ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2014Social Freezing: Kinderwunsch auf Eis

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Social Freezing: Kinderwunsch auf Eis

Dtsch Arztebl 2014; 111(43): A-1831 / B-1567 / C-1499

Richter-Kuhlmann, Eva; Maibach-Nagel, Egbert

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Erst Karriere, dann Kinder – die Botschaft der US-Konzerne Facebook und Apple an ihre jungen Mitarbeiterinnen ist angekommen. Beide bieten den Frauen an, die Kosten bis zu 20 000 Dollar für das Einfrieren ihrer Eizellen („Social Freezing“) zu übernehmen, wenn sie ihren Kinderwunsch verschieben und sich zunächst ganz der Firma widmen. Offiziell wird ihnen mehr Flexibilität bei der Familienplanung gewährt. Doch ist das so? Unsere Meinung:

Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redakteurin undEgbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redakteurin und
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Mich als Ärztin erinnert das Angebot an den kolportierten Satz von Chefärzten aus Bewerbungsgesprächen vergangener Jahrzehnte: „Wenn Sie mir Ihren Uterus im Glas bringen, stehen Ihnen hier alle Wege offen.“ Ein Satz, der vielen Medizinstudentinnen und jungen Ärztinnen einen Schauer über den Rücken laufen ließ – auch wenn er nicht im Wortsinne gemeint war.

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Das Apple/Facebook-Angebot wird dagegen wesentlich wohlwollender aufgenommen, zielt aber in die gleiche Richtung, auch wenn es nicht so martialisch und endgültig klingt. Hingegen ist das „Auf-Eis-legen des Kinderwunsches“ tatsächlich wörtlich gemeint. Und die Ausführung ist sogar durch den Arbeitgeber kontrollierbar. Er erhält ja – quasi als Beweis – Jahr für Jahr die Rechnung für die kryokonservierten Eizellen seiner Mitarbeiterinnen. Was aber, wenn die Frau dennoch schwanger wird?

Dem mitdenkenden Mann fällt auf, dass Familienplanung auf einmal nicht mehr die private Angelegenheit von Frauen oder Partnern ist. Auf einmal beeinflussen Unternehmen Entscheidungsbereiche, die bis dato rein privat waren. Zu glauben, dass es ja nur Angebot sei und den freien Willen lasse, ist nicht zu Ende gedacht. Wenn die Konkurrenz am Arbeitsplatz nicht schläft, sondern einfriert, wird das Ablehnen des Angebots immanent doch zum Karriereknick. Gut, dass in Deutschland bisher Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Politiker das Angebot als ethisch nicht vertretbare, ja sogar unmoralische Einmischung bewerten.

Natürlich passt es zum Zeitgeist, die Familienplanung aufzuschieben: In Deutschland liegt dem Statistischen Bundesamt zufolge das Durchschnittsalter der Erstgebärenden bei 30 Jahren. Sich zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr für das Social Freezing zu entscheiden, ist jedoch eine andere Dimension. Denn auch wenn heutzutage gefährliche hormonelle Überstimulationen weitgehend vermieden werden können, muss man sich als Frau Hormonbehandlungen und (zumindest) einem medizinischen Eingriff zur Entnahme der Oozyten unterziehen. Zudem machen die Prozeduren nur Sinn, wenn man eine Schwangerschaft erst um das 40. Lebensjahr plant. Eine Garantie auf den optimalen Zeitpunkt bezüglich Karriere, Partnerschaft und Gesundheit gibt es aber auch dann nicht.

Zeitgeist ist es glücklicherweise hier in Deutschland aber auch, gesellschaftliche Grundlagen zu schaffen, die es Frauen wie Männern ermöglichen, Familie und Arbeit miteinander zu vereinbaren. Die kommende Generation, die die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wird, hat hier eine ziemlich klare Vorstellung, auch die Medizinstudierenden.

Dieses „unmoralische Angebot“, wie der Versuch von Facebook, Apple und Co von Politikern genannt wurde, ist insofern gesellschaftlich keine Option – selbst dann nicht, wenn das Motiv ärztlichen Handelns außerhalb medizinischer Indikationen in dieser Diskussion außen vor bleibt. In Deutschland gehört „ihr Bauch“ mit Sicherheit nicht den Arbeitgebern.

Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redakteurin
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 1. November 2014, 15:25

Von der Fortpflanzungsdebatte zum "Social Freezing"

Im März 2014 hatte die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in einer Rede Kinder, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind, als "Halbwesen" bezeichnet. Sie titulierte das "gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse" als "widerwärtig". Ich habe der Schriftstellerin dazu einen persönlichen Brief geschrieben:

Sehr geehrte Sybille Lewitscharoff,
ich zögere immer noch, Ihnen zu schreiben. Denn ich finde, Sie haben in der menschlichen Fortpflanzung-Debatte etwas sehr kluges und "Denkt-doch-endlich-mal-nach" gesagt, aber leider viel zu früh aufgegeben. Ich bin zögerlich, weil ich Ihnen keine Vorschriften machen sollte; aber auch, weil ich den Volkszorn derjenigen fürchte, die Weisheit und "political correctness" für sich gepachtet zu haben meinen, um Andersdenkende auszugrenzen.
Ich fand Ihren Beitrag mutig, notwendig, bemerkenswert und umwälzend, einen dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskurs anstoßend. PR-mäßig war sicher suboptimal, den primär negativ besetzten Begriff "Halbwesen" zu verwenden - doch an Gottes Allmacht, die Jungfrauengeburt Mariens und die Wiederauferstehung des wundertätigen Herrn glauben noch so viele Menschen, dass auch "Halbwesen" toleriert werden müssten. Doch befinden sich nicht Säuglinge und Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene schon seit Jahrzehnten in einer Art Halbwelt?
Sie werden nur noch wahr genommen über die reproduktiv-steuernde, induzierende, diagnostizierende und planend-katalogisierende Erwachsenen-/Elternwelt. Geschlecht, Intelligenz, Empathie, Charakter, Risikofaktoren, technischer Konzeptions-, Schwangerschafts- und Geburtsablauf bzw. perinatologisches Procedere sind vorhersehbar und vorhersagbar geworden. Kita- und Schulbesuch sind bereits vor der Geburt fest eingeplant. Die Anmeldung beim Sportverein, Studienplatzbewerbungen liegen schon vor der Entbindung in der konzeptionellen Schublade; ebenso, wer einmal die Dissertation schreiben wird.
Was ist für viele unmerklich, für kulturell Reflektierende grundlegend anders geworden?
Frauen haben 13 Ovulationen pro Jahr; Männer "bringen es" auf +/-200 Millionen Spermien pro Ejakulation. Die fertile Lebensphase von Frauen wird gesamtgesellschaftlich kontrolliert, hormonell eingegrenzt und biografisch eng austariert. Chaos, Anarchie, Lust und Begehren im Sexuellen werden hormonell technisiert und entpersonalisiert. Karriere, Macht, Einfluss und psychosoziales Anerkennungsstreben haben bei Männern traditionell und bei Frauen mit einer beispiellosen Aufholjagd sozialpsychologischen Vorrang gewonnen. Dieser Impuls hat jedoch bei beiden "Geschlechtern" (was für ein Wort?) nicht nur Gutes, sondern auch zu Frustration geronnene Sinnlichkeit entwickelt.
Menschheitsgeschichtlich war das für fast ewig andauernde Epochen völlig konträr: Frauen waren vom jugendlichen Alter an bereits 14 Tage vor der Menarche fertil bis zur Menopause. Gesamtgesellschaftliches Ziel war von der Prähistorie bis in die Neuzeit hinein, die weibliche Fertilität vom durchschnittlich 11. bis 40. Lebensjahr so schnell und repetitiv wie möglich für eine möglichst hohe Kinderzahl auszunutzen. Wenn die Frauen nicht mit 25-35 Jahren bereits im Kindbettfieber gestorben waren. Die gigantische Reproduktion von Menschen-"Material" war erforderlich, um nicht auszusterben, Vernichtungsfeldzüge zu überstehen und nicht zuletzt, um gigantische Sakral- und Herrschafts-Bauten der bekannten Hochkulturen zu errichten. Manche davon starben aus - an ökologischem Raubbau, an Klimakatastrophen, an Hybris, an logistischen Fehleinschätzungen, an Entkräftung, Überforderung, Ausbeutung, Hunger, Erschöpfung und fehlendem reproduktivem Nachschub?
