ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2014Private Medical Schools: Wie Pilze aus dem Boden

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Private Medical Schools: Wie Pilze aus dem Boden

Dtsch Arztebl 2014; 111(42): A-1778 / B-1530 / C-1462

Richter-Kuhlmann, Eva

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Ein neues Phänomen taucht in der deutschen Hochschulmedizinlandschaft auf: Medical Schools. Ihre Rolle ist noch unklar.

Foto: dpa
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Eine neue private „Medical School“ ist am Start: 50 Abiturienten studieren seit September Medizin am Nürnberger Standort der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (PMU), die mit dem kommunalen Klinikum Nürnberg kooperiert. Kostenpunkt: 67 500 Euro für fünf Jahre. Sofern erfolgreich, erhalten sie einen österreichischen Studienabschluss. Nach dem EU-Niederlassungsrecht können sie damit in jedem Mitgliedsstaat als Arzt arbeiten.

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Der Andrang ist groß: Etwa 1 000 junge Menschen bewarben sich in diesem Sommer in Nürnberg/Salzburg. Dabei ist die PMU Nürnberg keineswegs die einzige private Medizinische Hochschule, die sich in den letzten Jahren in Deutschland etabliert hat (Kasten). Nahezu wie Pilze schießen sie aus dem Boden, denn die Nachfrage nach den Medizinstudienplätzen, für die ein Einser-Abitur nicht zwingend notwendig ist, ist sehr groß. Die Rolle der privaten Medical Schools in der deutschen Hochschulmedizinlandschaft ist indes umstritten. Können die Modelle helfen, den Ärztemangel in Deutschland zu mindern? Oder lassen sie die Qualität der Ausbildung zum Arzt sinken? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Auch die Gemeinschaft der Medizinischen Fakultäten in Europa (AMSE, Association of Medical Schools in Europe) fragte bei ihrer diesjährigen Tagung im September in Berlin: „Evolution der Medical Schools – Sind wir in Gefahr?“ Dabei wurde deutlich: Es existieren zwar europarechtliche Rahmenbedingungen für eine Berufsanerkennung als Arzt, jedoch keine konkreten Qualitätsvorgaben für die ärztliche Ausbildung.

Die Schulen lassen sich nicht pauschal beurteilen

Problematisch ist, dass sich die humanmedizinischen Studiengänge an staatlichen und privaten Hochschulen teilweise deutlich voneinander unterscheiden können. Bei den hierzulande bereits etablierten privaten Medical Schools sorgen meist deutsche Krankenhäuser für den Praxisteil und einen Teil der Lehre. Eine ausländische Hochschule garantiert unter ihrem universitären Siegel gewöhnlich die Lehre in den Grundlagenfächern und verleiht den akademischen Grad. Das kann mitunter bereits nach fünf Jahren der Fall sein, während hierzulande das Studium nach dem sechsten Jahr, dem praktischen Jahr, abgeschlossen ist.

„Staatenübergreifende medizinische Ausbildungen lassen sich nicht pauschal beurteilen. Derzeit haben wir es jedoch mit einer nahezu unkontrollierten Zunahme von neu gegründeten Medical Schools zu tun, die große Unterschiede aufweisen“, erklärte Prof. Dr. rer. nat. Peter Dieter, amtierender Präsident der AMSE, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Nach Ansicht des deutschen Hochschullehrers müsste eigentlich jede Medical School individuell geprüft werden. „Dazu benötigen wir Standards für die Qualitätssicherung der Ärzteausbildung an den Fakultäten und den ausbildenden Krankenhäusern.“

Ein gemeinsames Qualitätssicherungsverfahren zu erarbeiten, sieht Dieter als eine seiner vordringlichsten Aufgaben als AMSE-Präsident. „Werden diese noch zu definierenden Standards nicht erfüllt, dürfte es nach meiner Ansicht keine automatische Anerkennung der Lizenz als Arzt und keine freie länderübergreifende Berufsausübung geben“, betonte er. Bislang sei das jedoch der Fall. Auch der Dekan des Fachbereichs Medizin an der Universität Frankfurt/Main, Prof. Dr. med. Josef Pfeilschifter, hält das für gefährlich. „Das deutsche Recht wird durch die ausländischen Programme umgangen, wobei der Staat nur zuschaut. In meinen Augen ist das ein Versagen unseres politischen Systems“, sagte er auf dem AMSE-Treffen.

