ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2014Bertelsmann-Studie: Ergänzungen der DGHNO
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Das DÄ berichtet über die aktuelle Bertelsmann-Studie zur Krankenhausversorgung. Eine Beobachtung dieser Studie ist die regional stark variierende Rate an Tonsillektomien in verschiedenen Gegenden der Bundesrepublik. Dieser Sachverhalt wird als Ausdruck einer „Über- oder Unterversorgung“ verstanden und es wird der Forderung Raum gegeben, „die Einhaltung von Leitlinien strenger zu kontrollieren“. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO) nimmt den Sachverhalt der Studien mit Interesse zur Kenntnis. Leider hatte die DGHNO keine Gelegenheit, sich bei der Interpretation der Daten mit den Verantwortlichen der Studie vor der Veröffentlichung auszutauschen. Aus diesem Grunde sieht sich die DGHNO zu einer ergänzenden Darlegung genötigt:

Varianzen der Rate von Tonsillektomien können auf viele Faktoren zurückgeführt werden, unter anderem auch auf eine unterschiedliche Dichte junger Familien (Tonsillektomien werden überwiegend bei Kindern vorgenommen) oder auf einer unterschiedlichen Häufung von Krankenhäusern oder anderen Leistungserbringern mit überregionalem Einzugsgebiet. Eine hinreichende Erklärung wird durch diese Faktoren kaum gegeben; die Beobachtung einer regionalen Häufung der Rate von Tonsillektomien bleibt im Grundsatz unstrittig – wenngleich dieser Sachverhalt prinzipiell kaum überrascht:

In der Anzeige (Indikation) zur Tonsillektomie oder zu verwandten Eingriffen (Tonsillotomie) gibt es aus medizinischen Gründen einen großen sachlichen Ermessensspielraum, der durch Fachliteratur unzweideutig zu belegen ist. In diesem sachlich begründeten Ermessensspielraum spiegelt sich unter anderem der Umstand, dass es kleine chirurgische Fächer wie die HNO-Heilkunde sehr schwer haben, im Rahmen zum Beispiel einer Förderung wissenschaftlicher Aktivitäten in der „Versorgungsmedizin“ die gebührende Beachtung zu erhalten. Dies gilt im aktuellen gesundheitspolitischen Rahmen auch für die „wenig spektakuläre Mandelentfernung“. Die verbliebenen Unwägbarkeiten im derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand tragen sicher zu dem beobachteten Phänomen unterschiedlicher OP-Frequenzen wesentlich bei. Letztere lassen sich somit nicht einfach verdachtsweise und ohne Anhörung der zuständigen wissenschaftlichen Fachgesellschaft auf „andere Faktoren als die medizinische Notwendigkeit“ (Diktion der ersten Pressemitteilung) zurückführen.

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Die DGHNO weist darauf hin, dass eine wissenschaftlich fundierte, umfassende ärztliche Leitlinie zur Mandelentfernung aktuell in Bearbeitung ist. Diese Leitlinie wird von der DGHNO überwacht und später von der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Fachgesellschaften offiziell konsentiert werden. Sie wird in wesentlichen Teilen von der DGHNO, das heißt von der Gesamtheit der HNO-Ärzte, finanziert. Die DGHNO hat zu ähnlichen Zwecken in den letzten Jahren ein eigenes wissenschaftliches Zentrum etabliert. Es ist unser dringliches Anliegen, darum zu bitten, eher über eine konkrete Förderung derartiger Formen einer sachorientierten Untersuchung und Aufklärung nachzudenken, als öffentlichkeitswirksam und ohne fachliche Rücksprache über die unzweckmäßige Zunahme von Kontrollen unserer praktischen HNO-ärztlichen Arbeit nachzudenken.

Prof. Dr. med. Werner Hosemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO), Direktor der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik, Universitätsmedizin Greifswald, 17475 Greifswald

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