ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2014Gerontologie: Der Gang verrät viel über den Gesundheitszustand im Alter

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Gerontologie: Der Gang verrät viel über den Gesundheitszustand im Alter

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): A-1906 / B-1629 / C-1561

Hahne, Dorothee

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Das Gehtempo, die Variabilität der Schritte und die Fähigkeit, beim Gehen zu sprechen oder zu rechnen, geben klare Hinweise auf die Muskelmasse und die geistige Fitness. Die Fähigkeit zu „Multitasking“ kann auf jeden Fall trainiert werden.

Typische Merkmale des Gangs in höherem Alter sind: kürzere Schrittlänge, geringeres Abrollen des Fußes, vorgebeugter Rumpf. Foto: dpa
Typische Merkmale des Gangs in höherem Alter sind: kürzere Schrittlänge, geringeres Abrollen des Fußes, vorgebeugter Rumpf. Foto: dpa

Mit 90 Jahren klar im Kopf, gut zu Fuß und aktiv im sozialen Leben mitmischen: Das wünschen sich wohl die meisten Menschen. Doch wie gelingt es, bis ins hohe Alter fit zu bleiben? Welche Einflüsse sind dafür entscheidend? „Bislang gibt es nur wenige prospektive, randomisierte Interventionsstudien zum Thema gesundes Altern“, meint Prof. Dr. med. Reto Kressig, Universitäres Zentrum für Altersmedizin am Felix-Blattner-Spital, Basel. Seit 2012 läuft die europäische Do-Health-Studie (1), die bis 2017 untersucht, welche Rolle Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und einfache körperliche Trainingsprogramme für den Erhalt der körperlichen und kognitiven Gesundheit im Alter spielen.

Unbestritten ist die Bedeutung von regelmäßiger körperlicher Bewegung. Doch obwohl die positiven Effekte bekannt sind, gab in einer europäischen Studie (2) mit circa 2 000 Senioren nur knapp die Hälfte an, mehr als 3,5 Stunden pro Woche körperlich aktiv zu sein – also zum Beispiel Fahrrad zu fahren, im Garten zu arbeiten, zu schwimmen, zu tanzen oder zu walken. Als Hauptgrund für den eher passiven Lebensstil gaben die Befragten „fehlendes Interesse“ an (3).

Progressives Krafttraining

Zwei prägende Voraussetzungen für Unabhängigkeit im Alter sind die Gangsicherheit und die kognitive Fitness. Dass sich Muskeln selbst im hohen Alter noch trainieren lassen, zeigt eine Studie mit 100 Pflegeheimbewohnern im Alter von durchschnittlich 87 Jahren: Progressives Krafttraining über zehn Wochen führte zur Verdopplung der Muskelkraft, die Kombination mit Proteindrinks brachte sogar eine Steigerung um 130 Prozent (4).

„Das Krafttraining im Alter verbesserte aber nicht die Gangsicherheit und bewirkte auch keine Sturzreduktion“, so Kressig. Zu diesem Ergebnis kommt ein Cochrane Review mit 120 Studien und 6 700 Probanden (5). Offenbar basiert sicheres Gehen nicht nur auf muskulären Aktivitäten, sondern auf dem Zusammenspiel verschiedener Organsysteme.

Die Qualität der motorischen Kontrolle und die Gangsicherheit sind anhand des Gangbildes definierbar. Dabei ist die Gangvariabilität wesentlich, also Veränderungen von Schritt zu Schritt. Ein sicherer Gang ist regelmäßig und hat einen sehr geringen Variations-Koeffizienten. „Dagegen führt bereits eine Variabilität von 1,7 cm zur Verdoppelung des Sturzrisikos“, kommentiert Kressig (6).

Walk- and Talk-Test

Um mögliche Probleme früh behandeln zu können, ist die Messung der funktionellen Reserven wichtig. Dazu eignet sich das Dual-Tasking, das eine motorische mit einer kognitiven Aufgabe verbindet, also etwa beim Gehen leichte Rechenaufgaben gelöst werden sollen. Bekannt ist der „Walk- and Talk-Test“ (7): In diesem Modell zur Testung der Stressresistenz wurde nachgewiesen, dass ältere Menschen, die während des Gehens beim Sprechen stehen bleiben, in den kommenden sechs Monaten ein massiv erhöhtes Sturzrisiko haben. Die Gangregelmäßigkeit gibt unter Dual-Task auch frühe Hinweise auf kognitive Probleme wie Mild Cognitive Impairment (MCI).

