ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2014Medizinische Hilfseinsätze: Wissen, was man tut

THEMEN DER ZEIT

Medizinische Hilfseinsätze: Wissen, was man tut

Dtsch Arztebl 2014; 111(42): A-1802 / B-1547 / C-1479

Neuhann, Florian; Schneider, Gisela; Stich, August

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Die Akademie für Globale Gesundheit und Entwicklung bereitet Helfer auf ihre Einsätze in Krisengebieten vor.

Laborkurs in Tübingen: Angehenden Helferinnen werden Grundlagen für die Diagnostik von Tuberkulose, Malaria und anderen Infektionskrankheiten vermittelt. Foto: AGGE
Laborkurs in Tübingen: Angehenden Helferinnen werden Grundlagen für die Diagnostik von Tuberkulose, Malaria und anderen Infektionskrankheiten vermittelt. Foto: AGGE

Bolpur, Westbengalen: „Shining Eyes“ heißt das Projekt, das Dr. med. Monika Golembiewski in der Region betreibt. Seit 20 Jahren engagiert sich die deutsche Kinderärztin in der Prävention von Tuberkulose, kindlicher Mangelernährung und Schwangerschaftskomplikationen. Seit 2011 können die Kinder in einer eigenen Klinik behandelt werden. Dort werden auch Gesundheitshelfer ausgebildet, die in die Dörfer gehen und nach mangelernährten Kindern oder besonders geschwächten kleinen Tuberkulosepatienten suchen. „Die mangelernährten Kinder stecken sich häufig bei ihren Eltern an und zeigen oft Formen der extrapulmonaren Tuberkulose“, sagt Golembiewski. „Es ist unser Wunsch, die Kinder vor einer Ansteckung zu schützen und sie prophylaktisch zu behandeln, um Komplikationen zu vermeiden.“ Die 14-jährige Maria, bei der aufgrund ihrer Tuberkulose mehrere Wirbelkörper gebrochen waren, kann nach erfolgreicher Operation in der Kinderklinik wieder laufen.

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Golembiewski ist immer auf der Suche nach weiteren Helfern für ihr Projekt: Es fehlen Kinderärzte, Gynäkologen und Kinderkrankenschwestern. Ihre Situation steht stellvertretend für den globalen Mangel an qualifiziertem medizinischem Personal in ressourcenarmen Ländern. Krisen wie die aktuelle Ebola-Epidemie verdeutlichen diese Situation in dramatischer Weise.

Hilfe erfordert Expertise

Der Mangel an Gesundheitspersonal hat vielfältige Ursachen: Sie reichen von einer begrenzten Zahl an Ausbildungsplätzen, über Abwanderung bis hin zur Unzufriedenheit mit Arbeits- und Lebensbedingungen. Immer jedoch führt Personalmangel zur Verschlechterung der Versorgung und erschwert die Arbeit für das vorhandene Personal.

Um diesen Mangel zu kompensieren, sind ausländische Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger und Logistiker gefragt. Sie sorgen für Unterstützung bei der Ausbildung von medizinischem Personal sowie für Hilfe in Kriegs- und Krisensituationen oder bei Naturkatastrophen. Strukturelle Probleme können durch solche Hilfseinsätze zwar nicht gelöst werden, dennoch sind sie als flankierende Maßnahmen oft unabdingbar. Gerade die dramatischen Ausmaße der aktuellen Ebola-Epidemie verdeutlichen jedoch, dass Einsätze von freiwilligen Helfern, ob in akuten Notlagen oder innerhalb langfristiger Kooperationsprojekte, immer eine angemessene fachliche Vorbereitung erfordern.

Fortbildung, Training und Vorbereitungskurse für künftige medizinische Helfer bietet die Akademie für Globale Gesundheit und Entwicklung (AGGE) an. Träger sind drei Institutionen, die auf langjährige Erfahrung in der medizinischen Not- und Entwicklungshilfe zurückgreifen können: das Missionsärztliche Institut Würzburg, das Deutsche Institut für ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen und das Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Zu den Fortbildungsthemen der AGGE gehören neben Tropenmedizin und Public Health auch angepasste Technologien sowie Laborkurse zur Diagnostik von Tuberkulose, Malaria und anderen Infektionskrankheiten.