De facto erhalten deutsche Studierende derzeit nach erfolgreichem Studium an einer privaten Medical School die Lizenz zur ärztlichen Berufsausübung des Landes, in dem sie immatrikuliert waren. Nach der Richtlinie 2005/36/EG ist die Ärztin beziehungsweise der Arzt dann berechtigt, in jedem EU-Land zu arbeiten, ohne dass nochmalige Prüfungen notwendig sind. „Im Normalfall wird die deutsche Approbation erteilt“, bestätigte Dieter.

Davon gehen auch die 50 neuen Medizinstudierenden in Nürnberg aus. Die Technische Hochschule Nürnberg übernimmt ihre Ausbildung in den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern. Ein Wechsel nach Salzburg ist für sie nicht vorgesehen. Denn der neue Standort Nürnberg wurde Anfang dieses Jahres per Beschluss der österreichischen Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung (AQ Austria) und durch das österreichische Wissenschaftsministerium offiziell anerkannt. Somit gelten nun auch in Nürnberg die akademischen Vorgaben und Qualitätsstandards der PMU. „Für das Klinikum Nürnberg ist die Kooperation mit Salzburg ein wichtiger Schritt“, sagte Dr. med. Günter Niklewski, Ärztlicher Direktor des Klinikums Nürnberg. Er hofft, auf diese Weise Ärzte ans Haus binden zu können.

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) und der Verband der Universitätsklinika (VUD) haben diesem Studiengang gegenüber starke Vorbehalte. Es mangele an einer fundierten Vorklinik an einer Universität. Zudem würden die klinischen Fächer ohne die für Lehre und Forschung notwendigen Ressourcen gelehrt. „Im Interesse der Patienten und der Studierenden muss die Ausbildung mit gleichwertigen Qualitätsanforderungen an ein wissenschaftliches Universitätsstudium stattfinden“, fordert MFT-Präsident Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer. „Dies für das Studium zu gewährleisten, ist Aufgabe der Wissenschaftsministerien, für die Approbation ist es Aufgabe der Ge­sund­heits­mi­nis­terien“, erklärt Prof. Dr. med. Michael Albrecht, Vorsitzender des VUD.

Beide Organisationen weisen darauf hin, dass aus der Berufsanerkennungsrichtlinie nicht die Pflicht folgt, die Approbation nach § 3 der Bundesärzteordnung unbesehen zu erteilen. Der Ausstellungsstaat sei an die Mindestvoraussetzungen eines Medizinstudiums gebunden. Das Studium an einer Universität bedeute wissenschaftliche Lehre durch qualifizierte Hochschullehrer, ein breites Fächerangebot und eine Forschungsinfrastruktur.

Es gelten die Qualitätskriterien der einzelnen Staaten

Der Vizerektor der PMU, Standort Nürnberg, Prof. Dr. med. Wolfgang Söllner, verweist gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt auf zusätzliche Qualitätsstandards für die Wissenschaftlichkeit der Lehre in Nürnberg: „Das Studium wurde in Anlehnung an das Curriculum der Mayo Medical School in Rochester/USA entwickelt, das durch eine an den Kompetenzen orientierte, fächerübergreifende Lehre und eine Verzahnung von theoretischer und praktischer Lehre geprägt ist“, berichtet er. Alle Studierenden müssten den ersten Teil der Amerikanischen Zulassungsprüfung für Ärzte sowie ein Forschungstrimester absolvieren und eine wissenschaftliche Arbeit anfertigen.

