ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2014Genanalysen in der Schwangerenvorsorge: Keine Zeit zum Nachdenken

MEDIZINREPORT

Genanalysen in der Schwangerenvorsorge: Keine Zeit zum Nachdenken

Dtsch Arztebl 2014; 111(42): A-1806 / B-1550 / C-1482

Feyerabend, Erika; Huster-Sinemillioglu, Antje

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Molekulargenetische Pränataldiagnostik-Tests boomen. Doch sowohl die medizinisch-fachliche wie auch die ethische Bewertung nichtinvasiver Gentests hinken der Marktdynamik hinterher. Ein Diskussionsbeitrag

Gynäkologische Praxen erleben derzeit eine starke Bewerbung eines neuen molekulargenetischen Pränataldiagnostik-Tests aus mütterlichem Blut (PraenaTest® express). Das Ergebnis soll nach Aussagen der Herstellerfirma Lifecodexx bereits nach einer Woche vorliegen und mit hoher Sicherheit (circa 98 Prozent) „die fetalen Trisomien 13, 18 und 21 aus dem mütterlichen Blut von Frauen mit Risikoschwangerschaften ab der SSW 9+0“ erkennen lassen“. Die versprochenen Vorteile: „Belastende Wartezeiten“ werden von vormals zwei Wochen „auf ein Minimum reduziert“, die Ergebnisse liegen früher vor und seien wesentlich sicherer als beim Ersttrimester-Screening. Nach wie vor soll ein positives Ergebnis durch eine invasive Untersuchung, meist Amniozentese, abgeklärt werden.

Abbildung: Fotolia/Spectral-Design
Abbildung: Fotolia/Spectral-Design

Potenzial zum Screening

Als die erste Generation des nicht-invasiven Bluttests für Debatten sorgte, war der zeitliche Rahmen noch deutlich weiter gesteckt: Zwei Wochen nach der Blutentnahme und möglichst erst nach der 12. SSW sollten die Testergebnisse zu Trisomien und fetalem Geschlecht mit gesetzlich vorgeschriebener, humangenetischer Beratung vorliegen und mitgeteilt werden. So bestand ursprünglich nicht die Gefahr, dass ein Entschluss zum Schwangerschaftsabbruch innerhalb der Frist von zwölf Wochen (in der die Beratungsregelung gilt) ohne Abwarten einer Abklärung gefällt werden konnte. Der neue, schnellere Test hat technologisch das Potenzial, ein Screening zu werden – ohne Umwege über das Ersttrimester-Screening oder eine Amniozentese.

Mittlerweile bieten Konkurrenz-Unternehmen wie Amedes/Natera (Panorama-Test) und Ariosa (Harmony-Test) ähnliche Analysen – durchgeführt in den USA – billiger und ab der 9. beziehungsweise 10. SSW an. Das chinesische Bejing Genomic Institute drängt mit noch preisgünstigeren Angeboten auf den europäischen Markt. Die Ausweitung auf weitere genetisch erkennbare, numerische und subchromosomale Abweichungen ist bereits erfolgt oder wird in naher Zukunft erwartet. Die Ausweitung auf Frauen, die keinem „Hochrisiko-Kollektiv“ angehören, ist international im Gange.

Die Entwicklung ist atemberaubend und bereitet Sorgen. Denn im Raum steht die Frage, ob sich die hohen Erkennungsraten in großen und firmenunabhängigen Studien bestätigen werden. Sachverständige beim Deutschen Ethikrat schätzten, dass sich zwei Drittel der positiven Testergebnisse als falschpositiv erweisen könnten, wenn die Verfahren bei Frauen ohne hohe Risiken angewandt werden. Die Aussicht auf weniger Spätabbrüche, für Frauen schonendere Diagnoseverfahren und sinkende Amniozentese-Raten klingt begrüßenswert. Doch sowohl die medizinisch-fachliche wie auch die ethische Bewertung nichtinvasiver Gentests hinken jener Marktdynamik hinterher, die im Wesentlichen von den Herstellern und großen Laborunternehmen bestimmt wird. So fehlen derzeit:

  • valide Zahlen über die Inanspruchnahmen der Bluttests ohne auffälliges Ersttrimester-Screening, über deshalb sinkende Raten an Amniozentesen und Spätabbrüchen
  • eine Klärung, ob und inwieweit Gynäkolog(inn)en aktiv über die Testverfahren aufklären müssen und wie sie das im Praxisalltag bewältigen können
  • Zulassungsregeln für solche Medizinprodukte, an die viel strengere Qualitätsanforderungen gestellt werden müssten
  • verlässliche Informationen über die Beratungspraxis und -qualität.

Das ganze Dilemma von IGeL- Leistungen, wunscherfüllender Medizin, Werbung und Kaufanreizen im Internet sowie Privatisierungstendenzen im öffentlich finanzierten Gesundheitswesen tritt hier offen zutage. In der pränatalen Diagnostik steht viel auf dem Spiel. Wo liegt die Grenze zwischen dem Anspruch auf einen individuell erträglicheren Schwangerschaftsabbruch und der Praxis einer flächendeckenden Selektion von Ungeborenen mit Trisomien, anderen genetisch erkennbaren Auffälligkeiten oder mit dem unerwünschten Geschlecht?

Unkontrollierter Absatzmarkt

Wann droht die ärztliche Begleitung der Schwangeren von Risikoermittlungen und technologisch erzeugter, individueller Verunsicherung dominiert zu werden? Wie ist die gesellschaftlich begrüßte Inklusion von Menschen mit Behinderungen angesichts der – auch pränataldiagnostisch bedingten – Leistungsansprüche an Kinder zu wahren und zu fördern?

Einfache Antworten gibt es hier nicht, weder innerhalb noch außerhalb der Arztpraxen. Eines aber ist sicher: Es kann und darf nicht sein, dass Privatunternehmen die Schwangerenvorsorge in einen Absatzmarkt verwandeln, der politisch und berufsrechtlich weitgehend unkontrolliert und so beschleunigt ist, dass keine Zeit zum Nachdenken bleibt.

Erika Feyerabend

Dr. med. Antje Huster-Sinemillioglu

Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin,

Psychotherapie und Gesellschaft e.V.

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Avatar #557711
Rowik
am Mittwoch, 22. Oktober 2014, 11:47

Danke für einen hervorragenden, dringend notwendigen Artikel!

Ein hervorragender und dringend notwendiger Artikel! Von der Überschrift über den ganzen Text hinweg sehr treffend beschrieben. Täte es nicht Not, all diese Fragen in unseren Fachkreisen zu diskutieren? Nicht einmal in den gynäkologischen Fachkreisen wird dieses gerade dort so drängende Thema auch nur ansatzweise adäquat angenommen und thematisiert! Es verbleibt nicht nur kaum Zeit zum Nachdenken- man möchte vermuten, daß es auch am Willen, vielleicht sogar an der Fähigkeit zum Nachdenken mangelt...

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