Die Fähigkeit zu „Multitasking“, – eine Exekutivfunktion – hat ihren Sitz im Frontalhirn und kann durch spezifische Interventionen trainiert werden. Ein Beispiel ist die Rhythmik nach Émile Jaques-Dalcroze, die sowohl die Motorik als auch die Kognition fordert. Sie besteht aus wechselnden Bewegungsfolgen, die den gesamten Körper involvieren, im Rhythmus von improvisierter Klaviermusik in der Gruppe ausgeführt werden und je nach Melodie unerwartet wechseln können. „Das ist Multitasking par excellence“, sagte Prof. Kressig. „Eine Gruppe 80-jähriger Frauen, die seit über 40 Jahren Rhythmik nach Jaques-Dalcroze machen, schnitt im Dual-Tasking so gut ab wie 30-Jährige“, so Kressig weiter (8).

Unterschenkelumfang als Maß

Ein häufiges Problem im Alter ist die Sarkopenie, die mit verminderter Muskelmasse, Funktion und Kraft einhergeht. Sie kann mehrere Ursachen haben, wie Kachexie, neurodegenerative Krankheiten, Immobilität oder Bewegungsmangel. Zur Prüfung eignet sich die Handkraft, besser noch die Gehgeschwindigkeit. Können Personen weniger als einen Meter pro Sekunde gehen, deutet dies auf eine Sarkopenie hin (9). „Wer nur 80 Zentimeter schafft, kommt an deutschen Ampeln während der Grünphase nicht über die Straße“, so Prof. Dr. Cornel Sieber, Institut des Alterns an der Universität Erlangen-Nürnberg. Neben der Gehgeschwindigkeit ist der Unterschenkelumfang an der breitesten Stelle der Wade ein gutes Maß für die Muskelmasse: Beträgt der Umfang weniger als 31 Zentimeter, liegt eine Sarkopenie vor.

Viele ältere Menschen sind übergewichtig und haben gleichzeitig eine Sarkopenie, weil die Muskelmasse durch Fett ersetzt ist. Typisches Erscheinungsbild dieser „sarcopenic obesity“ sind ältere Männer mit dickem Bauch und Bermuda-Shorts, aus denen spindeldürre Beine ragen. „Der BMI ist folglich kein gutes Maß für eine Sarkopenie, da das Gewicht trotz Muskelabbau gleich bleiben kann“, betont Sieber. Generell gilt: Die Abnahme der Muskelmasse nach dem 40. Lebensjahr ist ein physiologischer Prozess. Mit Ernährung und Bewegung lässt sich jedoch effektiv gegensteuern. „Man kann bis ins höchste Alter Muskulatur aufbauen, selbst im Pflegeheim“, so Sieber.

Wie trainierbar ein Mensch auch im Alter ist, zeigt das Modell der Master-Athleten. Diese Sportler nehmen oft bis in die achte oder neunte Lebensdekade an Wettkämpfen teil. „Man kann in jedem Alter mit Sport anfangen“, sagte Prof. Dr. med. Jörn Rittweger vom Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln. Die meisten Master-Athleten trainieren fünf bis zehn Stunden pro Woche.

Entgegen der allgemeinen Vermutung ist das Verletzungsrisiko beim Sport unabhängig vom Alter (10). Wahrscheinlich nimmt es mit dem Alter sogar ab.

Wie in der Normalbevölkerung sinkt auch bei Master-Athleten die Sprungleistung mit den Jahren. Trainiert man jedoch bereits seit der Jugend, hat man in jedem Lebensalter eine höhere Sprungleistung. Auch die Ausdauerfähigkeit nimmt mit dem Alter ab, ebenso wie die Knochenfestigkeit. In der Literatur wird immer betont, wie wichtig es für die Knochengesundheit sei, vor der Pubertät mit Sport zu beginnen.

Dass Training in jedem Lebensalter wirkt (11) belegen Untersuchungen an Radius und Humerus zwischen Tennisspielern, die vor und nach der Pubertät mit dem Sport begonnen haben. Es ergaben sich kaum Unterschiede. Auch der altersbedingte Abfall der Ausdauerfähigkeit kann ausgeglichen werden. Hören (Master-)Athleten allerdings auf zu trainieren, verschwinden die positiven Effekte.

„Man muss davon ausgehen, dass alle Trainingseffekte irgendwann ausgewaschen werden, und bei den metabolischen Effekten geht das zügig“, sagte Rittweger. Das gilt vor allem für die Insulinresistenz, die bereits nach zehn Tagen Trainingspause das Niveau der Normalbevölkerung erreicht. „Wer Diabetes durch Sport vorbeugen möchte, sollte mehrmals pro Woche trainieren“, empfiehlt Rittweger.

Mit den Jahren lässt nicht nur die Muskelmasse, sondern auch die kognitive Leistungsfähigkeit nach. Das duale Grundmodell der Intelligenz geht davon aus, dass sich die kognitive Leistungsfähigkeit aus der fluiden und der kristallisierten Intelligenz zusammensetzt. Die fluide Intelligenz ist angeboren und bestimmt beispielsweise das Tempo der Informationsverarbeitung. Die kristallisierte Intelligenz hingegen ist das im Lauf des Lebens akkumulierte Wissen, also Schulwissen wie Sprachen oder mathematisch-physikalische Zusammenhänge. Beide Fähigkeiten altern in unterschiedlicher Weise. Die fluide Intelligenz erreicht ihren Höhepunkt etwa mit 30 Jahren und nimmt dann biologisch determiniert ab. Die kristallisierte Intelligenz kann dagegen bis ins hohe Lebensalter zunehmen.

