ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2014Franz Oppenheimer: Misstrauen gegen Monopole und Kartelle

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Franz Oppenheimer: Misstrauen gegen Monopole und Kartelle

Dtsch Arztebl 2014; 111(43): A-1870 / B-1600 / C-1530

Goddemeier, Christof

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Vor 150 Jahren wurde der Arzt und Ökonom geboren.

Ludwig Erhard, erster Wirtschaftsminister und zweiter Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, saß in seinem Bonner Amtszimmer unter einem Porträt seines „Lehrers“ Franz Oppenheimer. Doch wird die von Erhard und anderen betriebene Popularisierung Oppenheimers als „Kronzeuge“ der „sozialen Marktwirtschaft“ dessen Denken und Werk gerecht?

Der liberale Sozialismus, wie ihn Franz Oppenheimer verstand, wendet sich sowohl gegen den Kapitalismus als auch den Kommunismus. Seine Utopie eines Gemeineigentums an Grund und Boden wollte er in Palästina verwirklichen. Illustration: Elke R. Steiner
Der liberale Sozialismus, wie ihn Franz Oppenheimer verstand, wendet sich sowohl gegen den Kapitalismus als auch den Kommunismus. Seine Utopie eines Gemeineigentums an Grund und Boden wollte er in Palästina verwirklichen. Illustration: Elke R. Steiner
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Geboren 1864 in Berlin als Sohn einer Lehrerin und eines Rabbiners, studiert Oppenheimer in Freiburg Medizin und promoviert beim späteren Nobelpreisträger Paul Ehrlich in Berlin. Während seiner Tätigkeit als praktischer Arzt in Berlins Armenvierteln wird er täglich Zeuge großer wirtschaftlicher Not. Oppenheimer wendet sich der Sozialökonomie zu und geht den Ursachen des Elends wissenschaftlich auf den Grund. Gleichzeitig sucht er nach Wegen, die Missstände zu beheben. Er beteiligt sich an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und schreibt in Kiel eine zweite Dissertation über den Ökonomen David Ricardo. Ab 1919 ist Oppenheimer Professor für Nationalökonomie und Soziologie in Frankfurt am Main.

Liberaler Sozialismus, wie Oppenheimer ihn versteht, verteidigt die Marktwirtschaft, doch mit gewichtigen Einschränkungen. Liberale Sozialisten versuchten zu belegen, dass für die kapitalistischen Verwerfungen der Gesellschaft gerade nicht der Marktmechanismus, sondern das „Gewalteigentum“ verantwortlich sei. Der österreichische Ökonom Theodor Hertzka sah im Gewalteigentum vor allem das Eigentum an Boden. Inspiriert von Hertzkas utopischer Reportage „Freiland“, formuliert Oppenheimer seine Position gegen „Gewalteigentum“ und „Bodensperre“ in den kapitalistischen Ländern: Wo Großgrundbesitzer das Land unter sich aufteilen und die Bauern verdrängen, müssen diese sich fortan als Lohnarbeiter durchschlagen, und ihrer Ausbeutung sind keine Grenzen mehr gesetzt.

Zwar bezeichnet Oppenheimer sich wiederholt als „ehrfurchtsvolle[n] Schüler“ von Karl Marx, gar als „Marxist“. Doch letztlich verwirft er dessen „proletarische Lehre“ und die auf ihr gegründete Sozialdemokratie. Der von Oppenheimer vertretene „Dritte Weg“ wendet sich sowohl gegen den „Kapitalismus“ als auch gegen jede Art von „Kollektivismus“. Beide sind ihm zufolge unvernünftige Abweichungen von der menschlichen Natur. Die Lösung sieht Oppenheimer im Gemeineigentum an Grund und Boden („Die Siedlungsgenossenschaft“ 1896): Abschaffung des Großgrundbesitzes stellt die „Reziprozität“ gesellschaftlicher Beziehungen wieder her und bietet die Möglichkeit zu „fairer Konkurrenz“.

1911 gründet man in Palästina nach Plänen Oppenheimers eine Genossenschaft. Doch „Merhawia“ endet ihm zufolge – abweichend von seinen Plänen – als „kommunistisches Experiment“. Im heute vergessenen Roman „Sprung über ein Jahrhundert“ (1935) gibt Oppenheimer unter dem Pseudonym Francis D. Pelton seiner Utopie eine literarische Form. 1938 nehmen die Nationalsozialisten ihm seinen Pass weg. Oppenheimer emigriert über Japan und Shanghai in die USA, wo er 1943 stirbt.

Ludwig Erhard lernte von Franz Oppenheimer den Glauben an die regulierende Kraft eines friedlichen Wettbewerbs, das Misstrauen gegen Monopole und Kartelle und ein Verständnis für soziale Probleme. Doch ein Jünger seines Meisters war er nicht. Dazu sind seine Ideen der Gestaltung moderner Gesellschaften und die letztlich antipolitische Utopie Oppenheimers zu verschieden.

Christof Goddemeier

Haselbach D: Franz Oppenheimer. Leverkusen 1985.

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