ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 2/2014Nationaler Diabetesplan: Den Absichtserklärungen müssen nun Taten folgen

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Nationaler Diabetesplan: Den Absichtserklärungen müssen nun Taten folgen

Dtsch Arztebl 2014; 111(43): [18]

Siegel, Erhard

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Ein Bundespräventionsgesetz, das gemäß Koalitionsvertrag noch Ende 2014 verabschiedet werden soll, kann nach Ansicht des Autors einen nationalen Diabetesplan keinesfalls ersetzen.

Foto: Fotolia/vege
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Für einen nationalen Diabetesplan stehen derzeit – national wie international – alle Ampeln auf „grün“. Nur eine bundesweite Strategie ist eine adäquate Antwort auf die weiter wachsende Diabetesprävalenz, die hohe Dunkelziffer der undiagnostizierten Fälle und die dringend notwendigen Verbesserungen an den Schnittstellen der Versorgungsstrukturen. Deshalb hat der Bundesrat Mitte Juli der Bundesregierung empfohlen, sowohl ein Bundespräventionsgesetz als auch einen nationalen Diabetesplan auf den Weg zu bringen sowie zusätzlich Maßnahmen zur Reduktion des Zuckergehaltes zu integrieren, insbesondere im Hinblick auf Produkte für Kleinkinder.

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Meilenstein: Bundesratsinitiative

Dieses klare Plädoyer aus den Ländern ist in der Geschichte der deutschen Diabetologie ein historischer Meilenstein: Nie waren wir einem nationalen Diabetesplan näher. Vorangegangen waren viele Gespräche in allen Bundesländern, die Bildung von Diabetesbeiräten in vielen Gesundheits- und Sozialministerien der Länder sowie Unterstützungsbriefe der vielen Organisationen (siehe Fußnote). Dennoch: Entschließungen des Bundesrates sind zwar ein starkes politisches Signal und deuten auf ein von der Bundesregierung vernachlässigtes Politikfeld hin – sie haben aber keine rechtsverbindliche Wirkung. Also alles umsonst? Nein, denn die Politik ist sensibilisiert und aufgerüttelt worden.

Ein Bundespräventionsgesetz soll gemäß Koalitionsvertrag noch Ende 2014 verabschiedet werden. Hier kommt es darauf an, Diabetes prioritär neu zu verankern, denn es gilt nach wie vor: Nur wenn es langfristig gelingt, die Neuerkrankungen zu stoppen, wird eine qualitativ hochwertige Therapie für die Erkrankten auf Dauer bezahlbar sein.

Das neue Präventionsgesetz muss den notwendigen Paradigmenwechsel gemäß den Empfehlungen der Vereinten Nationen (UN) und der WHO umsetzen: eine ressortübergreifende Ausrichtung mit primärpräventiven Maßnahmen außerhalb des Gesundheitssystems und Fokussierung auf die gemeinsamen Risikofaktoren der wichtigsten chronischen Krankheiten: ungesunde Lebensmittel, Bewegungsmangel, Tabakkonsum sowie schädlicher Alkoholkonsum. Von diesem Konzept sollen alle lebensstil-mitbedingten Erkrankungen profitieren. Klar ist jetzt aber auch, dass ein Bundespräventionsgesetz einen nationalen Diabetesplan keinesfalls ersetzen kann. Denn Deutschland benötigt nicht nur eine funktionierende Früherkennung, sondern auch eine optimierte medizinische Versorgung für die Spätstadien der Stoffwechselerkrankung.

Die sektorenübergreifende Schnittstellenproblematik ist immer noch ungelöst, insbesondere zwischen den Versorgungsebenen Hausarzt – Facharzt, ambulant zu stationär sowie ärztlicher Bereich und Pflege. Das führt zu Informationsverlusten entlang der Versorgungskette, zu Reibungsverlusten zwischen den Ebenen, zu unnötigen Kosten – und ist nicht patientenzentriert. Es bedarf des Aufbaus einer Versorgung, die es ermöglicht, ältere Menschen (mit hohem Chronikeranteil) gut zu versorgen. Hierzu wird ein bundesweites, verpflichtendes Regelwerk benötigt, das klare Verantwortlichkeiten festlegt.

Dazu gibt es bereits fertige integrierte Versorgungsmodelle. So haben der Hausärzteverband (HÄV), der Bundesverband der Niedergelassenen Diabetologen (BVND), der Bundesverband der Diabetologen an Kliniken (BVDK) sich bereits auf ein solches geeinigt: Die Versorgungslandschaft Diabetes ist ein hausarztzentriertes, flächendeckendes, patientenzentriertes und sektorenübergreifendes Versorgungsmodell, das aufzeigt, dass man auch ohne Sektorengrenzen arbeiten könnte – leider liegt es in der Schublade, weil der politische Impuls von den Kostenträgern zur Implementierung fehlt.

Dringend benötigt wird – analog zum Krebsregister – ein Diabetesregister, denn es fehlen belastbare bundesweite Daten, die die Versorgungsrealität abbilden und eine verlässliche Basis für politische Nachsteuerungen liefern. Ein reines nationales Diabetesüberwachungssystem (Diabetes-Surveillance) reicht nicht aus, weil dann Daten zur Versorgung, Therapie, Ursachen und Mortalität fehlen.

