ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2014Medizingeschichte: Der medikalisierte Krieg

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Medizingeschichte: Der medikalisierte Krieg

Dtsch Arztebl 2014; 111(42): A-1816

Krödel, Arndt

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Erst relativ spät hat sich die medizinhistorische Forschung in Deutschland mit dem Ersten Weltkrieg befasst – die Rolle der Medizin in der NS-Zeit war und ist noch der dominierende Gegenstand. Umso bedeutsamer ist die jüngst vorgelegte Studie des Heidelberger Medizinhistorikers Wolfgang U. Eckart, die sich nicht als militärmedizinische Untersuchung versteht, sondern in viel umfassenderem Sinne Perspektiven einer Medizin als Sozial- und Erfahrungsgeschichte des Kriegs entfaltet. Der Autor wertete dabei einen reichen Fundus von Quellen aus, die vielfach erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Allein auf deutscher Seite waren zwischen 1914 und 1918 durchschnittlich etwa 20 000 Ärzte unmittelbar im Kriegsdienst eingesetzt. Eckart spricht von der „ersten durch und durch medikalisierten kriegerischen Auseinandersetzung“. Das Selbstverständnis der Mehrheit der deutschen Ärzte war von überwältigender Bejahung des Weltkriegs geprägt. Ethische Erwägungen blieben aufgrund einer von der deutschen Ärzteschaft bewusst organisierten und betriebenen Funktionalisierung der Medizin im radikalen Sinne der Kriegspolitik auf der Strecke.

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So war der pazifistische Arzt Georg Friedrich Nicolai mit seinem berühmten Ausspruch „Für den Arzt existiert kein Krieg, oder braucht wenigstens kein Krieg zu existieren“ wohl eher ein einsamer Rufer in der Wüste. Dass der Krieg auch die Zivilgesellschaft in der Heimat betraf, wo Frauen in der Transport- und Rüstungsindustrie ihre Gesundheit ruinierten, dass er ein Heer von Invaliden hinterließ und seine medizinisch-politischen Dimensionen sich auch auf fernen Schauplätzen wie in Afrika zeigten, sind weitere Themen dieses flüssig zu lesenden, außerordentlich erkenntnisreichen und empfehlenswerten Buches. Arndt Krödel

Wolfgang U. Eckart: Medizin und Krieg. Deutschland 1914–1924. Schöningh, Paderborn 2014, 564 Seiten, gebunden, 49,90 Euro

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