ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2014Die sieben Todsünden: Acedia (Pigritia)/Trägheit – Mönchskrankheit

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Acedia (Pigritia)/Trägheit – Mönchskrankheit

PP 13, Ausgabe Oktober 2014, Seite 434

Kraft, Hartmut

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Lucas Vorstermann d.J.: Pigritia/ Trägheit (Mitte 17. Jahrhundert), Radierung, 19,2 × 14,1 cm. Blatt mit Textzeile aus einer Folge von sieben Radierungen nach Motiven zu den „Sieben Todsünden“ von Adriaen Brouwer. Foto: Eberhard Hahne
Lucas Vorstermann d.J.: Pigritia/ Trägheit (Mitte 17. Jahrhundert), Radierung, 19,2 × 14,1 cm. Blatt mit Textzeile aus einer Folge von sieben Radierungen nach Motiven zu den „Sieben Todsünden“ von Adriaen Brouwer. Foto: Eberhard Hahne

In der Antike galt körperliche Arbeit als Zeichen der Unfreiheit, typisch für die Mühsal der Sklaven und „Banausen“, wie die reinen Handwerker ohne Kunstsinn und feineren Lebensstil im alten Griechenland genannt wurden. Müßiggang hingegen, eine „vita contemplativa“, war weit entfernt davon, als moralisch anrüchig verworfen zu werden. Dies änderte sich erst mit dem Erstarken des Christentums. Sprichwörtlich wurde Paulus mit seiner Aussage im 2. Brief an die Thessalonicher: „. . . so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.“ (2. Thess. 3,10) Er verweist damit auf das 1. Buch Mose 3, 10: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ Benedikt von Nursia (480–547), der Ordensgründer der Benediktiner, spitzte die Arbeitsethik zu auf das bis heute allseits bekannte „ora et labora“, mit dem für viele von uns der Lateinunterricht begann. Müßiggang war zum „Feind der Seele“ geworden, der besonders bei Einsiedlern und anderen Mönchen zu mangelndem Gottvertrauen, Trägheit und Vernachlässigung religiöser Pflichten führen konnte. So kam es zum Begriff „Mönchskrankheit“ als „Berufskrankheit der Mönche“. Unbekannt waren zu dieser Zeit die anderen möglichen Ursachen einer zu beobachtenden Faulheit, Schläfrigkeit und Lustlosigkeit. Heute wissen wir um die erheblichen psychischen Belastungen durch eine lang anhaltende Einsamkeit, die schwere Depressionen und auch schizophrene Symptomatiken auslösen kann. Nicht alle als Einsiedler lebende Mönche der christlichen Frühzeit waren diesen Belastungen einer selbst gewählten „Isolationsfolter“ gewachsen. Hinzu kommen körperliche Ursachen, wie sie sich allein schon durch eine Mangelernährung ergeben können. Auch die medizinische Klärung einer Herzleistungsschwäche, geringer Blutdruck oder eine Schlafapnoe wären heute dem Vorwurf der Todsünde Acedia vorgeschaltet.

Allerdings verdankt sich der schlechte Ruf der Trägheit durchaus nicht nur ihrem Status als Todsünde. Im gleichen Sinne wirkte die von dem deutschen Soziologen Max Weber sogenannte „protestantische Arbeitsethik“. Schon Martin Luther schrieb, dass der gute Christ viel zu wachen und früh aufzustehen habe, um der Faulheit zu widerstehen. Noch deutlicher wurden die Puritaner, die geistigen Väter der USA: „Nichts ist so verderblich wie Faulheit!“ Letztlich gipfelte dies in dem berühmten Ausspruch von Benjamin Franklin aus dem Jahre 1748: „Time is money“.

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So hat sich die Acedia, auch Pigritia genannt, aus dem Mönchstum emanzipiert und alle Bürger erreicht. Die Trägheit als Sünde ist im Alltag angekommen, wie die Darstellung einer Magd auf der Grafik von Vorsterman nach einem Entwurf von Adriaen Brouwer zeigt. Den Kopf aufgestützt in die kräftige rechte Hand, die Augen geschlossen – kein Zweifel: Hier ruht die Arbeit. Ein Skandal für den Arbeitgeber, der diese offenkundige Faulheit auch noch entlohnen soll. Dass kleine Pausen die Arbeitsfähigkeit, gar die Kreativität fördern können, hat sich erst viel später als Erkenntnis durchgesetzt.

Prof. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografien

Lucas Vorstermann der Jüngere, geboren 1624 in Antwerpen, wo er 1651/52 Meister wurde, stach viele Reproduktionen nach Gemälden von P.P. Rubens, J. Jordaens, D. Tenier und A. Brouwer. Gestorben 1666 in Antwerpen.
Adriaen Brouwer, geboren 1605/06 in Oudenaarde/Flandern. Er gilt als der bedeutendste Bauernmaler der Zeit nach P. Breughel d. Ä.. Seine Konzentration auf Bilder des Sinnbildlichen, Trieb- und Lasterhaften übten auf die Zeitgenossen einen großen Reiz aus. Schon zu Zeiten seines nur kurzen Lebens erfuhr er höchste Wertschätzung. Gestorben 1638 in Antwerpen.

1.
Bellebaum A: Trägheit – gefährdeter Lebenssinn. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Münster: Aschendorff 2007: 205–34.
2.
Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Psychologie der 7 Todsünden. Berlin, Heidelberg: Springer 2012.
3.
Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Primus Verlag 2013.
1.Bellebaum A: Trägheit – gefährdeter Lebenssinn. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Münster: Aschendorff 2007: 205–34.
2.Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Psychologie der 7 Todsünden. Berlin, Heidelberg: Springer 2012.
3. Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Primus Verlag 2013.

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