ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2014Beatmungskonzepte in der Intensivmedizin

MEDIZIN: Übersichtsarbeit

Beatmungskonzepte in der Intensivmedizin

Approaches to ventilation in intensive care

Dtsch Arztebl Int 2014; 111(42): 714-20; DOI: 10.3238/arztebl.2014.0714

Spieth, Peter; Koch, Thea; Gama de Abreu, Marcelo

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Hintergrund: Die mechanische Beatmung erfolgt in der Intensivmedizin häufig und ist oft eine lebensrettende Intervention. Circa 35 % der Intensivpatienten werden mechanisch beatmet, allerdings entwickeln etwa 15 % dieser Patienten eine beatmungsassoziierte Lungenentzündung. Ziel der Beatmungstherapie ist es, die Atemarbeit zu senken und den pulmonalen Gasaustausch und damit die Versorgung des Organismus mit Sauerstoff aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Es sind zahlreiche Beatmungsmodi verfügbar, wobei in den letzten Jahren die Vermeidung der beatmungsinduzierten Lungenschädigung durch lungenprotektive Beatmungsstrategien in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist.

Methode: Es wurde eine selektive Literaturrecherche durchgeführt.

Ergebnisse: Im Vergleich zu konventionellen lungenprotektiven Beatmungsformen stellen die in dieser Übersichtsarbeit vorgestellten modernen Beatmungsformen Weiterentwicklungen dar, die die Lungenprotektion optimieren und gleichzeitig die Lungenfunktion sowie die Synchronie zwischen Patienten und Beatmungsgeräten verbessern. Bei der Hochfrequenzbeatmung werden Tidalvolumina von 1–2 mL/kg (Körpergewicht) bei einer Atemfrequenz von bis 12 Hz eingesetzt. Darüber hinaus werden assistierte Formen der Spontanatmung wie „proportional assist ventilation“, „neurally adjusted ventilatory assist“ oder variable Druckunterstützungsbeatmung eingesetzt. Computergesteuerte „closed-loop“-Beatmungssysteme ermöglichen eine automatisierte Beatmung und können die Zeit bis zur Entwöhnung vom Beatmungsgerät gemäß einer aktuellen Metaanalyse um 32 % verkürzen.

Schlussfolgerung: Die wissenschaftliche Evidenz hinsichtlich klinisch relevanter Endpunkte ist für alle modernen Beatmungsformen noch unzureichend. Neue Beatmungsformen scheinen jedoch die Beatmungsinvasivität beziehungsweise die Beatmungsdauer zu reduzieren und könnten somit die Therapie beatmungspflichtiger Patienten verbessern. Um eine abschließende Beurteilung moderner Beatmungskonzepte zu ermöglichen, sind randomisierte Studien mit klinisch relevanten Endpunkten notwendig.

LNSLNS

Wie in einer prospektiven Kohortenstudie Esteban et al. ermittelten, werden etwa 35 % aller Intensivpatienten mechanisch beatmet (1). Für die USA wurde der prozentuale Anteil beatmeter Patienten mit circa 2,8 % (circa 790 000 Patienten) aller stationären Krankenhausaufnahmen berechnet (2). Die Therapiekosten beatmeter Patienten wurden dabei mit circa 27 Milliarden US-Dollar veranschlagt, was etwa 12 % der gesamten Behandlungskosten stationär aufgenommener Patienten entspricht (2).

Obwohl mechanische Beatmung für viele Patienten eine häufig lebensrettende Intervention darstellt – um die Atemarbeit zu senken oder einen suffizienten pulmonalen Gasaustausch und eine adäquate Gewebeoxygenierung sicherzustellen –, kann sie auch eine Schädigung der Lunge induzieren beziehungsweise aggravieren (3). Dieses Phänomen wird als beatmungsinduzierte Lungenschädigung bezeichnet. Die Hauptschädigungsmechanismen bestehen in

  • Einwirkungen hoher Atemzugvolumina (Volutrauma) mit Überdehnung der Lunge
  • hoher Beatmungsdrücke (Barotrauma)
  • zyklischen Kollaps/Wiedereröffnen atelektatischer Alveolarregionen (Atelektrauma) (4).

Diese drei physikalischen Schädigungsfaktoren führen zu einer pulmonalen inflammatorischen Reaktion, die als Biotrauma bezeichnet wird. Allerdings bleibt die inflammatorische Reaktion meist nicht nur auf das Lungenparenchym beschränkt. Vielmehr kann es über eine systemische inflammatorische Reaktion zur Ausbildung eines Multiorganversagens kommen.

