ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2014Überlebende kindlicher Krebserkrankungen: Gebrechlich wie Senioren

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Überlebende kindlicher Krebserkrankungen: Gebrechlich wie Senioren

Gulden, Josef

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Langzeitüberlebende kindlicher Krebserkrankungen weisen höhere Morbidität und Mortalität und schlechtere Lebensqualität auf als Gleichaltrige, die keine Krebserkrankung hinter sich haben. Kinderonkologen konnten nun zeigen, dass das offenbar auf vorzeitiger Alterung beruht.

Der Phänotyp Gebrechlichkeit – normalerweise vor allem bei Älteren beobachtet – ist durch eine Gruppe von fünf körperlichen Defiziten charakterisiert: Geringe Muskelmasse, selbstberichtete Erschöpfungssymptomatik, geringer Energieverbrauch, niedrige Gehgeschwindigkeit und Schwäche. Liegen zwei dieser Symptome vor, spricht man von grenzwertiger („prefrailty“), bei mindestens dreien von manifester Gebrechlichkeit. Kollegen vom St. Jude Children´s Research Hospital in Memphis, Tennessee, überblicken mit nahezu 3 000 seit 1962 behandelten Patienten eine der größten Kohorten von Überlebenden kindlicher Krebserkrankungen weltweit, die regelmäßig nachuntersucht wird. 1 922 von ihnen im Alter von mindestens 18 Jahren hatten ihre Therapie bis 2003 abgeschlossen, haben also ihre Krebserkrankung mittlerweile mindestens zehn Jahre überlebt.

Prozentsatz der Überlebenden mit Gebrechlichkeit (drei oder mehrere Komponenten) oder grenzwertiger Gebrechlichkeit
Grafik
Prozentsatz der Überlebenden mit Gebrechlichkeit (drei oder mehrere Komponenten) oder grenzwertiger Gebrechlichkeit

31,5 % der Frauen in dieser Kohorte und 12,9 % der Männer leiden an „prefrailty“, 13,1 % bzw. 2,7 % an manifester Gebrechlichkeit. In einer Vergleichskohorte von 341 Individuen ohne Krebsanamnese, die allerdings im Mittel viereinhalb Jahre jünger waren, fand sich bei 7,8 % der Frauen und bei 4,6 % der Männer „prefrailty“, manifeste Gebrechlichkeit überhaupt nicht. Am häufigsten mit „prefrailty“ und Gebrechlichkeit assoziiert waren Hirntumoren (41,2 %), Weichteilsarkome (39,4 %) und andere solide Tumoren (38,7 %), bei Leukämien, Lymphomen und Knochentumoren lag der Anteil bei etwa 30 %. Bei Männern waren neben der Krebserkrankung selbst eine Chemoradiotherapie, eine Bestrahlung insbesondere von Abdomen oder Becken, Rauchen und ein Body-Mass-Index von unter 18,5 kg/m2 oder über 30 kg/m2 mit dem Phänotyp assoziiert, bei den Frauen lediglich zunehmendes Alter und eine Chemoradiotherapie.

Gebrechliche Krebsüberlebende hatten häufiger chronische gesundheitliche Probleme als nicht gebrechliche (82,1 % vs. 73,8 %) sowie in multivariaten Analysen ein erhöhtes Mortalitätsrisiko (Hazard Ratio [HR]: 2,6; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: 1,2–6,2) und ein höheres Risiko für das Auftreten neuer chronischer Zustände (HR: 2,2; 95-%-KI: 1,2–4,2).

Fazit: Erwachsene Überlebende von Krebserkrankungen in Kindheit und Jugendzeit sind im Durchschnitt so gebrechlich wie normale Erwachsene im Alter von 65 Jahren oder mehr. Offenbar, so die Autoren, bewirken die überstandene Krebserkrankung und mit Sicherheit auch die teilweise hochaggressiven Therapien eine Beschleunigung des Alterungsprozesses. Das hat weitreichende Auswirkungen bis hin zu einer erhöhten Mortalität. Josef Gulden

Ness KK, et al.: Physiologic frailty as a sign of accelerated aging among adult survivors of childhood cancer: A report from the St Jude Lifetime cohort study. J Clin Oncol 2013; 31: 4496–503.

Prozentsatz der Überlebenden mit Gebrechlichkeit (drei oder mehrere Komponenten) oder grenzwertiger Gebrechlichkeit
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