ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2014Joachim Dunkel: Verschleierungen und Assoziationen

KULTUR

Joachim Dunkel: Verschleierungen und Assoziationen

Dtsch Arztebl 2014; 111(43): A-1871 / B-1601 / C-1531

Donhuijsen, Konrad

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Der Berliner Bildhauer entwickelte einen eigenständigen und unverwechselbaren Stil in seinen immer dem Gegenständlichen verhafteten Arbeiten.

Joachim Dunkel entwickelte einen eigenständigen und unverkennbaren Stil – hier ein Selbstporträt. Foto: Forum Jacob Pins/VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Joachim Dunkel entwickelte einen eigenständigen und unverkennbaren Stil – hier ein Selbstporträt. Foto: Forum Jacob Pins/VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Bereits das frühe Werk des Berliner Bildhauers Joachim Dunkel (1925 bis 2002) stellt der Kunsthistoriker Ulrich Gertz in die fast zweihundertjährige Berliner Bildhauertradition, besonders beeindruckt ist er von dessen „verhaltener Distanz zum Emotionalen des Inhaltes und der Form“. Arbeits- und Kriegsdienst bestimmten zunächst das Leben des jungen Mannes. Der Gefangenschaft auf der Krim konnte er schwerkrank Ende 1945 entkommen. Aus der posttraumatischen Depression half ihm die Hoffnung auf ein Kunststudium. Ab 1946 studierte er zunächst Grafik und Illustration bei Eva Schwimmer und hospitierte in der Bildhauerklasse bei Bernhard Heiliger an der Kunsthochschule Weißensee im Osten der Stadt.

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Reflexion der Nachkriegsjahre

Im Zwiespalt, ob er Zeichner oder Bildhauer werden sollte, erprobte Dunkel 1948/49 zunächst das skulpturale Zeichnen, den Holzschnitt, in dem bereits sein späteres Hauptthema aufscheint – der weibliche Körper. Eine Reflexion der schwierigen Nachkriegsjahre findet sich in den frühen Holzschnitten mit Darstellungen etwa eines Richters, eines Monsters oder eines christuslosen Christophorus. Als Bernhard Heiliger 1949 an die Charlottenburger Kunsthochschule wechselte, ging Dunkel mit, erhielt ein Stipendium der Deutschen Studienstiftung und wurde 1955 dessen Meisterschüler.

Die Entwicklung der bildenden Kunst verlief ab den 1950er Jahren in Ost und West sehr unterschiedlich. Sein Lehrer Heiliger vollzog den abrupten Wechsel in die geometrische Abstraktion. Nicht so Dunkel. Er entwickelte bald einen eigenständigen und unverkennbaren Stil in seinen immer dem Gegenständlichen verhafteten Arbeiten. Dabei sind es allerdings keine Gegenstände oder Objekte, die ihn interessierten. Immer sind es Lebewesen: Menschen, Tiere, Tiermenschen, allein oder in Interaktion.

Bei den Arbeiten auf Papier gibt es einen umfangreichen Komplex, in dem Joachim Dunkel von Menschen und Göttern, von deren Gestalten und Transformationen erzählt. Aktuelle Fragen werden dabei vor einem mythologischen Hintergrund neu interpretiert. So etwa Daphne auf der Flucht vor Apollo, beide gleichermaßen gehetzt, der eine von seiner Begierde, die andere durch göttliche Gewalt, animalisch verstärkt durch hetzende Hunde.

Die Metapher des Minotaurus greift Dunkel in Abgrenzung zum Mythos, zu Picassos Suite Vollard, zu Dürrenmatts Ballade oder weiteren bekannten Darstellungen auf. Sein Stiermann ist grundverschieden. Das Animalische bleibt bei ihm im Hintergrund, ist, soweit vorhanden, kontrolliert, mitfühlend und rücksichtsvoll. Die existenzielle Tragödie des verausgabten Verlierers, welcher der nachfolgenden Generation weichen muss, steht bildhaft und unmissverständlich im Raum. Der Minotaurus ist hier das Opfer, nicht die Jungfrau.

Aktuell auch die Dunkelsche Sicht auf Reineke Fuchs. In mehr als 300 Zeichnungen und in 18 Holzschnitten tritt uns „das Menschengeschlecht in seiner ungeheuchelten Tierheit“ (Goethe) entgegen. Für ihn ist das Epos prall gefüllt mit Mord und Totschlag, Lüge und Betrug, Kastration und Schändung. Er versteht es als einzigen großen Entsetzensschrei über die grausame Welt samt Überwelt, der nur mit Ironie und beißendem Witz beizukommen ist (www.goethehaus-frankfurt.de/Sammlungen).

Keine Selbstinszenierung

Dunkels Weg zum äußeren Erfolg war ein mühsamer. Zwar erhielt er bereits 1958 neben dem renommierten Georg-Kolbe-Preis das Villa-Massimo-Stipendium, es folgte aber erst 1974 die Berufung auf eine Professur an der Kunsthochschule Berlin. Die beharrliche Entwicklungsarbeit an seiner Formensprache war ihm wichtiger als der schnelllebige und laute Kunstbetrieb der Avantgarden. Eine Selbstinszenierung lag ihm nicht. Obwohl er als Porträtist auch offiziell gefragt war, beschränkte er derartige Auftragsarbeiten.

Mitunter gewinnt man sogar den Eindruck, dass Dunkel den Zugang zu seinem Werk absichtlich eher erschwerte, als erleichterte. Er liebte Verschleierungen, Grenzüberschreitungen und Assoziationen, die – fein nuanciert – allenfalls dem zweiten oder dritten Blick zugänglich sind (www.joachimdunkel.de).

Bis zum 30. November ist im Forum Jacob Pins in Höxter die Ausstellung „Joachim Dunkel: Holzschnitte, Zeichnungen, Skulpturen“ zu sehen.

Prof. Dr. med. Konrad Donhuijsen

@Informationen: www.jacob-pins.de

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