Die Grafik illustriert die wichtigsten Pathomechanismen der beatmungsinduzierten Lungenschädigung. Daneben stellt die Entwicklung beatmungsassoziierter Pneumonien, hauptsächlich bedingt durch eine eingeschränkte mukoziliäre „clearance“-Funktion des respiratorischen Systems, eine der zentralen Herausforderungen in der Intensivmedizin dar. Craven et al. bezifferten die Inzidenz der beatmungsassoziierten Pneumonie unlängst mit circa 15 % aller beatmeten Patienten (5). Moderne Beatmungsformen sind dementsprechend darauf ausgerichtet, sowohl die Invasivität als auch die notwendige Zeitdauer der Beatmung so weit wie möglich zu reduzieren. So ist eine protektive Beatmungsstrategie auch bei primär lungengesunden Patienten wichtig, da auch bei diesen das Risiko einer beatmungsinduzierte Lungenschädigung besteht. Serpa Neto et al. (6) konnten in einer Metaanalyse nachweisen, dass bei beatmeten, primär lungengesunden Patienten die Anwendung einer lungenprotektiven Beatmung mit niedrigen Atemhubvolumina das Risiko der Entwicklung einer Lungenschädigung (Relatives Risiko [RR]: 0,33; „number needed to treat“ [NNT]: 11 Patienten) sowie die Sterblichkeit (RR: 0,64; NTT: 23 Patienten) signifikant reduziert.

Lokale und systemische Auswirkungen mechanischer Beatmung
Lokale und systemische Auswirkungen mechanischer Beatmung
Grafik
Lokale und systemische Auswirkungen mechanischer Beatmung

Trotz intensiver experimenteller und klinischer Forschungsbemühungen können bislang kaum evidenzbasierte Therapieempfehlungen ausgesprochen werden, da es noch an randomisierten kontrollierten klinischen Studien zu modernen Beatmungsformen mangelt.

Methode

Es wurde eine selektive Literaturrecherche in den medizinischen Datenbanken PubMed und Cochrane Library zu den Stichworten „mechanical ventilation“, „acute respiratory distress syndrome“, „ventilator induced lung injury“ und „new modes of mechanical ventilation“ durchgeführt. Die Auswahl der hier vorgestellten Studien erfolgte subjektiv basierend auf den Erfahrungen der Autoren. Extrakorporale Lungenersatzverfahren wurden explizit ausgeklammert, es sei hierfür auf die entsprechende Literatur verwiesen (7).

Konventionelle lungenprotektive Beatmungsstrategie

Die Anwendung einer lungenprotektiven Beatmungsstrategie mit niedrigen Atemhubvolumina (4 bis 8 mL/kg bezogen auf das ideale Körpergewicht) und niedrigen inspiratorischen Plateaudrücken (< 30 cm H2O) stellt seit einigen Jahren den Goldstandard in der Beatmungstherapie von ARDS-Patienten (ARDS, „acute respiratory distress syndrome“) dar (8). Die Sterblichkeit von ARDS-Patienten ist auch nach Einführung der lungenprotektiven Beatmung mit circa 40 % immer noch konstant hoch (9). Zahlreiche Modifikationen lungenprotektiver Beatmung sind seither vorgeschlagen worden, wobei die Evidenzlage insgesamt als unzureichend zu betrachten ist. Insbesondere die Anwendung erhöhter positiver endexspiratorischer Drücke (PEEP, „positive endexpiratory pressure“) wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Briel et al. konnten in einer Metaanalyse randomisierter kontrollierter klinischer Studien nachweisen, dass die Verwendung höherer PEEP-Niveaus (Tag 1: 15,3 cm H2O versus 9,0 cm H2O) zumindest kurzfristig die Oxygenierung verbessern (arterieller Sauerstoffpartialdruck am Tag 1: 96 mm Hg [hoher PEEP] versus 83 mm Hg [niedriger PEEP]) sowie die Notwendigkeit von Notfallmaßnahmen (13,7 % [hoher PEEP] versus 21,3 % [niedriger PEEP]) reduzieren kann (10). Als Notfallmaßnahmen wurden hierbei therapierefraktäre Hypoxämie zum Beispiel die Beatmung in Bauchlage, die Anwendung inhalativen Stickstoffmonoxids oder die extrakorporale Membranoxygenierung beschrieben (10). Für Patienten mit mittelschwerem bis schwerem ARDS konnte darüber hinaus ein Überlebensvorteil unter Therapie mit hohem PEEP gezeigt werden (Sterblichkeit bei niedrigen versus hohen PEEP: 39,1 % versus 34,1 %; RR: 0,90; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI]: 0,81–1,00; p = 0,049) (10). Bei Patienten mit sehr schwerem ARDS konnte außerdem sowohl für die frühe und kurzzeitige Muskelrelaxation (11) als auch für die Beatmung in Bauchlage (12) eine geringere Sterblichkeit gezeigt werden.

