Patienten mit spezifischen Rückenschmerzen durch Frakturen, Tumoren oder Infektionen aber auch bei degenerativen Erkrankungen wie einer Spondylolisthese aus (3). Bei degenerativer Spinalkanalstenose und Wirbelgleiten zeigte sich nach drei Monaten und bis zu zwei Jahren eine Überlegenheit der operativen Therapie gegenüber einer konservativen Therapie, die aus Krankengymnastik (68 Prozent der Patienten), epi- oder periduralen Injektionen (55 Prozent), NSAID’s (63 Prozent) und Opioiden (30 Prozent) bestand.

Die gleiche Arbeitsgruppe untersuchte Patienten mit Bandscheibenvorfällen und konnte nach vier Jahren eine Überlegenheit in allen untersuchten Parametern – außer dem Arbeitsstatus – feststellen (4). In diesen Studien wurden allerdings Patienten mit überwiegenden Rückenschmerzen häufig ausgeschlossen. In einer anderen Übersichtsarbeit wurde neben der Besserung der radikulären Symptomatik untersucht, ob es ebenfalls zu einer Besserung der Rückenschmerzsymptomatik kam. Dies konnte allerdings nicht bestätigt werden (5).

Eine kritiklose Verordnung von MR-Tomographien als bloße Ausschlussuntersuchung sollte vermieden werden. Bei anamnestischen oder klinischen Auffälligkeiten (Tabelle) und neu auftretenden Rückenschmerzen sollte allerdings eine bildgebende Diagnostik durchgeführt werden.

Anamnestische und klinische Auffälligkeiten, bei denen eine bildgebende Diagnostik indiziert ist
Anamnestische und klinische Auffälligkeiten, bei denen eine bildgebende Diagnostik indiziert ist
Tabelle
Anamnestische und klinische Auffälligkeiten, bei denen eine bildgebende Diagnostik indiziert ist

Zusammenfassend kann man konstatieren, dass chirurgische Maßnahmen beim nicht-spezifischen Rückenschmerz nicht indiziert sind und stattdessen ein interdisziplinärer Therapieansatz basierend auf verhaltenstherapeutischen und physikalischen Maßnahmen angestrebt werden sollte. Eine medikamentöse Therapie kann in der Akutphase unterstützend wirken. Auch bei nicht-spezifischen Rückenschmerzen sollte eine Chronifizierung vermieden werden.

Bei spezifischen Rückenschmerzen und entsprechendem organischen Korrelat können chirurgische Eingriffe nach erfolgloser konservativer Therapie sinnvoll sein und zu einer anhaltenden Besserung der Lebensqualität führen. Die Dringlichkeit richtet sich vorwiegend nach dem klinischen Befund, zum Beispiel dem Auftreten neurologischer Störungen.

Prof. Dr. med. Volker Tronnier

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4114

1.
Vos T, Flaxman AD, Naghavi M, et al.: Years lived with disability (YLDs) for 1 160 sequelae of 289 diseases and injuries 1990–2010: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2010. Lancet 2012; 380: 2163–96. MEDLINE CrossRef
2.
Boos N, Rieder R, Schade V, et al.: Volvo award in clinical sciences: the diagnostic accuracy of magnetic resonance imaging, work perception, and psychosocial factors in identifying symptomatic disc herniations. Spine 1995; 20: 2613–25. MEDLINE CrossRef
3.
Weinstein JN, Lurie DOJ, Tosteson TD, et al.: Surgical versus non-surgical treatment for lumbar degenerative spondylolisthesis. NEJM 2007; 356: 2257–70. MEDLINE PubMed Central CrossRef
4.
Weinstein JN, Lurie DOJ, Tosteson TD, et al.: Surgical versus non-operative treatment for lumbar disc herniation: four-year results for the spine patient outcome research trial (SPORT). Spine 2008; 33: 2789–800. MEDLINE PubMed Central CrossRef
5.
Jacobs WC, van Tulder M, Aris M, et al.: Surgery versus conservative management of sciatica due to a lumbar herniated disc:
a systematic review. Eur Spine J 2011; 20: 513–22. MEDLINE PubMed Central CrossRef
6.
Peul WC, Bredenoord AL, Jacobs WCH: Avoid surgery as first line treatment for non-specific low back pain. BMJ 2014;3 49: g4214 DOI: 10.1136/bmj.g4214 CrossRef
Anamnestische und klinische Auffälligkeiten, bei denen eine bildgebende Diagnostik indiziert ist
Anamnestische und klinische Auffälligkeiten, bei denen eine bildgebende Diagnostik indiziert ist
Tabelle
Anamnestische und klinische Auffälligkeiten, bei denen eine bildgebende Diagnostik indiziert ist
1.Vos T, Flaxman AD, Naghavi M, et al.: Years lived with disability (YLDs) for 1 160 sequelae of 289 diseases and injuries 1990–2010: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2010. Lancet 2012; 380: 2163–96. MEDLINE CrossRef
2.Boos N, Rieder R, Schade V, et al.: Volvo award in clinical sciences: the diagnostic accuracy of magnetic resonance imaging, work perception, and psychosocial factors in identifying symptomatic disc herniations. Spine 1995; 20: 2613–25. MEDLINE CrossRef
3.Weinstein JN, Lurie DOJ, Tosteson TD, et al.: Surgical versus non-surgical treatment for lumbar degenerative spondylolisthesis. NEJM 2007; 356: 2257–70. MEDLINE PubMed Central CrossRef
4.Weinstein JN, Lurie DOJ, Tosteson TD, et al.: Surgical versus non-operative treatment for lumbar disc herniation: four-year results for the spine patient outcome research trial (SPORT). Spine 2008; 33: 2789–800. MEDLINE PubMed Central CrossRef
5.Jacobs WC, van Tulder M, Aris M, et al.: Surgery versus conservative management of sciatica due to a lumbar herniated disc:
a systematic review. Eur Spine J 2011; 20: 513–22. MEDLINE PubMed Central CrossRef
6.Peul WC, Bredenoord AL, Jacobs WCH: Avoid surgery as first line treatment for non-specific low back pain. BMJ 2014;3 49: g4214 DOI: 10.1136/bmj.g4214 CrossRef

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