ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2014Interview mit Florian Westphal, Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen (MSF): „Wir brauchen mehr Isolierbetten und mehr ausgebildetes Personal“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Florian Westphal, Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen (MSF): „Wir brauchen mehr Isolierbetten und mehr ausgebildetes Personal“

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): A-1884 / B-1612 / C-1544

Korzilius, Heike

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Der MSF-Geschäftsführer über die notwendige Ausweitung der Hilfe und die Vorbereitung auf den nächsten Ebola-Ausbruch

Florian Westphal (48) ist gelernter Journalist. Er arbeitet seit Juni 2014 für MSF. Zuvor war er 15 Jahre lang für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz tätig, unter anderem im Kongo, in Sierra Leone, Kenia und am Hauptsitz in Genf. Foto: Babara Sigge MSF
Florian Westphal (48) ist gelernter Journalist. Er arbeitet seit Juni 2014 für MSF. Zuvor war er 15 Jahre lang für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz tätig, unter anderem im Kongo, in Sierra Leone, Kenia und am Hauptsitz in Genf. Foto: Babara Sigge MSF

Was versprechen Sie sich davon, dass die Bundesregierung mit Walter Lindner einen Sonderbeauftragten für Ebola ernannt hat?

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Florian Westphal: Ich hoffe, dass das dazu führt, die Anstrengungen der Bundesregierung so gut wie möglich zu koordinieren. Zurzeit ist es schwer, den Überblick darüber zu behalten, welches Ministerium was macht.

Was muss jetzt als erstes auf den Weg gebracht werden?

Westphal: Am besten wäre es, wenn Deutschland, wie geplant, über das Deutsche Rote Kreuz in Liberia Isolierstationen einrichtet und ausgebildetes Personal zur Verfügung stellt. Das würde nicht nur den Patienten helfen, sondern auch dazu beitragen, die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen.

Wie hilfreich ist die Luftbrücke der Bundeswehr in die liberianische Hauptstadt Monrovia?

Westphal: Die Logistik ist zweifellos eine große Herausforderung. Aber damit allein wird man der Epidemie nicht Herr. Im Zentrum steht deshalb für uns nach wie vor die Schaffung größerer Behandlungskapazitäten. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat ja bestätigt, dass in Guinea, Sierra Leone und Liberia die Kapazität bei 25 Prozent dessen liegt, was wirklich gebraucht wird.

Warum hat es so lange gedauert, bis die Staatengemeinschaft auf die Ebola-Krise reagiert hat?

Westphal: Einen Teil der Verantwortung trägt sicherlich die WHO. Auf sie schauen in einer solchen Situation alle, um zu wissen, wie man die Tragweite des Ebola-Ausbruches einschätzen muss. Aber die WHO hat sich erst Anfang August dazu entschieden geäußert. Allerdings haben wir und die betroffenen Regierungen nicht nur mit der WHO geredet, um auf die Krise aufmerksam zu machen. Es war schon im April absehbar, dass sich die Erkrankung ausbreiten würde.

Was ist denn an diesem Ausbruch anders als an denen zuvor?

Westphal: Die früheren Ausbrüche haben sich hauptsächlich in relativ isolierten Regionen abgespielt. Jetzt haben wir einen völlig anderen Kontext. Da gibt es innerhalb der Länder, aber auch zwischen den Ländern viele Kontakte und Verbreitungswege. Sicherlich hat es auch eine Rolle gespielt, dass Ebola in diesen drei Ländern völlig unbekannt war und man die Symptome im Anfangsstadium zum Beispiel mit Malaria verwechselt hat.

Zu Beginn haben wohl auch die Begräbnisrituale eine Rolle bei der Verbreitung von Ebola gespielt. In dieser Gegend kümmern sich die Menschen intensiv um ihre Toten. Außerdem ist eine Beerdigung ein großes Ereignis.

Wie ist aktuell die Lage in den Behandlungszentren von MSF?

Westphal: Eine große Herausforderung ist es für uns, der geografischen Ausbreitung der Epidemie zu folgen. In Sierra Leone tritt aktuell der Großteil der Fälle nicht dort auf, wo unsere Behandlungsstrukturen sind. Ansonsten sind wir finanziell, logistisch und auch personell in der Lage, unseren Einsatz bis Jahresende auf dem aktuellen Niveau weiterzuführen. Insgesamt wird uns das 52 Millionen Euro kosten.

Was muss geschehen, damit aus dem nächsten Ebola-Ausbruch nicht wieder eine solche Katastrophe wird?

Westphal: Wir müssen uns überlegen, wie wir ausreichend Material und ausgebildetes Personal vorhalten, um schneller reagieren zu können. Das müsste die internationale Staatengemeinschaft koordinieren. Die müsste sich dann aber auch verpflichten, Hilfe am Bedarf orientiert zu leisten und nicht nur in den Ländern, an denen man ein politisches Interesse hat.

Das Interview führte Heike Korzilius.

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