Hochfrequenzbeatmung

Das Prinzip der Hochfrequenz-Oszillationsbeatmung (HFOV, „high frequency oscillatory ventilation“) basiert auf der Applikation vergleichsweise kleiner Tidalvolumina (1 bis 2 mL/kg [Körpergewicht]) bei gleichzeitig höheren Atemfrequenzen (bis zu 12 Hz). Für die Durchführung werden spezielle Beatmungsgeräte benötigt und vom Anwender können in der Regel die Atemfrequenz, das Inspirations-/Exspirationsverhältnis, die inspiratorische Sauerstofffraktion und der mittlere Atemwegsdruck eingestellt werden. Als mögliche Wirkmechanismen für einen besseren Gasaustausch wurden – im Vergleich zur konventionellen Beatmung – ein höherer mittlerer Atemwegsdruck bei gleichzeitig reduzierten Atemwegsspitzendrücken postuliert. Zusammen mit einer modifizierten Verteilung des Atemgasflusses kann es zu einer verbesserten Rekrutierung primär kollaptischer Lungenareale beziehungsweise zu einer Verhinderung von alveolärem Kollaps kommen (13).

Theoretisch ist die HFOV eine ideale Art der lungenprotektiven Beatmung, da durch die Anwendung niedriger Tidalvolumina und eines hohen mittleren Atemwegsdrucks bei gleichzeitiger Reduktion des Atemwegsspitzendrucks der mechanische Stress im Lungenparenchym verringert wird. Nachdem in einigen klinischen Studien Vorteile, insbesondere kurzfristige Verbesserungen der Oxygenierung, gegenüber konventioneller Beatmung beobachtet wurden, konnten zwei kürzlich veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studien keinen (14) beziehungsweise sogar einen negativen Effekt (15) nachweisen. Dabei war die Sterblichkeit von ARDS-Patienten, die mit HFOV therapiert wurden, höher als in der Kontrollgruppe (47 % in der HFOV-Gruppe versus 35 % in der Kontrollgruppe) (15). Als Ursache für diese Ergebnisse werden insbesondere die hämodynamischen Nebenwirkungen des unter HFOV erhöhten intrathorakalen Drucks und der damit verbundene höhere Bedarf an Vasopressoren sowie ein erhöhter Sedierungs- beziehungsweise Relaxierungsbedarf bei Patienten unter HFOV diskutiert. Aufgrund der aktuellen Studienlage kann eine Anwendung der HFOV als Routineverfahren bei ARDS-Patienten derzeit nicht empfohlen werden.

Proportionale Druckunterstützungsbeatmung

Bei konventioneller druckunterstützter Spontanatmung (PSV, „pressure support ventilation“ ) werden die Inspirationsbemühungen des Patienten mittels Druck- oder Flowtrigger detektiert und mit einem fest eingestellten Hilfsdruck unterstützt. Proportionale Druckunterstützungsverfahren zielen hingegen darauf ab, den Unterstützungsdruck proportional zur Inspirationsbemühung des Patienten zu applizieren. „Proportional assist ventilation“ (PAV) wurde als erster dieser Beatmungsmodi 1992 in Kliniken eingeführt (16). Das Prinzip von PAV basiert auf der getrennten Einstellung von Kompensationsfaktoren für die elastischen (Compliance) und resistiven („Resistance“) Komponenten des respiratorischen Systems. Dadurch wird eine Druckunterstützung proportional zur Inspirationsbemühung des Patienten realisiert. Kompliziert wird die optimale Einstellung von PAV dadurch, dass der Anwender die elastischen und resistiven Eigenschaften der Lunge abschätzen oder messen muss. Um diese Problematik zu umgehen und den Beatmungsmodus Anwender-freundlicher zu gestalten, wurde PAV+ entwickelt. Bei PAV+ werden automatisch und ohne Unterbrechung des Atemzyklus die „Elastance“ und „Resistance“ des respiratorischen Systems gemessen und die entsprechenden Verstärkungsfaktoren automatisch adjustiert. So wird eine voreingestellte prozentuale Kompensation von „Resistance“ und Compliance garantiert (17). Bisher konnten noch keine Verbesserungen Outcome-relevanter Variablen unter PAV+ nachgewiesen werden. In einer randomisierten „crossover“-Studie, in der die Patienten nachts entweder mit PAV+ oder mit konventioneller PSV beatmet wurden, konnte allerdings gezeigt werden, dass die Patienten unter PAV+ signifikant weniger Aufwachreaktionen (9 versus 16) und Asynchronie-Vorfälle (24 versus 53) aufwiesen (18).

