ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2014Gedenkort T4: Gutes Ende einer (fast) endlosen Geschichte

THEMEN DER ZEIT

Gedenkort T4: Gutes Ende einer (fast) endlosen Geschichte

PP 13, Ausgabe Oktober 2014, Seite 456

Jachertz, Norbert

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An der Berliner Tiergartenstraße 4 wird an die Opfer der NS-„Euthanasie“ erinnert.

Nach jahrelangem Hin und Her ist in Berlin ein Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde der Öffentlichkeit übergeben worden – am Ort der Planungszentrale in der Tiergartenstraße 4. Die Einweihung am 2. September stand zunächst im Zeichen der Politik. Prof. Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin des Bundes, und Klaus Wowereit, der (noch) Regierende Bürgermeister von Berlin, bedauerten nahezu übereinstimmend, dass es allzu lange gedauert habe, bis es zu dem Gedenkort kam, lobten das bürgerschaftliche Engagement Einzelner, verurteilten die Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben und betonten, dass jedes Leben lebenswert sei. Prof. Dr. phil Peter Funke, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), erinnerte an den Anteil der Wissenschaft an der NS-„Euthanasie“. Wowereit wies auf die unheilvolle Tradition des Sozialdarwinismus hin und versicherte: „Unsere Gesellschaft hat mit dieser Tradition radikal gebrochen.“

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Die Tiergartenstraße 4 ist heute großenteils überbaut von der Philharmonie. Vor Hans Scharouns architektonischem Meisterwerk entstand nun unter freiem Himmel ein so schlichter wie auffälliger Ge-denkort: eine lange blaue Glaswand, in der sich der Betrachter spiegelt und durch die er zugleich hindurchblickt; davor, zur einen Seite, ein Informationspult, 33 Meter lang, in das Texte, faksimilierte Dokumente und audiovisuelle Stationen eingelassen sind; zur anderen Seite der blauen Wand eine lang gestreckte Sitzbank, die zum Ausruhen und Nachdenken einlädt. Anlass dazu gibt es genug. Bei der „Aktion T4“ wurden 1940 und 1941 mehr als 70 000 Patienten in Gaskammern umgebracht, zentral geplant und bürokratisch organisiert. Hinzuzurechnen sind die in sogenannten Kinderfachabteilungen ermordeten Kinder sowie, nach Abbruch der zentral geplanten „Euthanasie“, jene Patienten, die dezentral in Heil- und Pflegeanstalten durch Verhungern und Medikamente ermordet wurden. Insgesamt wird heute mit etwa 300 000 „Euthanasie“-Opfern gerechnet. Bedrückend und beschämend: Von der Planung bis zur Tötung waren Ärzte führend und ausführend beteiligt.

Biografien der Opfer

Das Schicksal der Opfer wurde den etwa 600 Teilnehmern an der Einweihung durch zwei Biografien, vorgelesen von Angehörigen, nahegebracht. Auch die Texte auf dem Informationspult stellen auf solche Biografien ab, um den Leidensweg der Patienten aus den Anstalten bis in die Tötungsanstalten auch emotional nachfühlbar zu machen. Dazu tritt die Information über die ideologisch-wissenschaftlichen Hintergründe der „Euthanasie“ (und auch der Zwangssterilisation) sowie die Organisation der Mordaktionen und die Verantwortlichen. Diese saßen nicht nur in der Tiergartenstraße 4, in der arisierten Villa Liebermann, sondern auch in der „Kanzlei des Führers“, im Reichsinnenministerium, im Netz der Heil- und Pflegeanstalten und in den sechs Tötungsanstalten.

Der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe, die die Texte des Gedenk- und Informationsortes entwickelte (siehe Kasten „Architekten, Geldgeber, Verwalter“), ist es gelungen, trotz des relativ beschränkten Raumes anschaulich – auch durch geschickte Visualisierung – und nach dem Stand der Wissenschaft zu informieren. Die Wissenschaftler konnten sich auf die Auswertung tausender von Krankenakten stützen, die Anfang der 1990er Jahre im ehemaligen Stasi-Zentralarchiv aufgetaucht waren. Die Auswertung der Krankengeschichten wie der „Erkenntnistransfer“ zum T4-Gedenkort wurde von der DFG gefördert. Sie hat dafür einen speziellen Grund. DFG-Vizepräsident Funke, Althistoriker aus Münster, sprach ihn bei der Einweihung des T4-Ortes offen an. Die Forschungsgemeinschaft sei nicht etwa von den Nazis gleichgeschaltet worden, sondern habe sich vielmehr wie weite Teile der deutschen Wissenschaft selbst für die Ziele des NS-Staates mobilisiert und dabei auch Forschungen gefördert, die „jeder Ethik und allen Regeln der Menschlichkeit zuwiderliefen“. Angesichts dieser Vergangenheit sehe es die DFG „als eine ihrer Aufgaben an, Forschungen zur Zeit des Nationalsozialismus nicht nur zu unterstützen, sondern auch für eine breite Vermittlung der Forschungsresultate Sorge zu tragen“.

