ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2014Umweltmedizin: Auswirkungen der Energiewende

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Umweltmedizin: Auswirkungen der Energiewende

Osterloh, Falk

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Die Energiewende kommt. Doch welche Folgen hat sie für die Gesundheit der Menschen? Auf einem Workshop der Bundesärztekammer diskutierten Experten über Kohle, Fracking und Windenergie. Fazit: Das Neue ist eher besser als das Alte.

Braunkohlekraftwerk und Windräder nahe des rheinischen Kirchtroisdorf: Energie gibt es nicht ohne Energiegewinnung.
Braunkohlekraftwerk und Windräder nahe des rheinischen Kirchtroisdorf: Energie gibt es nicht ohne Energiegewinnung.

Vier der sechs Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi wurden infolge des Erdbebens vor der Küste Japans am 11. März 2011 zerstört. In drei Blöcken kam es zu Kernschmelzen. Auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse bewertete die japanische Atomaufsichtsbehörde die Katastrophe mit der Höchststufe 7. Die Auswirkungen für Menschen und Umwelt werden noch sehr lange gravierend sein.

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Die Auswirkungen der Katastrophe sind auch in Deutschland weitreichend. Denn in der Folge hat die Bundesregierung die Energiewende beschlossen. Von der Ärzteschaft wird sie begrüßt. „Der Ausstieg aus der Atomenergie ist der richtige Weg“, betonte die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. med. Martina Wenker, bei einem Expertenworkshop, den die BÄK zusammen mit der „Health and Environment Alliance“ (HEAL) und der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventionsmedizin (GHUP) am 8. Oktober in Berlin veranstaltet hat. Nun komme es jedoch darauf an, dass die neuen Energieformen, was ihren Nutzen und ihre Risiken betreffe, mindestens ebenso gut seien wie die alten, wenn nicht besser.

Renaissance der Kohle

„Die Energiewende hat ein großes Potenzial, positiv auf die menschliche Gesundheit zu wirken“, meinte André Conrad, Sprecher des Arbeitskreises „Umweltmedizin, Expositions- und Risikoabschätzungen“ der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Gesundheitliche Aspekte der Energiewende würden zum Teil nicht ausreichend berücksichtigt, befand Conrad: „Fachleute des Arbeitskreises sprachen sich daher für eine frühzeitige systematische Analyse der Maßnahmen aus, um Risiken kleinhalten und die Gesundheitsgewinne voll ausschöpfen zu können.“ Ein Instrument für diese Analyse sei die Gesundheitsfolgenabschätzung (GFA) – eine systematische Beurteilung einer Strategie hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Auswirkungen und deren Verteilung in der Bevölkerung. Einer der Gründe dafür, dass eine solche Abschätzung bislang kaum vorgenommen werde, sei, dass es noch zu wenige GFA-Fachleute in Deutschland gebe.

HEAL weist darauf hin, dass die Stromgewinnung aus Kohle derzeit eine Renaissance erlebt. „Kohle ist immer noch eine wichtige Energiequelle für Europa und liefert etwa ein Viertel der gesamten Strommenge“, heißt es in einem aktuellen Bericht von HEAL zu den Auswirkungen von Kohlekraftwerken auf die menschliche Gesundheit. Kohlekraftwerke seien eine bedeutende Quelle industrieller Luftverschmutzung in Europa. Ihre hohen Emissionen müssten allerdings vor dem Hintergrund der vielen anderen Sektoren betrachtet werden, die ebenfalls zur Luftverschmutzung beitragen, zum Beispiel dem Verkehr, der Beheizung von Wohnräumen und der Landwirtschaft.

Probleme durch Kaminöfen

Im Auftrag von HEAL haben Experten die Folgen geschätzt, die die Emissionen von Kohlekraftwerken für die Menschen in Europa haben. Demnach sterben durch Kohleabgase pro Jahr 18 200 Menschen in Europa vorzeitig, und mehr als 8 500 Menschen erkranken neu an chronischer Bronchitis.

Für die Entwicklung insbesondere von chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma und Bronchitis sei die Innenraumbelastung allerdings relevanter als der Außenraum, betonte BÄK-Vizepräsidentin Wenker. In mittels energetischer Sanierung und moderner Fenster hermetisch abgeriegelten Wohnräumen, in denen Menschen rauchten, eine vermehrte Allergenbelastung zum Beispiel durch Schimmelpilze oder Katzen bestehe oder die offene Feuerquellen enthielten, seien die Menschen individuellen Belastungen durch inhalative Schadstoffe ausgeliefert, welche nicht durch externe Umwelteinflüsse verursacht würden.