Im Gegensatz zu anderen Formen der druckunterstützten Spontanatmung detektiert NAVA („neurally adjusted ventilatory assist“) die Inspirationsbemühung des Patienten nicht über die Druck- oder Flowmessung im Beatmungsgerät, sondern über eine im Ösophagus platzierte Sonde zur Messung der elektrischen Aktivität des Zwerchfells (19). Durch die so registrierte Zwerchfellaktivität wird über einen vom Anwender einstellbaren Verstärkungsfaktor eine Druckunterstützung proportional zur elektrischen Zwerchfellaktivität appliziert. NAVA wurde in zahlreichen kleinen Studien an unterschiedlichen Patientenkollektiven getestet und zeigte positive Effekte, insbesondere hinsichtlich einer gesteigerten Synchronie zwischen Patient und Beatmungsgerät (20). Große randomisierte klinische Studien zur Untersuchung Outcome-relevanter Endpunkte fehlen allerdings bisher.

Durch fehlerhafte Adjustierung des Verstärkungsfaktors bei NAVA beziehungsweise der Kompensationsfaktoren bei PAV und PAV+ kann es zum sogenannten „runaway“-Phänomen kommen, bei dem die Inspiration vom Gerät weiter fortgesetzt wird, obwohl der Patient bereits in der Ausatemphase ist. Das Risiko für das Auftreten von „runaway“-Phänomenen ist insbesondere bei Patienten mit gestörtem Atemantrieb oder komplexen lungenmechanischen Störungen erhöht.

Variable Druckunterstützungsbeatmung

Atemzugvolumen und Atemfrequenz weisen bei gesunden Individuen eine intrinsische Variabilität auf, welche jedoch bei vielen Erkrankungen reduziert ist (21). Die variable Druckunterstützungsbeatmung (variable „pressure support ventilation“ oder „noisy PSV“) basiert auf der Idee, die günstigen Effekte von variabler Beatmung (22) mit denen der assistierten Spontanatmung zu kombinieren (23). Proportionale Druckunterstützungsverfahren bieten zwar auch durch die patienteneigene (intrinsische) Variabilität ein gewisses Maß an respiratorischer Variabilität. Allerdings kann durch die Anwendung eines variablen Atemmusters (extrinsische Variabilität) eine optimale Variabilität induziert beziehungsweise wiederhergestellt werden (24). In tierexperimentellen Studien konnten bereits Vorteile gegenüber kontrollierter Beatmung und konventioneller PSV-Beatmung (25) beziehungsweise PAV (26) nachgewiesen werden. Neben der Rekrutierung kollabierter Lungenbezirke durch die intermittierende Applikation höherer Atemwegsdrücke scheint vor allem die Umverteilung der pulmonalen Perfusion in Richtung besser belüfteter Lungenareale die vorteilhaften Effekte auf den Gasaustausch zu erklären (27). In einer ersten klinischen Pilotstudie konnte die Sicherheit und einfache Anwendbarkeit bereits nachgewiesen werden (28). Aktuell wird eine randomisierte multizentrische Studie zum Vergleich von „noisy“ PSV und konventioneller PSV in Bezug auf die Zeit bis zur Beatmungsentwöhnung durchgeführt, um Outcome-relevante Verbesserungen zu evaluieren (29). Da bisher jedoch noch keine größeren Studien zu klinisch relevanten Endpunkten vorliegen, lässt sich der Stellenwert der variablen Druckunterstützung noch nicht abschließend bewerten.

„closed-loop“-Beatmungsmodi

Vor dem Hintergrund einer steigenden Zahl beatmeter Patienten und gleichzeitiger personeller Verknappung im ärztlichen und pflegerischen Bereich können automatisierte Beatmungsmodi zu einer Entlastung in der klinischen Routine führen. Das Konzept der „adaptive support ventilation“ (ASV) basiert dabei auf einer „closed-loop“-Steuerung des Beatmungsgeräts: Der Anwender gibt Basiseinstellungen vor, wie

  • das ideale Körpergewicht des Patienten
  • die gewünschte Minutenventilation
  • Sicherheitsgrenzen wie

– das maximale und minimale Tidalvolumen

– die obere Druckbegrenzung

– maximale Atemfrequenz.