Der Leidensweg der „Euthanasie“-Opfer lässt sich auf dem Informationspult nachverfolgen. Fotos: dpa
Der Leidensweg der „Euthanasie“-Opfer lässt sich auf dem Informationspult nachverfolgen. Fotos: dpa

Der T4-Gedenkort vermittelt nicht nur Geschichte. Er hat selbst bereits eine eigene, ziemlich verwirrende Geschichte (Näheres dazu unter www.sigrid-falkenstein.de und www.gedenkort-t4.eu). Lange wurde über „Euthanasie“ und Zwangssterilisationen und deren Opfer geschwiegen: keine schlagkräftige Lobby, Opfer und Angehörige, die sich schämten, ein peinliches Thema für Ärzte und Wissenschaftler. Auf private Initiative, genannt sei hier stellvertretend der Historiker und Journalist Dr. Götz Aly, fuhr 1987 hinter der Philharmonie ein Berliner Doppeldeckerbus mit einer Ausstellung auf. Auch die Berliner Ärztekammer unterstützte dieses „mobile Museum“. Zwei Jahre später ließen die Initiatoren eine Gedenktafel in den Boden ein. Sie liegt immer noch, ein bisschen unscheinbar, verglichen mit dem nun vollendeten Gedenk- und Informationsort. Für diesen setzte sich seit 2007 der „Runde Tisch“ einer Vielzahl von Initiativgruppen ein, angesiedelt bei der Stiftung „Topografie des Terrors“. Durch „hartnäckiges Engagement“ (Wowereit) gelang es schließlich, die Politik für das Gedenken zu aktivieren. 2011 beschloss nämlich der Deutsche Bundestag, einen zentralen Ort des Gedenkens zu schaffen und mit zu finanzieren. Der T4-Gedenkort stünde allerdings immer noch nicht, hätte nicht die Berliner Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten den Bau vorangetrieben. Es ehrt Wowereit, dass er bei der Einweihung dessen früheren Leiter, André Schmitz, öffentlich dankte. Schmitz hatte Anfang dieses Jahres wegen einer Steueraffäre gehen müssen.

Mit aktuellen Bezügen

Wowereit wie auch Grütters nutzten den öffentlichen Auftritt zu aktuellen Anmerkungen. Berlins Regierender Bürgermeister, der Ende des Jahres zurücktreten will, warb für die Inklusion Behinderter. Etwa zehn Prozent der Deutschen lebten mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung. „Sie haben Anspruch auf Förderung und auf ein gleichberechtigtes Leben inmitten der Gesellschaft“, so Wowereit.

Grütters äußerte sich in einer „ganz persönlichen Bemerkung“ zur Sterbehilfe. Das Gedenken an die Opfer der „Euthanasie“-Morde „sollte uns Heutigen auch eine Warnung davor sein, in aktuellen Diskussionen über das Leid Schwerkranker das Tötungsverbot leichtfertig zur Disposition zu stellen“, erklärte sie unter dem Beifall der Zuhörer. Im schriftlichen Redetext heißt es weiter: „So verständlich das Motiv, einen kranken Menschen von seinen Qualen erlösen zu wollen, im Einzelfall auch sein mag, so unerträglich sind die Folgen für die Humanität einer Gesellschaft. Wo es die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe gibt, entsteht auch die Erwartung, sie in Anspruch zu nehmen, um anderen nicht durch die eigene Hilfsbedürftigkeit zur Last zu fallen.“ Das bleibe nicht ohne Wirkung auf das Wertegefüge und den Charakter einer Gesellschaft, vermerkte Grütters.

Norbert Jachertz

Opfergrab für „Euthanasie“-Täter

Am Tag der Einweihung des T4-Gedenk- und Informationsortes berichtete die „Berliner Zeitung“, dass einer der Organisatoren der NS-Euthanasie, Dr. med. Herbert Linden, auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof in einer Grabanlage für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft beerdigt ist, zusammen mit 448 weiteren Kriegsopfern. Linden war im Reichsinnenministerium für die Heil- und Pflegeanstalten zuständig und führend an der Planung und Durchführung der „Euthanasie“-Morde beteiligt.

Architekten, Geldgeber, Verwalter

Der Gedenk- und Informationsort an der Tiergartenstraße 4 wurde vom Land Berlin nach einem Entwurf von Ursula Wilms, Nikolaus Kolusius und Heinz W. Hallmann realisiert. Der Bund gab dafür 600 000 Euro, das Land Berlin stellte das Grundstück, ließ das Umfeld für 310 000 Euro neu gestalten und sorgte für die Abwicklung.

Die historischen Inhalte entstanden in einem „Erkenntnistransfer-Projekt“, das eine Arbeitsgruppe um die Medizinhistoriker und Psychiater Dr. med. Gerrit Hohendorf (TU München) und Dr. med. Maike Rotzoll (Uni Heidelberg) entwickelte und die DFG mit 300 000 Euro finanzierte. Die Texte liegen auch in „einfacher Sprache“ vor.

Die laufende Verwaltung des Gedenkortes übernimmt die „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“; sie arbeitet mit der „Stiftung Topografie des Terrors“ zusammen.

Unabhängig von dem Berliner „Euthanasie“-Gedenkort entstand die von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde initiierte Wanderausstellung zum Themenkreis Sterilisation und Euthanasie, gleichfalls auch in „einfacher Sprache“.

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