Traditionell beim Difäm in Tübingen angesiedelt ist ein vierwöchiger Vorbereitungskurs „Public Health und Tropenmedizin“, in dem die Teilnehmer neben HIV und tropenmedizinischen Krankheitsbildern wie Parasitosen und Dengue-Fieber auch die Grundlagen des Projektmanagements kennenlernen. Dabei lernen sie vor allem auch voneinander: Einige Teilnehmer waren bereits im Auslandseinsatz und frischen ihr Wissen auf, andere bereiten sich auf den ersten Einsatz vor.

Wer weniger Zeit hat, kann in Würzburg beim Missionsärztlichen Institut das „Grundlagenseminar“ besuchen, das in die Tropenmedizin einführt und auf Kurzzeiteinsätze vorbereitet. Weitere Kurzseminare, die angeboten werden, betreffen die Kindergesundheit oder partizipative Projektplanung. Daneben werden aber auch Themen aufgegriffen, mit denen vor allem in Armutsregionen tätige Ärzte konfrontiert werden: Der Kurs „Wo es keinen Zahnarzt gibt“ führt beispielsweise Nicht-Zahnärzte in die Grundlagen der Zahnheilkunde ein (März 2015).

Wer sich längerfristig in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren will, kann an der Universität Heidelberg ein- bis zweiwöchige Kurse zu Themen wie „Public
Health Anthropology“, „Disease Control“ oder „Climate Change and Health“ belegen. Hilfsorganisationen können bei der AGGE aber auch Kurse buchen, die auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Als Arzt Zähne behandeln

Das Fortbildungsangebot der AGGE richtet sich in erster Linie an Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachkräfte. Es steht aber auch anderen Berufsgruppen offen, die einen ersten Auslandseinsatz im Gesundheitssektor planen oder sich weiterbilden wollen. Allgemeinärzte erhalten zum Beispiel eine Einführung in die Tropenmedizin und lernen praxisorientiert die Krankheitsbilder sowie diagnostische und therapeutische Möglichkeiten kennen. Die Universität Heidelberg vermittelt organisatorische Fähigkeiten sowie Hintergrundwissen, ohne das eine effektive Entwicklungszusammenarbeit oder Nothilfe nicht gelingen kann: Wie sind die betroffenen Gesundheitssysteme organisiert? Wie organisiert man Krankheitskontrollprogramme? Welchen Einfluss haben kulturelle Aspekte auf die Betrachtungsweise von Krankheiten?

Zentrales Thema: Ebola

Auch Medizinstudierende können bei der AGGE einen Einstieg in die internationale Gesundheitsarbeit finden. In Würzburg wird jährlich eine Sommerakademie zum Thema „Globale Gesundheit und Tropenmedizin“ veranstaltet, in Heidelberg gibt es Vorbereitungswochenenden für Auslandsfamulaturen.

Zentrales Thema der Fortbildung am Missionsärztlichen Institut Würzburg ist zurzeit Ebola (www.ebolatraining.org). Der Bedarf an Schulungen und Fortbildungen für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die in den von der Epidemie betroffenen Regionen Westafrikas eingesetzt werden sollen, ist enorm. Vermittelt werden Grundlagen der Hygiene, das Barrierenmanagement sowie der Aufbau von Isoliereinheiten. Aber auch das An- und Ausziehen der Schutzkleidung muss geübt werden. Im Trainingszentrum in Würzburg kann unter Realbedingungen die Versorgung von Ebola-Patienten geprobt werden.

Dr. med. Florian Neuhann,
Institut für Public Health, Universität Heidelberg

Dr. med. Gisela Schneider, Difäm

Prof. Dr. med. August Stich,
Missionsärztliches Institut Würzburg

Fortbildung

Fortbildung, Training und Vorbereitungskurse für Einsätze in der medizinischen Not- und Entwicklungshilfe bietet die Akademie für Globale Gesundheit und Entwicklung (AGGE) an. Träger sind das Missionsärztliche Institut Würzburg, das Deutsche Institut für Ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen und das Institut für Public Health an der Universität Heidelberg. Das Fortbildungsangebot richtet sich in erster Linie an Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachkräfte. Auch Hilfsorganisationen können bei der AGGE Seminare buchen, die auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Kursprogramm und Anmeldung unter www.agge-akademie.de, Ansprechpartnerin ist Silvia Golembiewski, Telefon: 07071 7049024, E-Mail: golembiewski@difaem.de

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