ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2014Priorisierung: Ärzte sollen überzeugt werden

POLITIK

Priorisierung: Ärzte sollen überzeugt werden

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): A-1893 / B-1619 / C-1551

Gerst, Thomas

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Mit Workshops wollen die Ärztekammern unter ihren Mitgliedern für das Konzept der Priorisierung werben.

Mit einer Reihe von Workshops wollen die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und die Lan­des­ärz­te­kam­mern dafür sorgen, dass das Konzept der Priorisierung in der Ärzteschaft weitere Verbreitung und Akzeptanz findet. Auftaktveranstaltung war am 21. Oktober bei der Ärztekammer Nordrhein. „Wenn es uns gelingt, eine kritische Masse von Ärzten zu erreichen, ist die Möglichkeit da, einen gesellschaftlichen Prozess anzustoßen. Dann folgt vielleicht auch die Politik“, meinte Rudolf Henke, der Präsident der Ärztekammer Nordrhein.

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Politik reagierte hysterisch

Auf die Vorschläge des damaligen BÄK-Präsidenten Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe beim 112. Deutschen Ärztetag 2009 in Mainz, sich mit dem Thema Priorisierung zu befassen, habe es überaus hysterische Reaktionen aus der Politik gegeben. Inzwischen könnte aber die Zeit reif sein für eine erneute Befassung mit diesem Thema.

Priorisierung im Gesundheitswesen wird verstanden als die Feststellung einer Vorrangigkeit von vorab definierten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden vor anderen. Henke wies auf Umfragen in der Bevölkerung hin, die zeigten, dass vor allem die Ärzte darüber entscheiden sollten, welche Leistungen von der GKV bezahlt werden. Das Beispiel Schweden zeige, dass Priorisierung machbar sei – und das nicht allein unter einem Spardiktat. Henke betonte, dass Priorisierung nicht mit Rationierung verwechselt werden dürfe. Während Rationierung die Vorenthaltung nützlicher Maßnahmen bedeute, biete Priorisierung neue transparente Kriterien für die Mittelverteilung im Gesundheitswesen.

An einem Fallbeispiel konnten sich die Teilnehmer des Workshops in Düsseldorf schon einmal einen Eindruck davon verschaffen, wie die Umsetzung des Priorisierungskonzepts in der Praxis aussehen könnte (Kasten). Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß, der als Mitglied der BÄK-Arbeitsgruppe Priorisierung die Teilnehmer durch das Fallbeispiel begleitete, machte allerdings deutlich, dass bei der Einführung von Priorisierung als bestimmendem Faktor der Gesundheitsversorgung etwas komplexere Anforderungen zu bewältigen seien.

Geordnete Rangfolge

Grundsätzlich führe Priorisierung zu einer mehrstufigen Rangfolge. Ganz vorne stehe, was nach Maßgabe gesellschaftlich geklärter Ziele, Werte und Normen und Kriterien sowie nach Datenlage und fachlichem Konsens in einem geordneten Verfahren als dringend behandlungsbedürftig oder unverzichtbar beurteilt wird. Hinten stehe das, was keiner medizinischen Behandlung bedarf, kaum oder nicht wirkt beziehungsweise mehr schadet als nützt.

Gross sieht als Ausgangspunkt für Priorisierung nicht unbedingt Ressourcenknappheit, obwohl natürlich eine drohende oder bereits bestehende Rationierung den Anstoß zur Umsetzung einer solchen Maßnahme geben könnte. „Was wir jetzt haben, ist eine implizite Rationierung – das ist gewiss die schlechteste Lösung.“ Genauso gute Dienste könne die Priorisierung aber bei der sinnvollen Verteilung von Ressourcenzuwächsen oder bei der Re-Distribution von Ressourcen zwischen Über- und Unterversorgung leisten. Zweifel seien allerdings angebracht, so ein Teilnehmer des Workshops, ob es jemals gelingen werde, den Begriff positiv zu besetzen.

Thomas Gerst

Abstimmung einer TherapieRangfolge

Was soll bloß mit Herrn Meier geschehen? Damit mussten sich die Teilnehmer des Workshops „Ärztlich unterstützte Priorisierung“ auseinandersetzen. Bei Herrn Meier (55 Jahre, 180 cm, 100 kg, verheiratet, zwei Kinder) wurde vor sechs Monaten ein metabolisches Syndrom (Adipositas, Hypertonie, Dyslipidämie) diagnostiziert. Meier, seit 30 Jahren Sachbearbeiter in der öffentlichen Verwaltung, ohne Aufstiegsmöglichkeit, Freizeit verbringt er mit Fernsehen und kurzen Spaziergängen an Wochenenden, er erhielt bereits zweimal eine Unterweisung in Lebensstilmodifikation durch den Hausarzt und ein kombiniertes Abnehm- und Fitnessprogramm der Krankenkasse. Aktuell wird eine leichte Verschlechterung des metabolischen Syndroms und das Erstauftreten einer prädiabetischen Stoffwechsellage erkannt.

Auf der Grundlage dieses Fallbeispiels, zusätzlich noch Laborwerte, sollten die Workshopteilnehmer 16 Behandlungsoptionen auf einer Skala (muss, soll, kann, nicht tun) bewerten. Überraschendes Ergebnis: Es kam fast nirgendwo zu einem eindeutigen Meinungsbild, aber es zeigten sich deutliche Präferenzen für einige Optionen. Muss- und Soll-Bewertungen bei mehr als 60 Prozent der Teilnehmer gab es fünf Mal – und zwar für psychotherapeutische Diagnostik/Therapie, Beratung zur Lebensstilmodifikation, Kurse zur Lebensstilmodifikation, Therapie mit ACE-Hemmern/AT1-Blockern, strukturiertes Behandlungsprogramm (DMP). Kann- und Nicht-tun-Bewertungen bei mehr als 80 Prozent gab es für pharmakologische Adipositastherapie, Therapie mit Fibraten oder mit Metformin/Acarbose, Behandlung in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis und Heilfasten.

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