ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2014Sucht und Drogen: Fentanyl wird zunehmend missbraucht

POLITIK

Sucht und Drogen: Fentanyl wird zunehmend missbraucht

PP 13, Ausgabe Oktober 2014, Seite 448

Erbas, Beate; Wodarz, Norbert

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Die Behandlungsprävalenz mit Fentanyl hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdreifacht. Gleichzeitig ist das Opioid immer häufiger an Drogentodesfällen beteiligt. Vorsicht ist bei dem Wunsch nach Verordnung von Fentanylpflastern geboten.

Unter den intravenös Drogenkonsumierenden hat Fentanyl, beispielsweise in Estland, Heroin den Rang abgelaufen. Foto: picture alliance
Unter den intravenös Drogenkonsumierenden hat Fentanyl, beispielsweise in Estland, Heroin den Rang abgelaufen. Foto: picture alliance

Deutschlandweit hat sich die Behandlungsprävalenz mit Fentanyl (inklusive Pflastern) im Zeitraum von 2000 bis 2010 mehr als verdreifacht. Hierbei ist besonders zu berücksichtigen, dass über drei Viertel der Behandelten die Substanz aufgrund chronischer nicht tumorbedingter Schmerzen erhielten. Gerade für diese Patientengruppe liegt aber in der Langzeitanwendung keine ausreichende Evidenz vor (1). Im Gegenteil: In der Langzeitanwendung bei nicht tumorbedingten Schmerzen scheint es zu einem analgetischen Wirkungsverlust zu kommen (2).

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Europaweit nimmt der Missbrauch von Fentanyl mit regionaler Häufung zu. Laut Europäischer Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hat Fentanyl, beispielsweise in Estland, Heroin unter den intravenös Drogenkonsumierenden den Rang abgelaufen. Auch in Finnland oder Schweden gibt es Regionen mit ausgeprägtem Fentanylmissbrauch (3). In den USA konnte gezeigt werden, dass bei 75 Prozent der Opiatabhängigen, die in den letzten Jahren erstmals Kontakt mit dem Suchthilfesystem hatten, der Einstieg durch die Verschreibung von Opioiden erfolgte (4).

Nachdem begonnen wurde, gezielt danach zu suchen – Fentanyl wird als Opioid nicht in den üblichen Drogensuchtests entdeckt –, fiel auf, dass beispielsweise in Bayern immer häufiger Fentanyl an Drogentodesfällen beteiligt war. So ist im Zeitraum von 2008 bis 2013 der Anteil von Drogentoten mit Fentanylnachweis von 16 (6,5 Prozent) auf 69 Fälle (30 Prozent) angestiegen mit innerhalb Bayerns deutlich regionaler Häufung. Dies ist aus Sicht der Behörden auf eine unterschiedliche Handhabung der Verschreibungen zurückzuführen.

Fentanyl wirkt etwa 80-mal stärker als Morphin, ist stark lipophil und wirkt überwiegend an µ-Opiatrezeptoren (5). Neben einer Analgesie führt es dosisabhängig zu reduzierter Wahrnehmungsfähigkeit, Bewusstseinstrübungen bis hin zu Atemdepression und komatösen Zuständen. In Deutschland werden im Rahmen der Schmerztherapie fentanylhaltige Pflaster eingesetzt, die Wirkstoffmengen von 1,4 bis 34,65 mg enthalten und in Größenordnungen von zwölf bis 150 µg/Stunde den Wirkstoff kontinuierlich freigeben. Regulär werden die Pflaster auf die Haut geklebt und verbleiben dort für drei Tage. Auch bei ordnungsgemäßer Verwendung sind nach diesem Zeitraum noch bis zu 70 Prozent des Opioids im Pflaster enthalten (6). Dadurch können selbst bereits benutzte und unachtsam entsorgte Pflaster attraktiv werden, die aus Müllbehältern von Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen entwendet werden. Opioidabhängige zerschneiden die Pflaster, kochen diese auf und injizieren die Lösung. Die kaum kalkulierbare Dosierbarkeit stellt ein großes Problem und damit auch den Hauptrisikofaktor für Drogentodesfälle dar.

Vor der leichtfertigen Verordnung scheinbar sicherer Fentanylpflaster, insbesondere bei chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen kann daher nur gewarnt werden. Um an die gewünschte Verschreibung zu gelangen, werden häufig von Suchtkranken orthopädische Krankheitsbilder angegeben. Geradezu typisch ist die Konstellation: unbekannter Patient, volle Praxis, kurz vor dem Wochenende oder vor Feiertagen. Die Patienten geben an, dass der sonst verordnende Arzt kurzfristig nicht erreichbar sei und nun dringend Fentanylpflaster benötigt werden. Zum Beweis wird oft eine leere Originalpackung vorgelegt.