Die Zahl der akademischen Lehrstühle in der Diabetologie darf nicht weiter abnehmen! Es braucht mindestens in jedem Bundesland einen diabetologischen Lehrstuhl, um den Bedarf an gut ausgebildeten Ärzten in diesem Fachbereich zu decken. Fehlt die akademische Verankerung, dürfte es schwierig werden, die Versorgung nachhaltig zu verbessern oder Projekte zur Versorgungsforschung aufzulegen. Die Vernetzung von Grundlagen- und klinischer Forschung ist nicht gewährleistet.

Chronische Krankheiten sind in Europa heute schon verantwortlich für 77 Prozent der Krankheitslast und 86 Prozent der Gesundheitsausgaben. Sie sind damit längst Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung und die Harmonisierung unter den Mitgliedstaaten. Dabei sind sie zu mehr als 60 Prozent durch gesündere Lebensstile vermeid- oder verzögerbar. Rückenwind für nationale Diabetespläne kommt daher auch von der Europäischen Union: 2012 fand das erste „European Diabetes Leadership Forum“ in Kopenhagen statt. Mit der „Copenhagen Roadmap“ wurde eine Empfehlung zur Ausgestaltung nationaler Diabetespläne in Europa entwickelt. Ebenfalls 2012 verabschiedete das EU-Parlament die „Diabetes Resolution“, in der die Nationen aufgefordert werden, nationale Diabetespläne umzusetzen.

2013 beschloss die EU-Kommission eine „Joint Action Diabetes“, an der auch Deutschland beteiligt ist. Diabetes wird hier als Modellkrankheit für Multimorbidität angesehen. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt (2014 bis 2016) und hat zum Ziel, den Austausch guter Praxis innerhalb der EU-Länder zu fördern, eine Blaupause für nationale Diabetespläne zu entwickeln und die Implementation in den Mitgliedstaaten aktiv zu fördern. Im Frühjahr 2014 fand der erste „European Summit noncommunicable diseases“ in Brüssel statt, hier haben sich Vertreter des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums noch gegen krankheitsbezogene nationale Pläne ausgesprochen – und stolz den Krebsplan präsentiert.

Internationaler Rückenwind

Die Bundesregierung hat sich jedoch 2011 zu der Politischen Deklaration des 1. UN-Gipfels zur Prävention und Kontrolle der nichtübertragbaren Krankheiten bekannt. Sie trägt damit das globale Ziel mit, vorzeitige Todesfälle durch chronische Krankheiten bis 2025 um 25 Prozent zu senken. 2011/2012 hat die WHO zur Umsetzung der Politischen Deklaration auf nationaler Ebene einen Globalen Monitoringplan und 2013 einen Globalen Aktionsplan 2013 bis 2020 gegen nichtübertragbare Krankheiten entwickelt. Die Bundesregierung hat auch diesen Rahmenwerken per Selbstverpflichtung zugestimmt. Sie trägt damit auch die dort formulierten Teilziele und Messgrößen (Indikatoren) zur Fortschrittsmessung mit, darunter das erste globale Ziel zu Adipositas und Diabetes: „Halt the rise in obesity and diabetes!“

Es ist daher höchste Zeit, dass Deutschland seinen politischen Absichtserklärungen Taten folgen lässt. Zur UN-Fortschrittskonferenz im Juli 2014 mit dem Titel: Globale Fortschritte – nationale Maßnahmen: „Von der Absichtserklärung zur Umsetzung“, war das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium nicht einmal anwesend. Gleichwohl wurde auch dieses Abschlussdokument von Deutschland ratifiziert. Die Zustimmung beinhaltet:

  • bis 2015 nationale Ziele gemäß des globalen Aktionsplans festzulegen,
  • die strategische Verantwortung für die Realisierung von Fortschritten gemäß der Zielsetzung und die Verantwortung für die Koordinierung mit anderen Ressorts im Sinne kohärenter politischer Strategien im Ge­sund­heits­mi­nis­terium zu verankern und
  • bis 2016 dafür Sorge zu tragen, dass Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten reduziert und gesundheitsförderliche Umweltbedingungen geschaffen werden.

Damit hat sich Deutschland verpflichtet, Interventionen und Investitionen zur Bekämpfung des Diabetes zu optimieren. Dann mal los . . .

Priv.-Doz. Dr. med. Erhard Siegel

Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft,
St. Josefskrankenhaus Heidelberg

Dachorganisation diabetesDE (Deutsche Diabetes-Hilfe mit regionalen Dreierteams aus je einem Vertreter der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), des Verbandes der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe (VDBD) und der bundesweiten Patientenorganisation Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes [DDH-M]) – und nicht zu vergessen die politische „Grass-Roots“-Kampagne „Diabetes STOPPEN – jetzt!“, die bereits 2013 in fünf Monaten über 200 Bundestagsabgeordnete (also etwa ein Drittel) erreicht hatte.

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