Ein Algorithmus errechnet unter Zuhilfenahme automatisierter Messungen der „Resistance“ und Compliance des respiratorischen Systems ein optimales Verhältnis von Tidalvolumen und Atemfrequenz, um die Atemarbeit zu verbessern (30). Im Gegensatz zu den oben vorgestellten assistierten Spontanatmungsverfahren ist ASV sowohl als kontrollierter Beatmungsmodus anwendbar – bei respiratorischer Inaktivität des Patienten – als auch als assistierter Beatmungsmodus – bei erhaltener Spontanatmungsaktivität des Patienten. In einer randomisierten klinischen Studie an Patienten, die nach herzchirurgischen Eingriffen von der Beatmung entwöhnt wurden, konnte eine Verkürzung der Beatmungsdauer unter ASV im Vergleich zu konventioneller Beatmung (165 versus 485 Minuten) (31) beobachtet werden. Tierexperimentelle Untersuchungen wiesen auf eine Reduktion der beatmungsinduzierten diaphragmalen Dysfunktion unter der Beatmung mit ASV hin (32). Allerdings scheint insbesondere bei Patienten mit komplexen respiratorischen Störungen, wie zum Beispiel beim ARDS, der Algorithmus noch unzureichend ausgereift zu sein: So wurden ungünstige Kombinationen aus Tidalvolumen und Atemfrequenz als potenziell lungenschädliche Beatmung beobachtet (33). In der Weiterentwicklung „IntelliVent-ASV“ werden neben dem oben genannten Parameter auch noch die Kapnographie und die Pulsoxymetrie in die Berechnungen des Algorithmus integriert. Erste klinische Anwendungsbeobachtungen erscheinen erfolgsversprechend (34) zu sein, randomisierte kontrollierte klinische Studien stehen aber noch aus.

Im Gegensatz zu ASV/„IntelliVent-ASV“ ist „SmartCare“ ein spezieller Beatmungsmodus zur automatisierten Beatmungsentwöhnung. Basierend auf einer konventionellen druckunterstützten Spontanatmung im PSV-Modus erfolgen bei „SmartCare“ automatisch kontinuierliche Messungen von Atemfrequenz, Tidalvolumen und exspiratorischer CO2-Konzentration. Diese Messwerte werden über einen Zeitraum von 2 bis 5 Minuten gemittelt und die Unterstützungsdrücke automatisch adaptiert, um den Patienten in einer respiratorischen Komfortzone zu halten. Werden die im Algorithmus vordefinierten Kriterien erreicht, führt „SmartCare“ automatisch einen Spontanatmungsversuch durch. Um den Modus optimal auf den individuellen Patienten abzustimmen, sind zusätzlich die folgende Informationen erforderlich:

  • der verwendete Atemweg (Endotrachealtubus oder Trachealkanüle)
  • das Körpergewicht
  • bekannte chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
  • neurologische Erkrankungen mit Beeinträchtigungen des Atemantriebs
  • das verwendete Befeuchtungssystem (aktive Befeuchtung oder Beatmungsfilter).

Über die eingegebenen Patientencharakteristika berechnet der Algorithmus die Grenzen für Tidalvolumen, Atemfrequenz und exspiratorisches Kohlendioxid. Die Informationen bezüglich des verwendeten Atemwegs und Befeuchtungssystems werden zur Definition des Druckunterstützungsniveaus verwendet, bei dem ein Spontanatmungsversuch initiiert wird. „SmartCare“ sollte weder bei Patienten mit neurologischer Beeinträchtigung der zentralen Atmungsregulation oder Atemmuskulatur noch bei Patienten mit schweren Bronchospasmus und bei stark agitierten Patienten angewendet werden (35). In einer randomisierten kontrollierten klinischen Studie konnten Schädler et al. keinen Unterschied bezüglich einer verkürzten Beatmungszeit zwischen „SmartCare“ und einer konventionell beatmeten Kontrollgruppe nachweisen (36). Allerdings zeigte sich in einer Subgruppe mit kardiochirurgischen Patienten eine signifikant geringere Beatmungszeit (24 h versus 35 h) zwischen „SmartCare“ und der Kontrollgruppe.

In einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration zur Anwendung von „closed-loop“-Beatmungssystemen wie ASV und „SmartCare“ zeigte sich bei der zusammengefassten Analyse von 15 randomisierten kontrollierten klinischen Studien mit insgesamt 1 173 Patienten eine signifikante Verkürzung der Zeit bis zur Entwöhnung vom Beatmungsgerät um 32 % im Vergleich zu konventionellen Beatmungsmodi (37). Allerdings ist die Studienlage bislang noch sehr heterogen und der Erfolg konventioneller Entwöhnungsprotokolle ist stark von der personellen Ausstattung der verschiedenen Intensivstationen abhängig (38).

Zusammenfassung

Ziel moderner Beatmungsstrategien ist es, Gasaustausch und Lungenmechanik zu verbessern, die Lungenprotektion zu erhöhen und über eine möglichst rasche Reduktion der Beatmungsinvasivität die Gesamtbeatmungsdauer zu reduzieren. Zu unterscheiden sind hierbei kontrollierte Beatmungsformen wie HFOV und assistierte Spontanatmungsformen wie PAV, PAV+, PSV, „noisy PSV“ und NAVA. ASV und „IntelliVent-ASV“ sind sowohl als kontrollierte als auch als assistierte Beatmungsmodi einsetzbar. Durch die Anwendung von „SmartCare“ kann eventuell die Beatmungsentwöhnung vereinfacht und beschleunigt werden. Bisher sind die in dieser Übersicht vorgestellten Beatmungsmodi nur in den Beatmungsgeräten bestimmter Hersteller implementiert, so dass es den meisten Anwendern nicht möglich sein wird, alle modernen Beatmungsformen auf der eigenen Intensivstation einzusetzen. Die Tabelle fasst die in diesem Artikel vorgestellten Beatmungsmodi zusammen.

Übersicht häufig angewendeter moderner Beatmungsmodi basierend auf den klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen der Autoren
Übersicht häufig angewendeter moderner Beatmungsmodi basierend auf den klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen der Autoren
Tabelle
Übersicht häufig angewendeter moderner Beatmungsmodi basierend auf den klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen der Autoren

Ein weiteres Problem stellt die noch immer unzureichende Evidenz für den Einsatz moderner Beatmungsformen dar. Zwar existieren zahlreiche tierexperimentelle und kleinere klinische Studien; eine abschließende oder gar vergleichende klinische Einschätzung im Bezug auf Outcome-relevante Endpunkte ist aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich.

Interessenkonflikt
Dr. Spieth hat drei Patente zur Anwendung variabler Beatmungsformen.

Prof. Koch hat drei Patente zur Anwendung variabler Beatmungsformen. Darüber hinaus erhält sie Drittmittel von der Firma Dräger Medical AG für eine Studie mit elektrischer Impedanztomographie.

Prof. Gama de Abreu hat drei Patente zur Anwendung variabler Beatmungsformen. Er bekam einmalig Lizenzgebühren von der Firma Dräger Medical nach Übernahme des Patents zur variablen „pressure support ventilation“. Darüber hinaus erhielt er ein Honorar für eine Beratung zur Anwendung elektrischer Impedanztomographie von der Firma Dräger Medical AG. Von den Firmen Dräger Medical AG und Novalung GmbH bekam er Teilnahmegebühren und Reisekosten erstattet sowie Honorare für Vorträge. Er erhielt Drittmittel von der Firma Dräger Medical AG fürBeatmungsgeräte.

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 3. 2014, revidierte Fassung angenommen: 4. 8. 2014

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Peter M. Spieth
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Technische Universität Dresden
Fetscherstrasse 74

01307 Dresden
peter.spieth@uniklinikum-dresden.de

Zitierweise
Spieth PM, Koch T, Gama de Abreu M: Approaches to ventilation in intensive care. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 714–20. DOI: 10.3238/arztebl.2014.0714

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden: Dr. med. Spieth, Prof. Dr. med. Koch, Prof. Dr. med. Gama de Abreu
Lokale und systemische Auswirkungen mechanischer Beatmung
Lokale und systemische Auswirkungen mechanischer Beatmung
Grafik
Lokale und systemische Auswirkungen mechanischer Beatmung
Übersicht häufig angewendeter moderner Beatmungsmodi basierend auf den klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen der Autoren
Übersicht häufig angewendeter moderner Beatmungsmodi basierend auf den klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen der Autoren
Tabelle
Übersicht häufig angewendeter moderner Beatmungsmodi basierend auf den klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen der Autoren
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