Fotos: picture alliance
Fotos: picture alliance

„Wir haben zunehmend Probleme mit Kaminöfen“, ergänzte Prof. Dr. med. Thomas Eikmann vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Denn diese belasteten die Menschen durch Partikelemission unmittelbar. Bei Messungen werde diese Exposition jedoch nicht zwangsläufig erfasst. „Wir wissen also gar nicht, wie hoch die Exposition vor Ort ist“, erklärte Eikmann.

Zum Thema Fracking stellte Bernd Kirschbaum vom Umweltbundesamt (UBA) die Ergebnisse zweier aktueller Gutachten vor, die das UBA in Auftrag gegeben hatte. „Das Umweltbundesamt empfiehlt, wegen der bestehenden Wissenslücken derzeit auf eine flächendeckende kommerzielle Gewinnung von Schiefergas durch Fracking in Deutschland zu verzichten“, erklärte Kirschbaum. Zudem solle vor jeder Fracking-Operation eine Risikobewertung vorgenommen werden. Ein generelles Fracking-Verbot sei aber von den Gutachtern nicht empfohlen worden.

„Sehr kritisch betrachten wir den sogenannten Flowback, der auch bei der konventionellen Erdgasförderung auftritt“, betonte Kirschbaum. Bei jedem Bohrloch fördere man auch Lagerstättenwasser zutage, das unter anderem Schwermetalle, radioaktive Stoffe oder Benzol enthalten könne. Bei der Behandlung und Entsorgung dieses Lagerstättenwassers bestehen große Defizite, da derzeit weder national noch auf europäischer Ebene ein „Stand der Technik“ festgeschrieben sei.

Der volkswirtschaftliche Nutzen des Schiefergases spiele überdies im Rahmen der Energiewende keine Rolle, so Kirschbaum. Denn weder würde es kurz- und mittelfristig den Gaspreis verändern noch die Importabhängigkeit Deutschlands, da das Gas nur langsam und schrittweise gefördert werden könne.

Im Gegensatz zum Fracking erwarten die Experten kaum Belastungen durch Windräder. „Die Folgen des Betriebs von Windenergieanlagen für die menschliche Gesundheit sind gering“, sagte Dr. PH Dorothee Twardella vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Zwar gebe es Schall-immissionen, und gesundheitliche Wirkungen durch gestörten Schlaf seien deshalb nicht ausgeschlossen. Doch durch den sogenannten Infraschall, der bei Windenergieanlagen schon bei geringem Abstand unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegt, seien „keine gesundheitlichen Wirkungen zu erwarten“.

„Dass manche Anwohner sich von den Geräuschen der Windenergieanlagen belästigt fühlen, obwohl sie sehr leise sind“, so Twardella weiter, „kann daran liegen, dass die Geräusche der Rotorblätter periodisch auf- und abschwellen und deshalb leichter wahrgenommen werden und dass die Sichtbarkeit der Windräder schon als Belästigung empfunden wird.“

Krankheitslast untersuchen

„Gesundheitseffekte, die messbar und besorgniserregend sind, liegen nicht in erster Linie bei den neueren Energien“, resümierte die Präsidentin der GHUP, Prof. Dr. med. Caroline Herr. „Bei Kohlekraftwerken haben wir Belastungen, die messbar sind. Bei anderen Energien wie Windräder oder Hochspannungsleitungen gibt es kleine Ungewissheiten. Wir können nicht ausschließen, dass es zu Belastungen für die Gesundheit kommt, aber die Tendenz ist: Das Neue ist nicht schlechter als das, was wir bisher haben.“

Ärztliche Verantwortung sei es festzustellen, welche umweltmedizinischen Informationen wirklich gesichert seien und diese Informationen zu kommunizieren, erklärte Wenker abschließend. „Wir müssen aber genauso kommunizieren, wenn Erkenntnisse nicht gesichert sind und wo es noch offene Fragen gibt.“ In jedem Fall zu fordern sei eine kleinräumige Gesundheitsforschung, mit der die Krankheitslast regional untersucht werden könne.

Falk Osterloh

Kommentare

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Avatar #582728
Edith1950
am Mittwoch, 29. Oktober 2014, 19:35

Gesundheitseffekte durch Windräder

Dieser Absatz berücksichtigt keine der international dazu erfolgten Studien. Schindel durch Infraschall ist sogar im ICD 19 reine anerkannte Diagnose. Wie man einerseits Schlafstörungen für möglich hält und andererseits eine gesundheitliche Schädigung ausschließt, kann ich als Allgemeinärztin und im Thema Windenergie Informierte nicht nachvollziehen. Ich erwarte vom Ärzteblatt nicht derartig flapsige Beiträge.

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