ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2014Europäischer Depressionstag: Rolle der Familie im Fokus

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Europäischer Depressionstag: Rolle der Familie im Fokus

PP 13, Ausgabe Oktober 2014, Seite 433

Bühring, Petra

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Es gibt den „Tag gegen den Schlaganfall“, den „Tag der Zahngesundheit“ oder den „Tag des alkoholgeschädigten Kindes“ – die Liste nicht nur der gesundheitsrelevanten Aktions- und Gedenktage ist lang. Seit 2004 findet am 1. Oktober der „Europäische Depressionstag“ oder „European Depression Day“ (EDD) statt. Man kann natürlich fragen, ob man für jede Erkrankung einen Aktionstag braucht und welchen Sinn ein solcher macht. Zunächst helfen ritualisierte Termine mit Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit, regelmäßig die Problematik ins öffentliche Gedächtnis zu rufen. So ist die Depression die Erkrankung, die im Vergleich zu allen anderen mit den meisten mit schweren Beeinträchtigungen gelebten Lebensjahren einhergeht (WHO, 2014) und die in den industrialisierten Ländern zu den häufigsten Erkrankungen gehört. In diesem Jahr wurde am 1. Oktober im Europäischen Parlament das Thema „Depression and the Family“ öffentlich diskutiert. Die Rolle der Familie im Hinblick auf Früherkennung, Diagnostik und therapeutische Interventionsmöglichkeiten stand auch in Deutschland im Mittelpunkt des 11. EDD. Die Familie sollte bei der Diagnostik und Therapie depressiv Erkrankter unbedingt mit einbezogen werden, forderte Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich, Repräsentant des Europäischen Bündnisses gegen Depression. Denn sie kann viel zur Unterstützung und Entlastung der Kranken beitragen. Auch ist das Wissen um eine mögliche genetische Disposition, um Entwicklungsfaktoren in der Kindheit der Betroffenen, wie Erziehungsstil, Konfliktlösungsstrategien und Umgang mit Stress in der Familie für die Therapie sehr aufschlussreich. Andererseits können familiäre Konflikte, akute und chronische Belastungssituationen oder fehlende Unterstützung den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.

Hausärzte haben durch die langjährige Begleitung der Patienten meist einen guten Einblick in die Familienkonstellationen. Zudem wenden sich die meisten Betroffenen zuerst an ihren Hausarzt. In der Diagnostik und Koordination der Behandlung kommt ihnen deshalb eine besondere Rolle zu. Ein großes Problem in der Versorgung der rund vier Millionen Menschen mit einer behandlungsbedürftigen Depression in Deutschland ist allerdings, dass weniger als die Hälfte tatsächlich behandelt werden und von diesen wiederum höchstens die Hälfte als ausreichend behandelt gelten kann, kritisierte Dietrich. Auch Prof. Dr. med. Martin Härter, Koordinator der Nationalen Versorgungsleitlinie Depression, wies anlässlich des EDD darauf hin, dass drei von vier Patienten mit einer schweren Depression keine nach den aktuellen Behandlungsleitlinien angemessene Therapie erhielten. Nur zwölf Prozent dieser Patienten werde die empfohlene Kombinationstherapie aus Antidepressiva und Psychotherapie angeboten, und auch die Potenziale psychosozialer Therapien würden nicht ausreichend ausgeschöpft.

Der 11. Europäische Depressionstag hat auf die Probleme in der Versorgung depressiv Erkrankter erneut aufmerksam gemacht. Experten fordern strukturierte Versorgungsprogramme für die Betroffenen; eine Reform der psychotherapeutischen Versorgung ist in Arbeit. Im nächsten Jahr wird man hoffentlich wieder ein Stück weiter sein.

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