ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2014Von schräg unten: Falsche Diagnose

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Falsche Diagnose

Dtsch Arztebl 2014; 111(42): [49]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf vermuten, dass es Ihnen in Ihrem täglichen Kampf um Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensverlängerung nicht anders geht als mir: Unsere Schutzbefohlenen wissen unser Können nicht wirklich zu würdigen. Eine riskante Operation glückt unter schwierigsten Bedingungen, der Gerettete beklagt sich nachher über’s Essen. Eine vertrackte Intervention befreit von schwerster Angina und drohendem Infarkt, gemäkelt wird über den Bluterguss in der Leiste. Viel, viel zu selten dürfen wir unsere Kunst denjenigen zeigen, die es zu würdigen wissen, dürfen wir dabei aufblühen wie der grampositive Erreger auf der Agarplatte.

Heute habe ich so ein großes Glück, ein Controller einer großen Klinik lässt sich von meiner Wenigkeit untersuchen. Platzend vor Stolz wie ein überinflatierter Dilatationsballon zeige ich ihm sein Herz auf dem Bildschirm, beschreibe das Spiel der Segelklappen, die kraftvolle Kontraktion der Kammermuskulatur. Er ist nicht beeindruckt. Ich zeige ihm die Flüsse über den Klappen, bestimme die Geschwindigkeiten, errechne die Herzzeitvolumina. Er ist immer noch nicht beeindruckt. Ich lege Speck an meine Performance mit speckle tracking, aber er ist immer noch gelangweilt.

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Jetzt reicht’s mir. Aber Vorsicht, so rufe ich, man muss diese Technik auch beherrschen! Sehen Sie hier, wenn ich in der kurzen Achse die Hinterwand zu nahe am Mitralklappenring anschalle, sieht es aus wie ein alter Hinterwandinfarkt! Er guckt interessiert. Ich gerate in Fahrt. Wenn ich den Ventrikel schräg anlote, habe ich im M-Mode eine klassische dilatative Kardiomyopathie! Er ist fasziniert, ich nicht mehr zu stoppen. Die Aortenklappe! Falsch angeschallt, schon meint man, sie sei von einer Endokarditis okkupiert! Er ist begeistert, ich außer Rand und Band. Hier! Das sieht doch aus wie eine Non-Compaction! Und das hier ist von einem Ventrikelthrombus kaum zu unterscheiden! Die Mitralklappe hat einen deutlichen Prolaps! Der rechte Ventrikel eine arrhythmogene Dysplasie! Der Kollege ist restlos begeistert, förmlich hin und weg.

„Herr Kollege Böhmeke, Sie sind ja unglaublich talentiert! Wissen Sie was: Wir müssen uns zusammentun!“ Wie – ich mit Ihnen? „Ja, Sie mit mir! Was glauben Sie denn, was wir in der Klinik mit Ihren wunderbaren Diagnosen alles anfangen können! Denken Sie doch nur an all die DRGs, die damit ausgelöst werden!“ Ach nee, lassen Sie mal, das geht doch nicht. Ich schummel’ doch nicht, ich bin doch ein ehrlicher Kardiologe. Obwohl – wenn ich bedenke, dass ich für die extensive Behandlung von real existierenden Kardiomyopathien, der mühsamen Diagnostik von Gefäßstenosen, den riskanten und vollkommen wahrheitsgetreuen Dilatationen budgetmäßig von der kassenärztlichen Vereinigung immer nur abgestraft werde – wissen Sie was: Wir sollten das mal bei einem Glas Wein ganz in Ruhe unter uns besprechen!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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