Das duale Modell lässt sich mit vielen Beispielen untermauern: Der amtierende Schachweltmeister ist Anfang 20, experimentelle Physiker sind in der Regel Anfang 30, wenn sie bahnbrechende Erkenntnisse gewinnen. „Diese Aufgaben fordern vor allem die schnellen fluiden Informationsleistungen“, erklärte Dr. Roland Rupprecht, Institut für Psychogerontologie, Universität Erlangen-Nürnberg.

Sport trainiert das Gehirn

Auf der anderen Seite zeigen viele Studien, dass kognitive Leistungen auch durch körperliches Training verbessert werden können. Als Beleg gilt die ACTIVE*-Studie mit 2 800 Personen (65 bis 94 Jahre), deren kognitive Leistungsfähigkeit mit unterschiedlichen Methoden trainiert wurde. Die Ergebnisse waren deutlich besser, wenn körperliches Training zum Programm gehörte (12). Eine Meta-Analyse belegt zudem die positiven Auswirkungen eines Ausdauer-Fitnesstrainings auf die kognitive Leistungsfähigkeit (13).

Kognitive Aktivierung bewirkt einen verstärkten Transmitteraustausch an bestehenden Synapsen und die Neubildung von Synapsen auch im höheren Lebensalter. Körperliche Aktivierung unterstützt diese Prozesse durch eine bessere Durchblutung des Gehirns.

Dipl. oec. troph. Dorothee Hahne

*ACTIVE = Advanced Cognitive Training for Independent and Vital Elderly

Quelle: Workshop „Altern – kein Thema nur für Alte“ in Regensburg. Veranstalter: Institut Danone Ernährung für Gesundheit e.V. und das Institut für Biomedizin des Alterns der Universität Erlangen-Nürnberg.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4414
oder über QR-Code

1.
http://do-health.eu
2.
Alfonso C, et al.: Physical activity in European seniors: Attitudes, beliefs and levels. Journal of Nutrition Health & Aging 2001; 5: 226–9. MEDLINE
3.
Crombie IK, et al.: Why older people do not participate in leisure time physical activity: a survey of activity levels, beliefs and deterrents. Age and Ageing 2004; 33: 287–92. CrossRef MEDLINE
4.
Fiatarone MA, et al.: Exercise training and nutritional supplementation for physical frailty in very elderly people. NEJM 1994: 1769–75. CrossRef MEDLINE
5.
Liu CJ, Latham NK: Progressive resistance strength training for improving physical function in older adults. Cochrane Database Syst Rev 2009. CrossRef MEDLINE
6.
Maki BE: Gait changes in older adults: Predictors of falling or indicators of fear?
J Am Geriatr Soc 1997;45: 313–20. MEDLINE
7.
Lundin-Olsson L, et al.: “Stops walking when talking” as a predictor of falls in elderly people. Lancet 1997; 349: 617. CrossRef MEDLINE
8.
Kressig RW, Allali G, Beauchet O: Long-term practice of Jaques-Dalcroze Eurhythmics prevents age-related increase of gait variability under dual-task. J Am Geriatr Soc 2005; 53: 728–9. CrossRef MEDLINE
9.
Cesari M, et al.: Skeletal muscle and mortality results from the InCHIANTI Study. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2009; 64: 377–84. CrossRef MEDLINE PubMed Central
10.
Ganse B, Degens H, Drey M, Korhonen MT, McPhee J, Müller K, Johannes BW, Rittweger J: Impact of age, performance and athletic event on injury rates of master athletics – First results from an ongoing prospective study. J Musculoskelet Neuron Interact 2014; 14: 148–54. MEDLINE
11.
Ireland A, Maden-Wilkinson T, Ganse B, Degens H, Rittweger J: Effects of age and starting age upon side asymmetry in the arms of veteran tennis players: a cross-sectional study. Osteoporos Int 2014; 25: 1389–400. CrossRef MEDLINE
12.
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13.
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Typische Merkmale des Gangs in höherem Alter sind: kürzere Schrittlänge, geringeres Abrollen des Fußes, vorgebeugter Rumpf. Foto: dpa
Typische Merkmale des Gangs in höherem Alter sind: kürzere Schrittlänge, geringeres Abrollen des Fußes, vorgebeugter Rumpf. Foto: dpa
Der Gang verrät viel über den Gesundheitszustand im Alter
Typische Merkmale des Gangs in höherem Alter sind: kürzere Schrittlänge, geringeres Abrollen des Fußes, vorgebeugter Rumpf. Foto: dpa
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