Um im Rahmen der Opioidtherapie die beiden wichtigsten Ziele, nämlich die adäquate Behandlung von Schmerzpatienten sowie das gleichzeitige Verhindern von Missbrauchsfällen durch Opioidabhängige zu verfolgen, kann die Beachtung der folgenden Punkte hilfreich sein:

  • Vor der Verordnung von Opioiden sollten nach Möglichkeit Vorbefunde herangezogen werden, die auf ein chronisches Schmerzproblem hinweisen.
  • Eine Schweigepflichtsentbindung gegenüber dem sonst behandelnden Arzt, gegenüber der Apotheke, bei der die Rezepte eingelöst werden und der Krankenkasse, um Mehrfachverordnungen von verschiedenen Ärzten auszuschließen.
  • Eine orientierende körperliche Untersuchung muss vor Verordnung eines Opioids erfolgen. Dabei ist auf etwaige Einstichstellen an den typischen Orten, mögliche Operationsnarben und die Plausibilität des Beschwerdebildes zu achten.
  • Werden unbenutzte Pflaster in der Praxis zurückgegeben, so sind diese zu vernichten.

Die Verordnung der kleinstmöglichen Packungseinheit an einen bislang unbekannten Patienten kann dann zu rechtfertigen sein, wenn die Angaben plausibel und zum Erscheinungsbild und Untersuchungsbefund des Patienten passen. Grundsätzlich können auch einzelne Pflaster verschrieben werden (7). Zudem sollte der eigentliche Behandler über die Verordnung im Rahmen der Schweigepflichtsentbindung informiert werden (8).

Dr. med. Beate Erbas

Bayerische Akademie für Sucht- und
Gesundheitsfragen

Prof. Dr. med. Norbert Wodarz

Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg,
Bayerische Akademie für Sucht-
und Gesundheitsfragen

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3814
oder über QR-Code

1.
Schubert I, Ihle P, Sabatowski R: Increase in opiate prescription in Germany between 2000 and 2010 – a study based on insu
rance data. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(4): 45–51. VOLLTEXT
2.
S3-Leitlinie Schmerztherapie: LONTS – Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen; http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/041–003.html [Zugriff am 7. 7. 2014; Gültigkeit der Leit
linie abgelaufen, wird zurzeit überprüft].
3.
European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction: Trendspotter study on fentanyl in Europe. 2012. http://www.emcdda.europa.eu/scientific-studies/2012/trendspotters-report [Zugriff am 7. 7. 2014].
4.
Cicero TJ, Ellis MS, Surratt HS, Kurtz SP: The Changing Face of Heroin Use in the United States. A Retrospective Analysis of the Past 50 Years. JAMA Psychiatry 2014, 71: 821–6. CrossRef MEDLINE
5.
Trescot AM, Datta S, Lee M, Hansen H: Opioid pharmacology. Pain Physician 2008; 11(2 Suppl): 133–53. MEDLINE
6.
Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen: Empfehlungen zur Verordnung von Fentanylpflastern, 2013. http://www.bas-muenchen.de/fileadmin/documents/pdf/Publikationen/Papiere/Emp
fehlungen_Verordnung_Fentanylpflaster_Feb_2013.pdf [Zugriff am 7. 7. 2014].
7.
Pichlmaier P, Abriel M, Drubba S, Gleich S: Betäubungsmittelverschreibungen – Zusammenarbeit von Ärzten und Behörden. MÄA 2014, 11: 11–3.
8.
Unglaub W, Erbas B, Wodarz N: Fentanyl – eine neue „Modedroge“?. Bayer. Ärzteblatt, 2014; 1–2: 46–7.
1.Schubert I, Ihle P, Sabatowski R: Increase in opiate prescription in Germany between 2000 and 2010 – a study based on insu
rance data. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(4): 45–51. VOLLTEXT
2.S3-Leitlinie Schmerztherapie: LONTS – Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen; http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/041–003.html [Zugriff am 7. 7. 2014; Gültigkeit der Leit
linie abgelaufen, wird zurzeit überprüft].
3.European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction: Trendspotter study on fentanyl in Europe. 2012. http://www.emcdda.europa.eu/scientific-studies/2012/trendspotters-report [Zugriff am 7. 7. 2014].
4.Cicero TJ, Ellis MS, Surratt HS, Kurtz SP: The Changing Face of Heroin Use in the United States. A Retrospective Analysis of the Past 50 Years. JAMA Psychiatry 2014, 71: 821–6. CrossRef MEDLINE
5.Trescot AM, Datta S, Lee M, Hansen H: Opioid pharmacology. Pain Physician 2008; 11(2 Suppl): 133–53. MEDLINE
6.Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen: Empfehlungen zur Verordnung von Fentanylpflastern, 2013. http://www.bas-muenchen.de/fileadmin/documents/pdf/Publikationen/Papiere/Emp
fehlungen_Verordnung_Fentanylpflaster_Feb_2013.pdf [Zugriff am 7. 7. 2014].
7.Pichlmaier P, Abriel M, Drubba S, Gleich S: Betäubungsmittelverschreibungen – Zusammenarbeit von Ärzten und Behörden. MÄA 2014, 11: 11–3.
8.Unglaub W, Erbas B, Wodarz N: Fentanyl – eine neue „Modedroge“?. Bayer. Ärzteblatt, 2014; 1–2: 46–7.

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