Entwicklungsgeschichtlich lebten reproduktive Überproduktionen noch lange fort: Im Mittelalter mit dem institutionalisierten "jus primae noctis" der Fürsten und Lehnsherrn. Der "Lebensborn" der Nazis war ein letzter pervertierter Schachzug im allgemeinen Reproduktionszwang gegen Frauen.
Von daher ist nachvollziehbar, mit welcher euphorischen Begeisterung die perspektivische Entlastung vom Gebärzwang durch Pille, Kondome, Sterilisation, Zyklus- und Fertilitätskontrolle begrüßt und gefeiert wurden (für die pharmazeutische Industrie auch noch d a s Geschäft des Jahrtausends). Kulturgeschichtlich ist diese neue Ära aber nicht mehr als ein Wimpernschlag der Zeitgeschichte des "homo sapiens erectus". Die Nachteile von entfremdeter Sexualität, jederzeit folgenloser Verfügbarkeit und Präsenz, die Entsinnlichung der Fortpflanzung, die Fertilität zu einem späteren Zeitpunkt "zurückholen" zu wollen, die "Vergänglichkeit" der reproduktiven Kompetenz besonders bei Frauen ab 40 wollte zunächst niemand hören und sehen.
Die neuen Perspektiven multidimensionaler Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin (IVF im homologen/heterologen System, Eizellen- und Samenspende, Leih-Mutterschaft, Klonen, PID oder interventionelle Begrenzung von Mehrlingsschwangerschaften) demonstrieren die Kehrseite, dass koitale Fortpflanzung demnächst o h n e direkten ärztlichen Beistand nur noch als stigmatisierende Antiquiertheit erlebt wird. Die Generationenfolge verkommt zu medizintechnischem Procedere, der tatsächliche genitale Vollzug verliert sich in virtuellen Internet-Welten mit Austausch von Körperflüssigkeiten nur noch im Reproduktionslabor.
D a s sind die Fragen, die Sie mit Ihrem emotional reflektierenden Statement angestoßen haben. Und die die breite Masse maßlos ängstigenden, möglichen Antworten haben diese furcht- und angstgesteuerten Abwehrreaktionen in Öffentlichkeit, Medien, Politik und Feuilleton ausgelöst. Damit sollte wieder Ruhe "in diesem unseren Lande" herrschen, mit diesen seltsam "blühenden Landschaften" in Ost und West?
Doch dürfen Literatur, Philosophie, Kulturwissenschaften und Sozialpsychologie dazu schweigen? Dürfen Bekanntschafts-Anzeigen wie "Einsamer sucht Einsame zum Einsamen" überhaupt noch formuliert werden? Mittlerweile ist ein Geschlechts- und/oder Zeugungsakt doch nur noch mit qualifiziertem ärztlichem Zeugnis, mit infektiologischer Unbedenklichkeitsbescheinigung in Bezug auf HIV, Hepatitis A+B+C, Chlamydien, humanen Papilloma-Viren (HPV) und dem Ausschluss traditioneller sexuell übertragbarer Erkrankungen wie Lues, Gonorrhoe und haftungsrechtlichen Verzichtserklärungen "lege artis" möglich.
Dass die Zeiten romantischer Liebesschwüre, die Tragik von Romeo und Julia, die Entsagung von Königin Elisabeth I., die Dramatik von Porgy and Bess längst vorbei sind, merken wir daran, dass es nicht mehr heißt: "Gehen wir zu mir oder zu Dir?" sondern "kennst Du einen guten Reproduktionsmediziner?"
In der Hoffnung, dass ich Sie mit meinem Schreiben nicht zu sehr genervt und doch wenigstens etwas amüsiert habe, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
Ihr Thomas G. Schätzler

In der gegenwärtigen Debatte um "Social Freezing" den Kinderwunsch buchstäblich auf Eis legen zu können, ist sozialpsychologisch ein weiterer Schritt auf dem Weg zur zunehmenden Entfremdung im persönlichen, sozialen, beruflichen, kulturell reflexiven, kontrazeptiven und konzeptiven Leben von Frauen und Männern. Möglichkeiten des "Social Freezing" bergen auch das Risiko, Sexualität, Fortpflanzung und generative Potenz weiter entsinnlichen, desexualisieren und technisieren zu wollen. Die gesellschaftlich bedingte weitere Verlangsamung der Generationenfolge führt u. U. dazu, dass in naher Zukunft nur noch "Großeltern" ihre eigenen Kinder gebären und aufziehen wollen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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