„Was soll falsch daran sein, mehr Mediziner im Land selbst auszubilden?“, fragt Söllner. „Wir stimmen mit unseren Kritikern darin überein, dass das Medizinstudium strengen Qualitätskriterien entsprechen muss. Diese europaweit zu regeln, würden wir begrüßen. Solange es aber keine europaweiten Regelungen gibt, gelten die Qualitätskriterien des jeweiligen Staates, in dem die Universität akkreditiert ist.“

Dass es an der wissenschaftlichen Grundausbildung der Medizinstudierenden an den privaten Medical Schools mangeln könnte, befürchtete auf der AMSE-Tagung auch Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery: „Wir brauchen eine starke, wissenschaftsbasierte Ausbildung. Das heißt, die Universitäten dürfen nicht nur in der Lehre aktiv sein, sondern müssen auch in der Forschung Expertise aufweisen können“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer. „In Deutschland haben alle staatlichen Universitäten einen hohen Standard in Forschung und Lehre – darauf können wir stolz sein. Die privaten Medical Schools sind jedoch häufig weniger gut in der Forschung und der wissenschaftlichen Ausbildung aufgestellt“, erklärte er. In der Konsequenz könne das akademische und wissenschaftliche Know-how der dort ausgebildeten Studierenden reduziert sein.

Prinzipiell begrüßt auch die Bundes­ärzte­kammer die gegenseitige Anerkennung der Berufsabschlüsse innerhalb der Europäischen Union. Montgomery verweist jedoch auf die Mindeststandards, die ein Medizinstudium erfüllen muss, wie eine wissenschaftlich basierte Lehre an einer akademischen Institution mit fundierter Forschung, ein komplettes Fächerspektrum sowie eine Ausbildung durch ordentlich berufene Professoren. „Es gibt derzeit keine formale Überprüfung der Gleichwertigkeit dieser Studiengänge. Die privaten Medical Schools zwingen uns, genauer hinzuschauen.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Studienmodelle/Kooperationen

Asklepios Medical School Hamburg

Bereits seit 2008 kooperieren die privaten Asklepios-Kliniken in Hamburg mit der Semmelweis-Universität in Budapest. Die Studierenden absolvieren dort die Vorklinik. Die klinische Ausbildung findet in Hamburg statt (7 500 Euro pro Semester) und endet mit einem ungarischen Abschluss.

European Medical School Oldenburg-Groningen

Mit Oldenburg und Groningen bieten seit zwei Jahren eine deutsche und eine niederländische staatliche Universität gemeinsam mit regionalen Kliniken ein grenzüberschreitendes Medizinstudium an. 40 Studierende pro Jahrgang schließen mit dem deutschen Staatsexamen ab. Es fallen keine Studiengebühren an.

Kassel School of Medicine

Das kommunale Klinikum Kassel kooperiert seit letztem Jahr mit der University of Southampton, wo die Studierenden die Vorklinik absolvieren. Nach fünf Jahren und der Zahlung von 12 000 Euro jährlich erhalten sie den Bachelor of Medical Science.

Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg, Standort Nürnberg

Das Diplomstudium für Humanmedizin kann seit 2003 in Salzburg und ab sofort auch am Klinikum Nürnberg für etwa 67 500 Euro absolviert werden. Ein Wechsel des Studienortes ist nicht möglich. Die Nürnberger Absolventen erhalten nach fünf Jahren einen österreichischen Abschluss.

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mfreitag
am Montag, 27. Oktober 2014, 15:24

EMS Oldenburg-Groningen ist eine öffentliche und keine private Medical School

Mir ist nicht klar, warum die European Medical School Oldenburg-Groningen im Textkasten dieses Artikels steht. Das erscheint mir irreführend. Hinter der EMS stehen nämlich die staatliche deutsche Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg in Kooperation mit der niederländischen und ebenso staatlichen Universität Groningen:
http://www.uni-oldenburg.de/european-medical-school/

Mit freundlichen Grüßen
Michael Freitag

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